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Eine PERLE im Medizinstudium

Jedes Knöchelchen hat eine Nummer – und einen Namen: Julian Baumann und Cornelia Musenbichler frischen ihr Wissen am anatomischen Skelett auf. (Bild: Uni-Klinikum Erlangen)

Langsam tastet Luca Frank an der Lendenwirbelsäule des Patienten entlang. Mit dem Zeigefinger fixiert er einen Punkt. „Hier?“, fragt der Medizinstudent und schaut auf. „Ja, probier mal“, ermutigt ihn Dr. Anita Schmidt. Die Ärztin sitzt neben ihm und beobachtet Lucas Vorgehen bei seiner ersten Lumbalpunktion. Bei dieser Untersuchung, mit der zum Beispiel Multiple Sklerose oder Meningitis festgestellt werden können, wird aus der Lendenwirbelsäule Nervenwasser entnommen.

Luca Franks erste Lumbalpunktion: Durch das Üben am Modell weiß der Student nun, in welchem Winkel er die Punktionsnadel in den Wirbelkanal schieben muss. (Bild: Uni-Klinikum Erlangen)

Luca Franks erste Lumbalpunktion: Durch das Üben am Modell weiß der Student nun, in welchem Winkel er die Punktionsnadel in den Wirbelkanal schieben muss. (Bild: Uni-Klinikum Erlangen)

„Das fühlt sich komisch an, hier ist ein Widerstand“, sagt Luca, während er versucht, eine etwa zehn Zentimeter lange, biegsame Punktionsnadel in den Wirbelkanal des Untersuchten zu schieben. „Das sollte eigentlich leichter gehen“, wundert sich Dr. Schmidt und korrigiert die Nadel. Einige Minuten später zieht Luca sie mit zusammengepressten Lippen wieder heraus – sie ist ziemlich verbogen. Und der Patient? Der ist zum Glück nur ein Modell aus Gummi und Plastik.
Damit Luca die Nadel bei seinem ersten echten Fall treffsicher setzen kann, kommt er mittwochabends zum freien Üben in das Skills Lab PERLE. „PRaxis ERfahren und LErnen“ – darum geht es in diesem medizinischen Trainingszentrum an der Kochstraße 19. „Nichts hat einen so starken Lerneffekt wie Dinge, die man selbst tut oder anderen beibringt“, erklärt Anita Schmidt, die auch an der Staatlichen Berufsfachschule für Krankenpflege am Uni-Klinikum Erlangen lehrt. Zusammen mit Dr. Georg Breuer, Oberarzt in der Anästhesiologischen Klinik (Direktor: Prof. Dr. Dr. h. c. Jürgen Schüttler) des Uni-Klinikums, leitet sie die Übungseinrichtung der Medizinischen Fakultät.

Die PERLE gibt es seit 2005. Das Konzept: Anita Schmidt, Georg Breuer und andere klinisch tätige Fachärzte schulen Medizinstudenten in praktischen Fertigkeiten und bilden sie zu Tutoren aus. Die wiederum geben ihr Können an ihre Kommilitonen weiter. Verschiedene Studien belegen den Erfolg dieses „Peer Teachings“: „Erstens fragen Studierende eher einen Mitstudenten um Hilfe als einen ausgebildeten Arzt – die Hemmschwelle ist da wesentlich niedriger. Und: Im klinischen Alltag gibt es unendlich viele Varianten, bestimmte Sachen richtig zu machen, zum Beispiel eine Spritze korrekt aufzuziehen. In der PERLE vermitteln wir aber standardisierte, immer gleiche Abläufe – auf sehr hohem Niveau“, erklärt Dr. Breuer.
Die PERLE lebt dabei von ihren Tutoren, deren Initiative und Ideen. Sie sind es, die Kurse konzipieren, Schulungsunterlagen und Lehrvideos erstellen und Symposien besuchen, von denen sie neuen Input mitbringen. Wer im fünften Semester ist, kann als Trainer beginnen, mehr als 20 Tutoren gibt es aktuell – die meisten bleiben es bis zum Studienende. Im Skills Lab gibt es Materialbeauftragte und Verantwortliche, die sich mit der Montage der Körpermodelle ganz genau auskennen. In den Räumen des Trainingszentrums lagern etwa 30 verschiedene Simulatoren: Arme, an denen peripher-venöse Zugänge gelegt oder Blut abgenommen werden kann, Torsomodelle zum Abhören und Punktieren, ein anatomisches Skelett mit beschrifteten Knochen, Kopf- und Unterleibsmodelle.

