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„Aufarbeitung wichtiger denn je“

Prof Roland Sturm (Bild: FAU)

Prof. Roland Sturm (Bild: FAU)

Was heute, nach 22 Jahren Deutsche Einheit, von der DDR geblieben ist und warum die Aufarbeitung der Deutsch-Deutschen Vergangenheit von immenser Bedeutung ist – das erklärt Prof. Dr. Roland Sturm, Inhaber des Lehrstuhls für Politische Wissenschaft I an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg.

Am 3. Oktober hat ganz Deutschland, einmal mehr, den Tag der Deutschen Einheit gefeiert. Passend zum Anlass diskutierte die Medienlandschaft ausführlich das Verhältnis Ost-West heute – und stellte fest, dass das Rentenniveau unterschiedlich ist, dass viele junge Menschen aus dem Westen noch nie im Osten waren oder dass die Arbeitslosenquote in der Uckermark alle Rekorde schlägt. Das klingt alles noch sehr nach Unterschieden. Sind wir mittlerweile tatsächlich ein vereinigtes Deutschland geworden, auch in den Köpfen? Da hilft es, die Frage einmal anders herum zu stellen: Was ist nach 22 Jahren von der DDR geblieben?

Was zuvörderst ins Auge sticht: Es ist erstaunlich, wie wenig junge Leute heute über die Realität in einer Diktatur wissen. Sicher, sie sind nicht mehr in ein solches System hineingeboren, doch noch ihre Eltern haben womöglich unter den Repressalien gelitten. Dennoch ist – glaubt man empirischen Erhebungen – unter jungen Leuten die Meinung zu hören, die DDR sei der beste „Sozialstaat“ gewesen, den Deutschland je hatte. Reisefreiheit, Meinungsfreiheit, die Freiheit zu wählen – all dies ist mittlerweile selbstverständlich, für junge Menschen in Ost und West. Eher zweitrangig ist da die tatsächliche Situation von Menschen, die unter den Bedingungen leben mussten. Warum ist das so?

Dazu trägt sicherlich die unterschiedlich DDR-Perzeption in Ost-West bei. Den Menschen im Osten ist häufig die Normalität des Alltags deutlicher in der Erinnerung als die staatliche Repression. Ohnehin hat man als Bürger der DDR stark getrennt zwischen Privatsphäre und ihren Regeln einerseits und den staatlichen Anforderungen und Zwängen andererseits. Nicht verwunderlich also, dass man sich von den staatlichen Vorstellungen auch leichter wieder trennen konnte. Was blieb, war das Private. Und mit ihm eine gewisse Nostalgie, die Erinnerung an die Solidarität, die entsteht, wenn alle in der gleichen schlechten Lage sind.

Gespaltene Erinnerungskultur

Zugleich ist unsere Erinnerungskultur gespalten: Es gibt immer welche, die vom System profitiert haben – und davon gibt es noch zu viele. Systemtreue Altkader, die auch heute noch in Führungspositionen sitzen, von Parteien, von Behörden. Jene, die in Publikationen das alte System verteidigen, die versuchen, die DDR-Vergangenheit weiß zu waschen – nicht selten mit Argumenten, die humanistischen Ziele des Sozialismus hätten auch die Mittel gerechtfertigt. Wir können nur hoffen, dass sie mit dem Generationenwechsel verschwinden. Doch noch lullen sie das kritische Bewusstsein junger Menschen ein – und wer wenig weiß, dem kann man viel erzählen. Parteienwettbewerb?! Gab es doch. Und wie genau kann man eigentlich eine Mauer durch ganz Berlin bauen? Wie immer haben es die Opfer am schwersten, Gehör zu finden.

Die Auseinandersetzung mit dem System der DDR wird jungen Menschen also nicht leicht gemacht, so scheint es. Doch Aufarbeitung und kritische Auseinandersetzung sind für das Gesunden einer Gesellschaft, für das Entstehen einer gemeinsamen Identität essentiell. An Ansätzen mangelt es nicht: Von der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur über die Deutsche Gesellschaft in Berlin oder die Stiftung Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen bis hin zur Jahn-Behörde (Stasi-Unterlagen) und die Stimmen der Bürgerrechtler generell. Doch welches Gehör finden sie in der Gesellschaft? In der Politik sind sie fast nicht mehr sichtbar, ihre Parteien werden nicht gewählt und damit marginalisiert. Selbst bei den Grünen – die sich seinerzeit mit Bündnis 90 zusammengeschlossen hatten – ist die DDR-Vergangenheit auf Bundesebene kaum mehr personell vertreten.

Was ist aber der Auftrag an uns als Gesellschaft, an die Politik – auch an die Bildungspolitik. Und nicht zuletzt: an die Universitäten?

Bildungsauftrag an Politik und Gesellschaft

Wir müssen versuchen, mit politischer Bildung die DDR-Vergangenheit am Leben zu halten – so wie es, in Unterricht und öffentlicher Diskussion, mit den Folgen anderer Diktaturen eine Selbstverständlichkeit ist. Wir müssen junge Menschen sensibilisieren für das Leben in einem repressiven System – und ihnen helfen, die Vorzüge unserer Demokratie deutlicher zu schätzen. Die aktuelle Welle an Filmen über das DDR-System – gerade war der Zweiteiler „Der Turm“ im Fernsehen zu sehen – ist sicher ein positives Signal. Doch haben Filme immer die Logik von Filmen, sie stellen menschliche Schicksale in den Mittelpunkt – können aber kaum die systematische Unterdrückung aufzeigen, die in einem System herrschte, in dem auf jeden sechsten Bürger ein Stasi-Mitarbeiter kam. Oder die Absurdität eines Staates, der pleite war und der Gefangene verkaufte, um Devisen ins Land zu bringen.

Dafür gibt es nur einen Weg: Wir müssen Zeitzeugen der DDR-Diktatur sprechen lassen, ihnen öffentlich Gehör verschaffen. Wir müssen über die DDR sprechen. Und wir müssen vor allem diejenigen sprechen lassen, die das Privileg haben, dass alles was sie sagen, öffentlich wahrgenommen und in den Medien reflektiert wird: prominente Zeitzeugen. Schauspieler, Musiker, Stars. Diejenigen, auf die auch junge Leute hören, deren Vergangenheit ihnen vielleicht sogar spannender erscheint als die ihres Onkels oder ihrer Großmutter. Der gesellschaftliche Diskurs über die Deutsch-Deutsche Vergangenheit ist heute – 22 Jahre nach der Wiedervereinigung– wichtiger denn je.

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