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Das Ende der Printmedien?

Dr. Reimar Zeh (Bild: privat)

Dr. Reimar Zeh (Bild: privat)

Die Axel Springer AG hat bekannt gegeben, dass sie die Regionalzeitungen Hamburger Abendblatt und Berliner Morgenpost sowie einige Programm- und Frauenzeitschriften verkaufen will. Der Konzern will sich mehr auf digitale Medien konzentrieren. Was die aktuelle Entwicklung für den deutschen Pressemarkt bedeutet, erklärt Kommunikationswissenschaftler Dr. Reimar Zeh.

Die Entscheidung der Axel Springer AG, traditionsreiche Titel aus dem Printangebot an einen Konkurrenten zu verkaufen, hat unabhängig von der noch ausstehenden Genehmigung durch das Kartellamt eine enorme Signalwirkung. Der Konzern macht deutlich, dass er nicht an die Zukunft der Printmedien glaubt: Mittel bis langfristig scheint sich zumindest mit diesen Titeln kein Geld mehr verdienen zu lassen, obgleich sie wohl derzeit noch zum Unternehmensgewinn beitragen. Eigentlich ist dieser Vorgang aus der wirtschaftlichen Perspektive heraus betrachtet völlig normal: Ein Unternehmen trennt sich von Teilen, die nicht mehr profitabel oder nicht mehr profitabel genug sind.

Die Tatsache, dass sich für das Paket ein Käufer finden ließ, mag zwar darauf hindeuten, dass die pessimistische Sicht auf die Zukunft der Printmedien nicht überall vorherrscht. Jedoch war der Käufer, die Funke Mediengruppe, nicht in der Lage, den Kaufpreis über den Kapitalmarkt zu finanzieren. Die Axel Springer AG gewährt dem Käufer einen Kredit und verdient so über dessen Verzinsung nochmals mit. Der Kurssprung der Springer-Aktie um mehr als zwölf Prozent nach oben ist ein weiteres, deutliches Signal.

Was ist nun besonders an diesem Vorgang? Trennt sich Siemens von einer Unternehmenssparte, scheint dies weitaus weniger Staub aufzuwirbeln. Der Unterschied liegt in dem Produkt, das hier gehandelt wird: Zeitungen und Zeitschriften sowie Medien allgemein erfüllen eine öffentliche Aufgabe. Mit ihren publizistischen Inhalten vertreten sie die Interessen der Allgemeinheit und nicht, wie die Hersteller von Maschinenteilen oder Computern, partikulare Interessen. Anders als die Tätigkeit eines Industriekonzerns genießen Medienprodukte einen weitreichenden Schutz durch das Grundgesetz. Sie sind häufig unsere einzige Informationsquelle und zentral am demokratischen Meinungsbildungsprozess beteiligt.

Nach wie vor haben die Printmedien in unserer Gesellschaft eine herausragende Stellung, und zwar nicht nur auf nationaler Ebene, sondern gerade auf lokaler und regionaler Ebene. Obwohl uns Fernsehen und vor allem das Internet wesentlich aktueller vorkommen mögen, sind es nach wie vor Zeitungen und Zeitschriften, die zentrale gesellschaftliche Themen nachhaltig und mit einer gewissen Ausführlichkeit in die öffentliche Diskussion einbringen. Das Fernsehen ist weder auf nationaler und noch viel weniger auf lokaler Ebene in der Lage, Probleme und Vorgänge, die die Gesellschaft betreffen, in angemessener Tiefe darzustellen. Gerade im lokalen Bereich – und um den geht es ja bei dem Verkauf des Hamburger Abendblatts und der Berliner Morgenpost im Besonderen – ist die Informationsversorgung schon seit Langem prekär. In vielen Regionen Deutschlands stehen den Bürgern keine alternativen Informationsangebote zur Verfügung. Der Markt für lokale Informationen wird häufig von Zeitungsmonopolen beherrscht. Da die Presse an Auflage einbüßt, wird diese Entwicklung weitergehen.

Die eigentliche Stärke der Printmedien – die Mischfinanzierung aus Verkaufserlös und Anzeigengeschäft – verwandelt sich angesichts rückläufiger Leserzahlen zu einem großen Problem. Die Einbußen im Verkauf können nicht ohne weiteres durch Preiserhöhungen aufgefangen werden und sind gleichzeitig mit Verlusten im Anzeigengeschäft verbunden, da sich die Anzeigenpreise an der Verbreitung orientieren. Rationalisierungsmaßnahmen – das heißt meist Verkleinerung der Redaktionen und Kooperationen mit anderen Titeln – stellen hier zunächst einen wirtschaftlichen Ausweg dar, unter dem am Ende die publizistische Qualität und Vielfalt leidet. Hier spricht man von einer Anzeigen-Auflagen-Spirale, die in diesem Fall wie ein Teufelskreis wirkt: Denn die wegbrechenden Anzeigenerlöse können wiederum nur durch Rationalisierungsmaßnahmen aufgefangen werden.

Gründe für diese Entwicklung sind vielfältig und lassen sich nicht einzig auf das Internet zurückführen. Reichweitenverluste von Zeitungen und Zeitschriften begannen schon vor einer nennenswerten Verbreitung des Internets in Deutschland. Allerdings macht es das Internet nicht einfacher für die Verlage. Journalistische Angebote sind hier meist umsonst, können aber nur selten ausschließlich über Werbung kostendeckend angeboten werden. Ob es mittelfristig gelingt, journalistische Informationen werbefinanziert oder über Bezahl-Modelle im Internet zu etablieren, ist noch nicht absehbar. Das Nutzerverhalten aber auch das Verhalten der Werbeindustrie drängt zumindest in diese Richtung.

Durch den Verkauf des Hamburger Abendblattes, der Berliner Morgenpost, der Programmzeitschrift Hörzu und einigen Frauenzeitschriften vollzieht der Konzern letztlich, was bereits 2003 auf der Aktionärsversammlung beschlossen wurde: Der Axel-Springer-Verlag hat sich damals in Axel Springer AG umbenannt, der Konzern wandelt sich vom Verlag zum Medienunternehmen. Man kann davon ausgehen, dass der Verkaufserlös hauptsächlich in Internetangebote investiert werden wird, aber wohl nicht in journalistische Internetangebote.

Weitere Informationen:

Dr. Reimar Zeh
Tel.: 0911/5302-618
reimar.zeh@fau.de

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