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Vorsicht beim Griff in den Medikamentenschrank

Prof. Dr. Johannes Kornhuber (Bild: Uni-Klinikum Erlangen / Fotograf Pflaumer/Nürnberg)

In Kürze erscheint die fünfte Auflage des US-Standardwerks zu psychischen Störungen, kurz DSM (Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders). Herausgegeben wird es von der American Psychiatric Association (APA); der Erscheinungstermin für die fünfte Auflage ist Mai 2013. Im Vorfeld entbrannten zum Teil heftige Diskussionen über Krankheitsbilder, die neu hinzukommen oder modifiziert wurden. Prof. Dr. Johannes Kornhuber, Lehrstuhl für Psychiatrie und Psychotherapie an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, erklärt, welche Folgen das neue Handbuch haben wird.

Eines ist sicher: Die Neuauflage des DSM wird weltweit beachtet werden. In Deutschland jedoch verwenden wir die ICD-10, die International Classification of Diseases, die von der Weltgesundheitsorganisation herausgegeben wird. In der ICD-10 wie auch in dem DSM-5 werden psychiatrische Störungsbilder beschrieben und definiert. Dadurch können Psychiater in verschiedenen Ländern verlässliche und vergleichbare Diagnosen stellen. So wird mit der Anwendung dieser Diagnosehandbücher beispielsweise sichergestellt, dass die Diagnose „Schizophrenie“ eines Patienten in Australien dasselbe meint, wie bei einem Patienten in Indien. Doch auch wenn unsere tägliche Arbeit vom neuen DSM nur indirekt beeinflusst werden wird, lohnt es sich, einen Blick darauf zu werfen.

Die Forschung ist natürlich seit dem Erscheinen der vierten Auflage vor 20 Jahren nicht stehen geblieben und wir verfügen über eine Menge neuer Erkenntnisse. Das betrifft zum Beispiel den Verlauf psychischer Störungen oder neue diagnostische Werkzeuge. Dadurch verstehen wir psychiatrische Störungsbilder heute besser als damals und können sie auch zuverlässiger diagnostizieren. Als Beispiel möchte ich hier die frühe Diagnose einer Alzheimer-Krankheit anführen, die im DSM-5 unter anderem durch bildgebende und neurochemische Untersuchungen untermauert werden kann. Für viele Diagnosen besteht die Hoffnung, dass mit der Weiterentwicklung des DSM die Kriterien verbessert werden, mit denen wir psychische Störungsbilder beschreiben.

Die immer wieder vorgetragene Sorge einer unzulässigen Ausweitung von Diagnosen und einer diagnostischen Inflation ist möglicherweise berechtigt. Dies werden wir nach der Einführung von DSM-5 sorgfältig beobachten müssen. Am Beispiel Burnout ist jedoch erkennbar, dass nicht jeder Risikozustand oder jede Befindlichkeitsstörung gleich als neues Störungsbild in das DSM-5 aufgenommen wird. Als besonders problematisch erachte ich allerdings, dass die Schwelle zur Diagnose einer schweren Depression bei trauernden Menschen, die eine geliebte Person verloren haben, gesenkt wird. Das könnte dazu führen, dass viele Trauernde bereits nach kurzer Zeit – die Rede ist hier von zwei Wochen – die Diagnose einer Depression erhalten und dann möglicherweise sogar mit Medikamenten behandelt werden.

Wir sollten uns davor hüten, jede Abweichung von einer Durchschnittsnorm und jede Missempfindung als psychische Störung zu diagnostizieren und, schlimmer, gleich medikamentös zu behandeln. Das normale menschliche Verhalten ist bunt und vielfältig und das ist gut so. Trauer, Wut, Verliebtheit sind meist normal. Psychiatrische Klassifikationssysteme wie das DSM-5 oder die ICD-10 sollen helfen, psychische Störungen besser zu erkennen und dadurch die Versorgung der Patienten mit diesen Störungsbildern verbessern. Ob durch die Neuauflage des DSM die Diagnosen von psychischen Störungen zunehmen, werden wir aufmerksam verfolgen.

Weitere Informationen:

Prof. Dr. Johannes Kornhuber
Tel.: 09131/85-34166
johannes.kornhuber@uk-erlangen.de

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