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Tor in eine andere Epoche

„Die vier Brüder von Gerlach“: Zeichnung von Friedrich Meier (1785–1815) von ca. 1810 aus dem Bestand des Erlanger Gerlach-Archivs, v.l.n.r.: Otto, Ernst Ludwig, Leopold und Wilhelm von Gerlach.

FAU-Politikwissenschaftler erforschen eines der bedeutendsten Familienarchive des 19. Jahrhunderts

Briefe des jungen Otto von Bismarck, frühe Dichtung von Clemens Brentano und Geheimnisse der Alt-Berliner Küche: Forscher der FAU haben einen kleinen Schatz gehoben. Seit mehr als 60 Jahren ruhen Briefe, Manuskripte und Tagebücher aus dem Nachlass des Politikers und Publizisten Ernst Ludwig von Gerlach an der Universität. In mehrjähriger Arbeit haben nun Prof. Dr. Clemens Kauffmann und sein Mitarbeiter Alexander Kruska am Lehrstuhl für Politische Wissenschaft II die rund 17.000 Dokumente erschlossen und über einen elektronischen Katalog der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

Kern des Gerlachschen Familienarchivs ist der Nachlass des Richters, Politikers und Publizisten Ernst Ludwig von Gerlach (1795­–1877). Gerlach gilt als einer der maßgeblichen Begründer und Vordenker der Konservativen Partei in Preußen und war längere Zeit deren Anführer, unter anderem im Preußischen Landtag. Das Gerlach-Archiv dokumentiert ungewöhnlich detailliert Politik-, Verwaltungs- und Kirchengeschichte des 19. Jahrhunderts, es eröffnet aber auch tiefe Einblicke in Wissenschaft, Kultur und Alltag sowie in das politische Denken der Epoche. Schließlich waren die von Gerlachs das, was man heute als „gut vernetzt“ bezeichnen würde – und zwar in die vielfältigsten Bereiche der Gesellschaft. Kontakte mit mehr als 9.000 Personen – Verwandten und Kollegen, Freunden und politischen Weggefährten – belegt das Archiv, darunter auch gekrönte Häupter wie Friedrich der Große, Friedrich Wilhelm III. und Friedrich Wilhelm IV.

Vielfältige Dokumente: Politisches, Literarisches, Privates

„Verehrtester Herr Präsident ...“: Ludwig von Gerlach, Präsident des Oberlandesgerichts Magdeburg, und der spätere Reichskanzler Otto von Bismarck unterhielten mehrere Jahre einen intensiven Briefwechsel. Viele der Schriftstücke sind im Gelrach-Acrhiv erhalten, wie dieser Brief Bismarcks vom 11.November 1851.

„Verehrtester Herr Präsident …“: Ludwig von Gerlach, Präsident des Oberlandesgerichts Magdeburg, und der spätere Reichskanzler Otto von Bismarck unterhielten mehrere Jahre einen intensiven Briefwechsel. Viele der Schriftstücke sind im Gerlach-Archiv erhalten, wie dieser Brief Bismarcks vom 11. November 1851.

Zu den Briefpartnern zählte auch der Dichter Clemens Brentano, mit dem die Brüder Gerlach in ihren Studentenjahren verkehrten. „In den Aufzeichnungen aus dieser Zeit finden sich beispielsweise Gedichtmanuskripte Brentanos, die die frühe Verbreitung seiner Werke in ihren Kreisen dokumentieren“, berichtet Alexander Kruska. Ludwig von Gerlach gilt auch als Förderer und Mentor des jungen Otto von Bismarck. Die Freundschaft der Politiker verwandelte sich in späteren Jahren in eine erbitterte Gegnerschaft. Bis zum Bruch zwischen den beiden im Jahr 1866 korrespondierte Bismarck intensiv und sehr privat mit Gerlach. „Diese Briefe eröffnen bisher wenig bekannte Einblicke in die Persönlichkeit des späteren Reichskanzlers“, erläutert Kruska. Selbst der Alltag der Familie wird im Archiv lebendig – etwa beim Blick in die Rezeptsammlung der Mutter von Ludwig von Gerlach und Ehefrau des ersten Oberbürgermeisters von Berlin, Agnes von Gerlach-Raumer. Erhalten ist zum Beispiel ein Rezept für „Ahl in Gelee“, das vermutlich auf das Jahr 1790 datiert.

Fast vier Jahre lang haben die Erlanger Wissenschaftler daran gearbeitet, den Bestand zu erschließen und ein elektronisches Nachlassverzeichnis zu erstellen. Im Laufe des Projekts wurden mehr als 3.300 Katalog-Datensätze erstellt, mit denen insgesamt gut 17.000 Briefe und Dokumente nach Verfassern, Datierung und Ort, zum Teil auch nach Beschaffenheit und Inhalt erfasst wurden. In vielen Fällen mussten die jeweiligen Verfasser bzw. Adressaten erst ermittelt werden, bevor Entstehungsumstände und Inhalte geklärt werden konnten. „Die Recherchearbeit konnte auf Grund der teils schwachen Quellenlage geradezu detektivischen Charakter annehmen“, erläutert Kruska. Die Ergebnisse dieser Erschließungs- und Forschungsarbeit sind seit März vollständig im Kalliope-Verbundkatalog der Staatsbibliothek zu Berlin – Stiftung Preußischer Kulturbesitz, einem wissenschaftlichen Suchportal für Nachlässe (http://kalliope-verbund.info), und über die Arbeitsstelle des Gerlach-Archivs zugänglich. Forschern ist es nun weltweit möglich, Autographen im Erlanger Archiv zu recherchieren, bereits jetzt ist die Nachfrage spürbar gestiegen.

Das Gerlach-Archiv an der FAU

Das Gerlach-Archiv gehört zu den größten, der selten geschlossen und weitgehend vollständig erhaltenen Familienarchive des 19. Jahrhunderts. Es wurde im Jahr 1954 vom damaligen Direktor des Seminars für Religions- und Geistesgeschichte an der Universität Erlangen, Prof. Dr. Hans-Joachim Schoeps, akquiriert. Am Institut für Politische Wissenschaft bildet es heute zusammen mit der Eric-Voegelin-Bibliothek den Bestand der Abteilung Geistesgeschichte. „Das ist ein im deutschsprachigen Raum einmaliger Fundus für die Erforschung des politischen Denkens“, unterstreicht Prof. Dr. Clemens Kauffmann, der auch als Vorstandsmitglied der „Deutschen Gesellschaft zur Erforschung des Politischen Denkens“ die wissenschaftliche Arbeit auf diesem Gebiet koordiniert. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft hat die erste vollständige Erschließung des Gerlach-Archivs an der FAU auf dem Niveau heutiger Ansprüche an die Erschließung von Nachlässen und Autographen mit rund 120.000 Euro gefördert und würdigt damit die herausragende Bedeutung dieses einmaligen Bestandes.

Weitere Informationen:

Prof. Dr. Clemens Kauffmann
Tel.: 09131/85-22336
pw2-gerlach-archiv@fau.de

 

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