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Wissenschaft und Pop

"The popular and the past" - 19 th-Century British Cultures

Wenn man verstehen möchte, was Populärkultur heute bedeutet, hilft es, einen Blick in die Vergangenheit zu werfen. Das tun Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler auf der Tagung „The Popular and the Past“, die vom 19. bis 21. November an der FAU stattfindet. Dr. Christian Krug vom Lehrstuhl für Anglistik, insbesondere Literatur- und Kulturwissenschaft, der FAU erklärt, was Kultur für die breite Masse ausmacht.

Ähnlich wie Schauspieler, Sänger, Fußballer pflegen heute einige Schriftsteller ihre Bekanntheit wie Stars: Sie werden von Fans bejubelt, schreiben Autogramme, füllen die größten Säle mit ihrer Anhängerschar. J.K. Rowling, die Autorin der Harry Potter Romane, ist ein solches Beispiel. Was sagt die Wissenschaft zu diesem Phänomen?

Autoren, die als Stars inszeniert werden, gehören heute zu einer von Medien getragenen Ereignis- bzw. Eventkultur, und J.K. Rowling ist hierfür ein sehr gutes Beispiel. Ihre öffentlichen Auftritte sind wohl dosiert und genau geplant. Sehr häufig wird bei solchen Auftritten z.B. ihre Stimme inszeniert. Rowlings mündliches Erzählen wird nostalgisch mit Volksmärchen und Volkskultur verbunden, so dass die Autorin als Fokuspunkt einer nationalen Gemeinschaft inszeniert werden kann.

Außerdem inszenieren sich literarische und andere populäre Stars durchaus gegenseitig, wobei dann beide profitieren: Salman Rushdie, der Autor der „Satanischen Verse“, trat nach der Fatwa 1993 vor 80.000 Zuschauern bei einem Konzert der britischen Popgruppe U2 auf. Rushdie konnte so an der Popularität des Popstars Bono teilhaben, während das kulturelle Kapital des Autors einer ‚Intellektualisierung‘ von U2 – als Rockband ‚mit Anspruch‘ – diente. Diese Strategien werden sehr konsequent verfolgt: 2012 verleiht ein Männermagazin Rushdie den „Inspiration of the Year Award“. Die Laudatio wird wiederum von Bono gehalten, der Rushdie in den literarischen Kanon einschreibt, indem er ihn als modernen popkulturellen und exotischen Dickens darstellt: „It’s like Dickens took LSD and moved to India“.

Schriftsteller als Popstars, ist das eine Erscheinung unserer Zeit?

Ganz und gar nicht. Erstaunlich viele Strategien der populärkulturellen (Selbst-)Vermarktung greifen etablierte Muster des 19. Jahrhunderts auf. Wenn J.K. Rowling ihren Aufstieg aus ärmlichen Verhältnissen inszeniert, bedient sie sich dabei viktorianischer Erzählungen, die aus einem Dickens-Roman stammen könnten. Rowlings Karriere hat durchaus  Ähnlichkeiten zu der von Charles Dickens, vielleicht dem ersten literarischen Medienstar. Dieser hatte bereits einen eigenen Literaturagenten, sein Name war ein Markenzeichen und in eine weitverzweigte Waren­kultur eingebunden; mit seinem Bild wurde für unterschiedlichste Waren geworben. Vor allem inszenierte sich Dickens selbst bei seinen öffentlichen Lesungen in vielen Ländern als effektvolles und aufsehenerregendes Spektakel – eine theatrale Zur-Schau-Stellung, wie sie sich noch bei heutigen literarischen Stars in einer multimedialen Berühmtheitskultur findet.

Die Konferenz „The Popular and the Past“ beschäftigt sich mit der Populärkultur des 19. Jahrhunderts. Was macht dieses Thema so interessant für die Wissenschaft?

Das späte 18. und 19. Jahrhundert ist die Zeit, in der überhaupt zum ersten Mal systematisch diskutiert wird, was denn populär bedeutet. Gleiches gilt auch für Konzepte von Kultur. Fast alle unserer Vorstellungen über Populärkultur leiten sich aus diesen – übrigens sehr kontroversen – Diskussionen des 19. Jahrhunderts ab, und bis heute übernehmen wir unbewusst Normen und Wertvorstellungen dieser Debatten. Dabei sind die Positionen, was denn eine Populärkultur sei und was sie gesellschaftlich leisten kann oder soll, im 19. Jahrhundert weitaus offener als wir dies heute vermuten.

Dickens sah die Populärkultur vorzugsweise im Theater aufgehoben, da dieses am besten alle Schichten zusammenbringen könnte. Für andere war die zeit­genössische Malerei und das Museum Träger und Ort einer populären Freizeitbeschäftigung. Initiativen sowohl innerhalb der Arbeiterschaft als auch der Mittel­schichten begannen in den 1830er Jahren, freien Zugang zu den Ausstellungen zeitgenössischer Malerei zu fordern. Die neue National Gallery in London, die 1832 erbaut wurde, hatte freien Eintritt und lange Öffnungs­zeiten, was der arbeitenden Bevölkerung den Zutritt ermöglichen sollte. Sie findet sich bis heute am Trafalgar Square; hier ließ sie sich nicht nur gut per Kutsche aus dem Londoner Westen erreichen, sondern auch zu Fuß von den ärmeren Bevölkerungsschichten des East Ends.

Wir beschäftigen uns in der Konferenz mit ganz unterschiedlichen populärkulturellen Praktiken, darunter den überaus erfolgreichen Lesetouren von literarischen Stars wie Dickens, aber auch mit Besuchen von Gemälde- und Warenausstellungen oder des Zoos. Wichtig ist dabei immer, die unterschiedlichen Konzepte von Populärkultur zu rekonstruieren und ihre impliziten Vorurteile (zum Beispiel, dass Populärkultur nur von einer Unterschicht passiv konsumiert werde) offenzulegen. Diese wirken bis heute nach – auch in der Wissenschaft.

Weitere Informationen

Dr. Christian Krug
Tel.: 09131/85-22932
christian.krug@fau.de

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