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„Verbindung von Neorealismus mit den Erzähltraditionen des ländlichen Chinas“

Professor Dr. Marc Andre Matten (Bild: FAU)

Professor Dr. Marc Andre Matten (Bild: FAU)

Heute ging der Nobelpreis für Literatur an den chinesischen Autor Mo Yan. Wie dieser seine Kritik an China präsentiert, warum er vor plastischen Darstellungen von Gewalt nicht zurückschreckt und wieso er politisch inkorrekt und politisch korrekt zugleich ist – das erklärt Prof. Dr. Marc Andre Matten. Er ist Professor für Zeitgeschichte Chinas am Lehrstuhl für Sinologie der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, in seinem aktuellen Meinungsbeitrag.

„Mo Yan, 1955 in einem armen Bauerndorf geboren in der Provinz Shandong, verließ in der Kulturrevolution (1966-76) die Schule und arbeitete in der Landwirtschaft, bevor er in die Volksbefreiungsarmee aufgenommen wurde. In dieser Zeit studierte er Literatur und begann, eigene Erzählungen zu verfassen. In seinen Schriften verarbeitet er die letzten hundert Jahre chinesischer Geschichte, die geprägt sind von Krieg, Leid und Elend. Er ist bereits mit den wichtigsten chinesischen Literaturpreisen ausgezeichnet worden. Zu seinen bekanntesten Werken gehören Das Rote Kornfeld (1986, verfilmt von Zhang Yimou 1987), Die Knoblauchrevolte (1988) und Die Schnapsstadt (1993), die allesamt in deutscher Übersetzung vorliegen. Sie thematisieren sowohl vergangene als auch gegenwärtige Konflikte der Landbevölkerung in einem China, das sich bis heute in einem radikalen Wandel befindet.

Mo Yan präsentiert seine Kritik an den sozialen, politischen und ökonomischen Konflikten in China sehr offen und direkt. Beeinflusst von William Faulkner und Gabriel García Márquez verbindet er einen ausgesprochenen Neorealismus mit den Erzähltraditionen des ländlichen Chinas. In seinen Arbeiten schreckt er vor plastischen Darstellungen von Kannibalismus, Vergewaltigung und Mord nicht zurück, was sich einerseits als sehr verkaufsfördernd erwies, andererseits aber auch sein gespaltenes Verhältnis zu Politik kennzeichnet. Überzeugt, dass vieles in der chinesischen Gesellschaft nicht richtig läuft, wird seinem Werk ein subversiver Charakterzug nachgesagt, aber das ist nur die eine Seite der Medaille. Er ist politisch unkorrekt, wenn es um die Kritik an der korrupten Beamtenschaft geht, lässt seine Protagonisten aber auch – politisch korrekt – die marktwirtschaftlichen Reformen seit 1978 als große Leistung der Partei preisen. Seinen eigenen Aussagen zufolge sind Schriftsteller die Ärzte der Gesellschaft, welche die Krankheiten aufrichtig diagnostizieren sollen, ohne jedoch selbst Radikalkuren zu verordnen. Mo Yan kann sich diese Kritik deswegen leisten, weil er dank seiner Mitgliedschaft in Partei und Militär als staatstragender Autor gesehen wird: als er 2009 Mitglied der offiziellen Delegation Chinas auf der Frankfurter Buchmesse war, sah er sich dem Vorwurf gegenüber, ein „Staatsschriftsteller“ zu sein. Seine Romane sind jedoch weitaus vielschichtiger, als dass sie derartige unreflektierte Einschätzungen zuließen.

Nichtsdestotrotz wird er wohl als erster volksrepublikanischer Nobelpreisträger in die Annalen der chinesischen Geschichte eingehen. Im Gegensatz zu seinen Vorgängern Gao Xingjian (Literaturnobelpreis 2000) und Liu Xiaobo (Friedensnobelpreis 2010) erfreut sich sein literarisches Schaffen offizieller Anerkennung in China. Der Stolz auf den diesjährigen Preisträger hat jedenfalls schon kurz nach Verkündigung der Entscheidung seinen Niederschlag im Internet gefunden.“

Weitere Informationen

Prof. Dr. Marc Matten
Tel.: 09131/85-23094
Marc.Matten@sino.phil.uni-erlangen.de

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