Fehler schaden nicht

Wie hält man beide Nadeln bei der Lumbalpunktion steril? Darüber diskutieren die Tutoren mit Dr. Anita Schmidt (2. v. l.). (Bild: Uni-Klinikum Erlangen)

Wie hält man beide Nadeln bei der Lumbalpunktion steril? Darüber diskutieren die Tutoren mit Dr. Anita Schmidt (2. v. l.). (Bild: Uni-Klinikum Erlangen)

„Welche Kompresse ist denn die richtige für den zentralen Venenkatheter? Kann ich auch die hier nehmen?“ Julian Baumann, PERLE-Tutor im neunten Semester, reicht Georg Breuer ein steril verpacktes Stück Gaze. Der Anästhesist öffnet die Plastikhülle. „Schau dir den Stoff an – er darf nicht fusseln“, erklärt der erfahrene Arzt. Über ein Verbindungsstück aus Kunststoff – einen sogenannten Dreiwegehahn – und eine Kanüle in der Halsvene des Torsomodells injiziert Julian nun ein Medikament.
„Die ersten acht Semester des Medizinstudiums sind einfach voll mit knallharter Theorie – die meisten von uns wollen aber von sich aus mehr Praxis“, weiß der Student. Die Nachfrage nach den meist fakultativen PERLE-Kursen ist deshalb groß: 60 bis 70 werden jedes Semester angeboten, unter der Woche brennt in dem Gebäude an der Kochstraße oft bis nach 21 Uhr noch Licht. Pro Halbjahr erreichen die PERLE-Tutoren über 900 Studierende, etwa mit Orthopädie-, Mikrochirurgie- und Nahtkursen oder Trainingseinheiten für die Famulatur oder das praktische Jahr.
Beim Üben sind selbst banalste Fragen erlaubt – ebenso wie Fehler. „Unser Skills Lab hat eine ethische Notwendigkeit: Was wir hier tun, ist nicht patientenschädigend, führt später nachweislich zu einer besseren Performance am Patienten, zu weniger Komplikationen – bis hin zu kürzeren OP-Zeiten“, erläutert Dr. Breuer. Der Notfallmediziner plädiert dafür, die PERLE-Angebote für alle Medizinstudenten zur Pflicht zu machen. Bislang ist nur der EKM-Kurs obligatorisch – die Einführung in die klinische Medizin im vierten Semester: Jeweils 30 Minuten lang werden hier die digital-rektale Untersuchung, die venöse Blutabnahme, die Untersuchung der weiblichen Brust und das Blutabnehmen aus dem zentralen Venenkatheter an Modellen trainiert.

Vom Modell zum Menschen

Studentin Merle Winkelmann übt das Abhören des Brustkorbs. Aus dem Innern des Modells sind realistische Herztöne zu hören. (Bild: Uni-Klinikum Erlangen)

Studentin Merle Winkelmann übt das Abhören des Brustkorbs. Aus dem Innern des Modells sind realistische Herztöne zu hören. (Bild: Uni-Klinikum Erlangen)

Im Rahmen einer Kooperation mit dem Institut für Anatomie dürfen die angehenden Mediziner die Thoraxdrainage – also das Ableiten von Flüssigkeit oder Luft aus dem Brustraum – an echten Körperspendern üben. Auch Kurse mit Schauspielpatienten wollen die Tutoren in naher Zukunft realisieren. Denn: Ausgebildete Schauspieler können Krankheitsbilder realitätsnah simulieren und den angehenden Ärzten aus der Patientenrolle heraus ein Feedback geben. Aktuell wird beispielsweise schon an der Professur für Ethik in der Medizin das Überbringen schlechter Nachrichten mit Profi-Darstellern trainiert.

Am heutigen Mittwochabend geht das Üben in der PERLE zu Ende, draußen ist es längst dunkel. Luca ist froh, endlich seine erste Lumbalpunktion gemacht und die Schwierigkeit dahinter erkannt zu haben. Neben ihm sind heute wieder viele andere zum Lernen und Lehren ins Skills Lab gekommen. „Ich bin stolz auf euch“, verabschiedet sich Georg Breuer von seinen Tutoren. Ohne sie und ihr Engagement wäre die PERLE nicht mehr als ein schöner Gedanke.

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Inhalt alexander Nr. 96Diese Reportage erschien auch in unserem Magazin alexander. Weitere Themen der Ausgabe Nr. 96: ein Gespräch mit der ersten und der aktuellen Frauenbeauftragten – wofür sie gekämpft haben und was sie sich für Frauen in der Wissenschaft wünschen, ein Pro und Kontra zum Freihandelsabkommen TTIP, ein Ausflug in den ehemaligen Karzer und ein Interview mit dem Erfinder der Ein-Dollar-Brille, der zugleich FAU-Absolvent ist.

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