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Mythos Christbaum

Prof. Dr. Georg Seiderer (Bild: privat)

Prof. Dr. Georg Seiderer (Bild: privat)

Vom Baum mit (Nähr-)Wert zum glitzernden Weihnachtsaccessoire

Jedes Jahr aufs Neue stellen Millionen Deutsche in der Weihnachtszeit einen Tannenbaum in ihr Wohnzimmer. Prof. Dr. Georg Seiderer vom Lehrstuhl für Neue Bayerische und Fränkische Landesgeschichte und Volkskunde erklärt, woher dieser Brauch kommt – und woher nicht.

Ein Weihnachtsfest ohne ihn ist für die meisten von uns kaum denkbar: Der Christbaum steht in Deutschland landauf landab im Zentrum weihnachtlichen Brauchtums. Von makellosem Wuchs muss er sein, für Christbaumschmuck sind geradezu jährliche Moden entstanden und für eine stattliche Nordmann-Tanne legen Familien in Deutschland schon einmal bis zu 60 Euro auf den Tisch. Angesichts dieser Euphorie ließe sich vermuten, dass der Weihnachtsbaum mit zu den ältesten weihnachtlichen Traditionen in unserem Land zählt. Viele von uns möchten seine Ursprünge am liebsten bei den keltischen Vorvätern ansiedeln – und liegen damit ganz schön daneben. Der Weihnachtsbaum nämlich – mit all seinem Schmuck und seiner Pracht – ist genau genommen eine Erfindung des Bürgertums im 19. Jahrhundert.

Zwar gibt es in der Tat sehr frühe Verweise,  die den Ursprung des Christbaums im Elsass vermuten lassen: Demnach wurden dort schon früh geschmückte „Dannenbäum“ an Weihnachten aufgestellt – wie etwa ein Hinweis von 1605 aus Straßburg belegt. Auch aus Bayern und Österreich ist überliefert, dass dort im späten 16. Jahrhundert bereits die Stube an Festtagen – unter anderem Weihnachten – mit Zweigen oder Reisern geziert wurde. Dies mussten übrigens keine Nadelbaumzweige sein – auch Buchsbaum oder Holunderzweige taugten für diesen Zweck. Ob damit der Weihnachtsbaum erfunden war, ist freilich ungewiss.

Dichter nämlich wird das Netz an Hinweisen erst im 18. Jahrhundert – dann auch zunehmend in Verbindung mit am Baum hängenden Nüssen, Früchten oder Gebäck für die Kinder. Noch hatte Christbaumschmuck keinen rein dekorativen Charakter: Die Gegenstände am Baum sollten einen (Nähr-)Wert besitzen.  Nicht zuletzt, weil die Freude über essbaren Schmuck zu dieser Zeit sicher größer war als über reine Ziergegenstände. Weitgehend unbekannt übrigens: Der Baum musste mitnichten aufgestellt sein – auch von der Decke hängend, mit der Spitze nach unten, erfüllter er seinen Zweck.  Um die Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert mehren sich die Quellen über Weihnachtsbrauchtum rund um den Christbaum – vor allem im städtischen Umfeld. Dies mag an den Quellen liegen, die vermutlich in der Stadt dichter gesät waren. Doch lässt sich sehr wohl vermuten, dass die Popularität des Festtagsbaums zunächst tatsächlich in der Stadt größer war als auf dem Land.

Prächtig wird es dann im 19. Jahrhundert. Das wohlhabende Bürgertum demonstrierte mit üppigem Baumschmuck seinen Wohlstand: Kerzen, Bänder und Vorformen des Lametta, aus Zinnfolien gefertigt, machten den Weihnachtsbaum zum herrlich anzusehenden Prestigegegenstand – zum Ausdruck bürgerlicher, zum Teil aber auch adliger Repräsentation. Dazu kamen die Möglichkeiten, Christbaumschmuck wie Bilder und Figuren aus Papier oder Karton, aber auch Anhänger aus verschiedenen Metallen, industriell zu fertigen. Und diese im 19. Jahrhundert begründeten Traditionen folgen wir – im weitesten Sinne – heute noch.

Ließe sich noch über die Symbolkraft des Christbaumes sinnieren – und auch hier, befürchte ich, greift die Interpretationslust gerne zu weit: Sicher, die Lichter am Baum als Symbol für das göttliche Licht zu verstehen, das mit der Geburt Christi in die Welt kommen soll, ist weder abwegig noch unzulässig. Doch die Historiker haben allen Grund zu vermuten, dass wir die hohe symbolische Aufladung dieses schönen Brauchs erst der Volkskunde des späten 19. Jahrhunderts verdanken – ein nicht ungewöhnlicher Vorgang übrigens: Jüngeres Brauchtum wird häufig erst durch nachträgliche Mythenbildung so überaus bedeutsam.

Der Beliebtheit des Christbaums sollte dies keinen Abbruch tun: Die Aufgabe, an Weihnachten Freude zu verbreiten, übernimmt er heute so gut wie vor 200 Jahren.

Weitere Informationen:

Prof. Dr. Georg Seiderer
Tel.: 09131/85-22789
georg.seiderer@gesch.phil.uni-erlangen.de

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