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„Wünschenswert wäre eine offene Debatte über Züchtungsziele“

Prof. Dr. Uwe Sonnewald (Bild: privat)

Prof. Dr. Uwe Sonnewald (Bild: privat)

Gentechnisch verändertes Saatgut ist ein Dauerthema in der öffentlichen Diskussion. Aktuell hat die EU-Zulassung der gentechnisch erzeugten Maissorte 1507 die Debatte erneut angeheizt. Verbraucher sind verunsichert, Nahrungsmittelindustrie und Umweltorganisationen haben jeweils gute Argumente. FAU-Biochemiker Prof. Dr. Uwe Sonnewald erklärt im Gespräch mit FAU aktuell die wissenschaftliche Sicht  auf das Thema.

Wie genau lassen sich eigentlich Pflanzen mit bestimmten Eigenschaften gentechnisch erzeugen?

Man nutzt dafür meist die Eigenschaften eines natürlichen Bodenbakteriums, des Agrobakteriums tumefaciens. Es integriert einen Teil seiner eigenen Erbinformation, die sogenannte transfer-DNA, kurz: T-DNA, in das Erbgut von Pflanzenzellen und programmiert diese damit genetisch um. Im Labor wird die auf der T-DNA gespeicherte Information gegen Gene ausgetauscht, die die gewünschten Merkmale ausprägen. Anschließend werden die im Labor veränderten Bakterien- und Pflanzenzellen zusammengeführt: Mit Hilfe des natürlichen Transferprograms des Bakteriums werden die T-DNA und damit die gewünschten Gene in die Pflanzenzellen eingeschleust. Zum Schluss werden die veränderten Zellen selektiert und zu vollständigen Pflanzen regeneriert.

Das Verfahren zur Herstellung der Maissorte 1507 unterscheidet sich davon ein wenig: Hier übernimmt ein mit DNA beladener Goldpartikel die Funktion des Transfers in die Pflanzenzelle. Dabei werden Goldpartikel mit DNA angereichert und anschließend mit hohem Druck in Pflanzenzellen geschossen. Anschließend werden, ähnlich wie bei der Methode mit dem Agrobacterium tumefaciens, die transformierten Zellen selektiert.

Was unterscheidet die Maissorte 1507 von anderen Maissorten und was soll sie der Landwirtschaft bringen?

Die Maissorte 1507 unterscheidet sich von konventionellem Mais dadurch, dass sie zwei zusätzliche Gene trägt. Ein Gen sorgt dafür, dass der Mais ein Protein namens Bt-Toxin ausbildet, das die Pflanze resistent gegenüber dem Maiszünsler macht, einem Schmetterling, dessen Raupen in großem Stil den Mais fressen. Das zweite Gen bewirkt eine Toleranz gegenüber dem Pflanzenvernichtungsmittel Glufosinat. Die Produkte beider Gene sind aus unserer Sicht für Menschen und Tiere völlig ungefährlich. Die Maissorte 1507 ist bereits seit 2005 als Futtermittel und seit 2006 als Lebensmittel zugelassen. Für den Landwirt soll die Sorte einen doppelten Vorteil bieten, da sie insektenresistent und zugleich tolerant gegenüber Pflanzenvernichtungsmitteln ist – eine Kombination von Eigenschaften, die bisher bereits in der EU zugelassene Sorten wie MON810 nicht besitzen.

Welche Kriterien müssen erfüllt sein, damit ein bestimmtes Saatgut in der EU freigegeben wird?

Für die Zulassung von gentechnisch veränderten Lebens- oder Futtermitteln gilt das Vorsorgeprinzip. Das heißt: Die Überführung vom Labor in das Freiland erfolgt schrittweise. Im Fall der Maissorte 1507 wurden seit den späten neunziger Jahren Freisetzungsversuche an unterschiedlichen Standorten in Europa durchgeführt. Dabei sollte sich zeigen, ob die im Labor eingeführten Veränderungen auch im Feld Bestand haben und ob unerwartete Nebenwirkungen auftreten. Nur wenn diese Tests erfolgreich abgeschlossen sind, kann ein Antrag gestellt werden, die Sorte in den Verkehr zu bringen. Dafür sind weitere Tests notwendig: Zum Beispiel wird getestet, ob sich die Nährstoffzusammensetzung der Produkte verändert hat, ob sich die Pflanzen in der Umwelt anders verhalten als die Ausgangslinien etc. Hierzu legen die Antragsteller Versuchsergebnisse vor, die auf europäischer Ebene durch die European Food Safety Authority (EFSA) bewertet werden. Nationale Behörden können Bedenken einbringen, die berücksichtigt werden. Kommt die EFSA zu einem positiven Entschluss, trifft die europäische Kommission die letzte Entscheidung, ob eine gentechnisch veränderte Pflanzen zugelassen wird oder nicht.

Die Verbraucher fürchten Gefahren für Mensch und Tier sowie andere Pflanzensorten. Wie berechtigt sind diese Befürchtungen Ihrer Meinung nach?

Die öffentlichen Bedenken sind psychologisch sicher nachvollziehbar. Aus wissenschaftlicher Sicht aber, in Anbetracht der nunmehr Jahrzehnte langen Erfahrungen mit dem Anbau und dem Verzehr gentechnisch veränderter Pflanzen, sind sie wenig verständlich. Bisher hat die Technologie zu keinen nachweisbaren Schäden der Umwelt oder der Menschen geführt, im Gegenteil, insektenresistente Maispflanzen wiesen in mehreren Studien einen geringeren Pilzbefall und damit geringe Gehalte an Pilztoxinen auf. Weiterentwicklungen der Technologie versprechen Pflanzen mit höherem Nährwert oder Pflanzen, die mit weniger Wasser auskommen. Dies sind Züchtungsziele, die insbesondere in Anbetracht der klimatischen und gesellschaftlichen Veränderungen hoch relevant sind.

Ein großer Kritikpunkt in der Öffentlichkeit ist die zunehmende Dominanz multinationaler Konzerne…

Eine Dominanz multinationaler Konzerne ist durchaus zu beobachten. Dies liegt nicht zuletzt auch daran, dass die Hürden für die Zulassung gentechnisch veränderter Pflanzen und die politischen Unwägbarkeiten, ob und wann eine Zulassung erteilt wird, für kleinere und mittlere Unternehmen ein zu hohes Risiko darstellen. Dadurch wird das Feld automatisch multinationalen Konzernen überlassen. Wünschenswert wäre eine offene Debatte, in der am runden Tisch Strategien zu zukünftigen Züchtungszielen und Methoden erarbeitet werden.

Weitere Informationen:

Prof. Dr. Uwe Sonnewald
Tel.: 09131 85 28255
uwe.sonnewald@fau.de

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