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Nach 50 Jahren Schlaf zurück in den Übungssaal

Vorher, nachher: Das Präparat eines Herzens mit Herzklappenentzündung haben Studierende der FAU in aufwändiger Arbeit rekonstruiert und aufgefrischt. (Foto: Philip Eichhorn)

Vorher, nachher: Das Präparat eines Herzens mit Herzklappenentzündung haben Studierende der FAU in aufwändiger Arbeit rekonstruiert und aufgefrischt. (Foto: Philip Eichhorn)

Historische Sammlungsobjekte bereichern künftig das Medizinstudium an der FAU

Medizinische Schätze in Ethanol und Formalin beherbergt die Pathologische Sammlung an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU): mehr als 1.000 Organe als Feuchtpräparate konserviert. Seit Jahrzehnten ruhten die Präparate im Depot. Das soll sich nun ändern. Mit Unterstützung der Mercator-Stiftung will die FAU die Exponate bei der Ausbildung angehender Mediziner einsetzen. Dafür erhält die Universität für ein Jahr rund 50.000 Euro und gehört damit zu den nur neun Universitäten in Deutschland, die von der Stiftung im Rahmen der Initiative „SammLehr – an Objekten lehren und lernen“ gefördert werden.

Bis in die 1960er Jahre war die Pathologische Sammlung ein Kernstück bei der Ausbildung der Medizinstudenten. Dann fanden die Dias ihren Weg in die Hörsäle und die Präparate wanderten ins Depot. „Heute sehen die Studierenden in ihren Kursen mehr und mehr digitale Aufnahmen und Animationen und entfernen sich so immer stärker vom eigentlichen Lerngegenstand, dem menschlichen Organismus“, sagt Dr. Tilman Rau, Oberarzt am Pathologischen Institut der FAU. „Dabei ist der direkte Kontakt mit einem Organ oder Gewebe viel eindrücklicher als ein Foto“, findet Rau. Deshalb möchte der Oberarzt den Studierenden die Präparate aus der Pathologischen Sammlung der Universität zugänglich machen.

Krankheitsbilder, die man heute nicht mehr findet
Die meisten Exponate der Sammlung sind mehr als 100, einige sogar mehr als 150 Jahre alt. Dennoch – oder gerade deshalb – sind die Exponate bedeutsame Hilfsmittel für die Lehre, meint Rau. „So können wir unseren Studierenden zum Beispiel Krankheitsbilder zeigen, die man heute nicht mehr oder kaum noch findet“, erklärt Rau. Eine von Tuberkulose stark geschädigte Lunge zum Beispiel oder riesige – da unbehandelte – Tumoren. Eine Besonderheit der Erlanger Sammlung: Die Herkunft der Organe ist in den meisten Fällen eindeutig zu klären. Katalognummern führen zu Sektionsbüchern und zu Krankenakten, die noch immer im Archiv der Universität aufbewahrt werden. Die Krankengeschichten lassen sich also nachvollziehen, wie beim Präparat eines Halswirbelsäulenbruchs von einem jungen Mann nach dem Sprung in den Dechsendorfer Weiher. An solchen Präparaten können die Studierenden üben, Befunde zu erheben – durch exakte Begutachtung und Beschreibung des Präparats hinsichtlich Form, Farbe, Struktur, Konsistenz und Haptik.

Gelernt wird aber nicht nur, wie sie zu beschreiben sind, welche Krankheitsbilder sie zeigen, die Studierenden erfahren auch, wie die Präparate erhalten werden können und warum das wichtig und verantwortungsvoll ist. „Ein Problem von Sammlungen ist, dass sie ohne kontinuierliche Pflege, ohne ihre Wiederbelebung durch Projekte wie das von der Mercator-Stiftung unterstützte Lehrvorhaben verkommen und verloren gehen. Oft genug unwiederbringlich. Das ist – zumal im Falle von menschlichen Präparaten – besonders tragisch. Deshalb ist das Projekt so wichtig“, erklärt der Kustos der Sammlungen an der FAU, Udo Andraschke.

In einem ersten Schritt wird ein Kreis interessierter Studierender unter fachmännischer Anleitung sukzessive die pathologische Lehrsammlung erhalten und erweitern. Die Studierenden erlernen zum Beispiel von einem Präparator, wie die Organe gereinigt und konserviert werden und wie man sie so im Glas arrangiert, dass der Betrachter alle Besonderheiten deutlich erkennt. Gleichzeitig setzen sie sich mit ethischen und ästhetischen Aspekten der Präparation auseinander, lernen über die Fachgeschichte, über ihre Praktiken und den Wandel ihres Wissens. Schon ein Semester später kann die Lehrsammlung dann zum Einsatz kommen, womit alle Studierenden der Medizinischen Fakultät davon profitieren. Sammlungsgeschichtlich und wissenschaftsgeschichtlich begleitet wird das Projekt durch den FAU-Kustos Udo Andraschke, unterstützt wird es außerdem durch die Expertise des Berliner Medizinhistorischen Museums in Fragen der Präparation und ihrer Techniken.

Die FAU besitzt mehr als 20 wissenschaftliche Sammlungen
Die Pathologische Sammlung ist nur ein Teil der historischen Kostbarkeiten, die die FAU beherbergt. Die Universität besitzt mehr als 20 Sammlungen aus den unterschiedlichsten Wissensgebieten. Manche sind in erster Linie von historischer Bedeutung, andere spielen noch heute eine Rolle in Forschung und Lehre. „Unser Ziel ist es, dass historische und teils vergessene Sammlungen wieder zurückkehren in Hörsäle, Labors und Schauräume und dadurch erhalten bleiben“, erklärt Udo Andraschke. Und dies scheint an der FAU zu gelingen: Schülerbriefe aus der Schulgeschichtlichen Sammlung sind zurzeit in einer Ausstellung des Frankfurter Museums für Kommunikation zu sehen und Gegenstand einer geplanten Publikation, in Planung ist eine Ausstellung im Herbst über das Sammeln sowie eine kleinere studentische zu den Moulagen. Die historische Glasplattensammlung der Astronomie wird in einem groß angelegten Forschungsprojekt mit Unterstützung der Deutschen Forschungsgemeinschaft wissenschaftlich ausgewertet, Teile der antiken Münzsammlung sind Gegenstand eines zukünftigen Forschungsvorhabens. Ähnlich wie die Exponate der Pathologischen Sammlung sollen auch anatomische Präparate in die Lehre zurückkehren. Viele der Sammlungen bieten regelmäßig Führungen an oder sind im Rahmen von Ausstellungen sowie Veranstaltungen wie dem Collegium Alexandrinum und der Langen Nacht der Wissenschaften der Öffentlichkeit zugänglich.

Die Initiative „SammLehr – an Objekten lehren und lernen“
Insgesamt 96 Anträge von 54 Universitäten in Deutschland sind bei der Ausschreibung „SammLehr – an Objekten lehren und lernen“ der Stiftung Mercator eingegangen. Neun Universitäten wurden mit ihren Konzepten für eine stärker objektbezogene Lehre  von einer Jury ausgewählt. Die Stiftung mit ihrer Initiative „SammLehr – an Objekten lehren und lernen“ möchte das Sammlungen und Objekten innewohnende Potential für die Lehre erschließen.

Mehr dazu im Internet unter www.sammlungen.fau.de

Weitere Informationen:

Dr. Tilman Rau
Tel.: 09131/85-25782
tilman.rau@uk-erlangen.de

Udo Andraschke
Tel.: 09131/85-20745
udo.andraschke@zuv.uni-erlangen.de

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