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„Entscheidend, ob andere Staaten nachfolgen“

Prof. Dr. Veronika Grimm (Bild: FAU)

Prof. Dr. Veronika Grimm (Bild: FAU)

Bundesumweltminister Peter Altmaier hat seine Pläne für die Energiewende vorgestellt. Fest steht: Die Verbraucher in Deutschland müssen für ihren Strom immer tiefer in die Tasche greifen. Woran das liegt und was uns in Sachen Energiewende noch bevorsteht, erklärt Prof. Dr. Veronika Grimm, Inhaberin des Lehrstuhls für Volkswirtschaftslehre, insbesondere Wirtschaftstheorie und Leiterin des Forschungsbereichs „Economy“ am Energie Campus Nürnberg (EnCN), der sich mit den wirtschaftlichen Aspekten des Zukunftsthemas Energie beschäftigt.

EEG-Umlage und Netzausbau als Preistreiber

Nicht der Großhandelspreis für Strom führt momentan zu den starken Steigerungen der Endverbraucherpreise, sondern vor allem die EEG-Umlage und die Umlage der Netznutzungsentgelte. Zentraler Preistreiber ist die EEG-Umlage. Das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) garantiert die Einspeisung von Strom aus erneuerbaren Quellen zu gesetzlich festgelegten Preisen.

Die dadurch entstehenden Kosten werden auf die Verbraucher umgelegt. Diese Kosten sind bisher völlig unabhängig von der Energiewende, also dem Atomausstieg in Deutschland, zu sehen und beruhen auf der Gesetzgebung der vergangenen Jahre. Es ist allen Akteuren bekannt, dass das teuer ist. Fast alle Interessenvertreter haben inzwischen erkannt, dass ein sehr großer Nachjustierungsbedarf bezüglich des EEG besteht – sowohl was die Vergütungsstruktur als auch das EEG insgesamt betrifft. Aber aufgrund des Kernenergieausstieges besteht natürlich ungleich mehr Bedarf, den Ausbau erneuerbarer Energien voranzutreiben.

Ein weiterer Preistreiber sind die Kosten für den Netzausbau. Der massive Zubau regenerativer Energien muss – dies ist ebenfalls im Gesetz vorgeschrieben – an das bestehende Netz angeschlossen werden. Das Abschalten von Atomkraftwerken (AKW) würde in den nächsten Jahren zu partiellen Ungleichgewichten im Netz führen, die mit einzelnen neuen Trassen abgefedert werden müssen. Was die Kosten für die Endverbraucher betrifft, so ist momentan aber die EEG-Umlage quantitativ um einiges gewichtiger einzuschätzen als die Netzausbaukosten.

Es ist unstrittig, dass die Entwicklung und Markteinführung neuer Technologien und auch der Netzausbau viel Geld kostet. Inwieweit die Energiewende in Deutschland gelingt, hängt vor allem davon ab, ob die staatliche Förderung effektiv eingesetzt wird. Das funktioniert lediglich mit sinnvollen Anreizmechanismen. Bei der Photovoltaik hat das zum Beispiel nur begrenzt geklappt – man muss aber auch sehen, dass es hier international nur wenige Vorbilder gab.

Zurzeit keine direkten Wettbewerbsnachteile für große Unternehmen

Ein sehr schwieriges Thema ist die Verteilung der Lasten der Energiewende. Da es sich sowohl beim Thema CO2-Reduktion als auch beim Ausstieg aus der Kernenergie im Wesentlichen um europäische beziehungsweise deutsche Alleingänge handelt, ist es wichtig, keine zu starken Wettbewerbsverzerrungen für Unternehmen zu provozieren. Momentan sind Unternehmen mit hohem Stromverbrauch weitgehend von der EEG-Umlage ausgenommen – es ist aber fraglich, ob das eine auf Dauer tragfähige Lösung ist. Allerdings helfen alle guten Vorsätze nicht viel, wenn die Produkte am Ende nicht CO2-arm in Deutschland hergestellt werden, weil die Wirtschaft nicht wettbewerbsfähig ist, sondern CO2-reich zum Beispiel in China.

Mit Blick auf den Ausstieg aus der Kernenergie ist auch die zunehmende Integration des europäischen Strommarktes interessant. Unklar ist zurzeit, inwieweit ein nationaler Ausstieg aus der Kernenergie in einem europäischen Markt wirklich durchgesetzt werden kann und sollte. Es kann ja nicht das Ziel sein, französischen Atomstrom zu importieren, dort also auf Dauer sogar neue AKWS zu sehen. Die EU-Gesetze verbieten aber eine direkte Diskriminierung französischen Atomstroms. Momentan wird der Markt eben einfach mit deutschem Strom aus regenerativen Quellen geschwemmt, so dass Importe noch keine große Rolle spielen.

Energiewende zahlt sich langfristig aus

Die Frage lautet also: Lohnt sich die Energiewende, also eine CO2-arme Stromversorgung bei gleichzeitigem Verzicht auf Atomstrom in Deutschland?

Aus der Perspektive einer kurzfristigen Gewinnmaximierung erscheint die Energiewende ein heikles Unterfangen. Es muss jetzt viel Geld in die Hand genommen werden, um die Lebenssituation zukünftiger Generationen potenziell zu verbessern. Verzichten wir allerdings heute darauf, auf eine nachhaltige Energieversorgung umzustellen, bürden wir unseren Kindern und Kindeskindern eine große Last auf. Sowohl die Erderwärmung als auch die Endlagerung von Atommüll sind mit Kosten für zukünftige Generationen verbunden, deren Höhe wir uns kaum vorstellen können.

Aus der Perspektive einer langfristigen Gewinnmaximierung, welche auch künftige Generationen einschließt, scheint es die bessere Variante zu sein, die Energiewende voranzutreiben. Ein ganz entscheidender Faktor wird sein, ob Deutschland hier tatsächlich eine Vorreiterrolle einnimmt, ob also andere Staaten nachfolgen. Und das wird nicht zuletzt daran liegen, ob die Alternativen zur konventionellen Stromerzeugung, die zurzeit entwickelt werden, sich auf lange Sicht im In- und Ausland durchsetzen werden.

Weitere Informationen:

Prof. Dr. Veronika Grimm
Tel.: 0911/5302-224
veronika.grimm@wiso.uni-erlangen.de

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