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Wer bestimmt, was Karten zeigen?

Bild: Colourbox.de

Geographen der FAU untersuchen, ob sich die Herstellung von Karten im digitalen Zeitalter demokratisiert

Jahrhundertelang wurden Landkarten von staatlichen Organisationen oder akademischen und kommerziellen Herausgebern erstellt. Die breitere Öffentlichkeit blieb dabei außen vor, hatte die fertigen Karten so hinzunehmen, wie sie waren. Mit der fortschreitenden Digitalisierung ändert sich das. Mithilfe von frei zugänglichen Geodatenbanken kann sich jeder daran beteiligen, Karten zu erstellen. Man könnte sagen: Die Kartographie wird demokratisiert. Doch stimmt das tatsächlich? Wer beteiligt sich an der kollaborativen Kartographie, und wer bleibt davon ausgeschlossen? Kulturgeographen der FAU hinterfragen die Demokratisierung der Kartographie in einem neuen, von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) mit 180.000 Euro geförderten Projekt.

Im Fokus: Israel und Palästina

Grafik von Jerusalems Bevölkerungsgruppen

Beispielkarten zur Darstellung von Jerusalem in OpenStreetMap: Die Bezirke Jerusalems sind nach den mehrheitlichen Bevölkerungsgruppen eingefärbt: arabisch (grün), jüdisch-säkular (hellblau), jüdisch-ultraorthodox (dunkelblau). (Grafik: Christian Bittner)

„Wir halten die Euphorie über eine vermeintliche Demokratisierung der Kartographie für einseitig“, sagt Prof. Dr. Georg Glasze, Inhaber des Lehrstuhls für Geographie an der FAU und Projektleiter. „Tatsächlich bieten offene Geodaten-Projekte im Internet die Chance, dass sich sehr viel mehr Menschen an der Erhebung und Verarbeitung geographischer Informationen beteiligen. Es zeigt sich aber, dass es nur bestimmte soziale Gruppen sind, die sich beteiligen. Diese bestimmen damit, was in die Geodatenbanken und letztlich auf die Karte kommt – und was nicht.“ Die Digitalisierung transformiert, wie geographische Informationen erhoben, verarbeitet und dargestellt werden. „Machtstrukturen, Hierarchien und Exklusionsmechanismen in der Kartographie verändern sich dabei grundlegend – sie verschwinden aber nicht.“

Zusammen mit seinem wissenschaftlichen Mitarbeiter Christian Bittner wird Glasze in den kommenden zwei Jahren die beiden weltweit erfolgreichsten kollaborativen Geodatenbanken OpenStreetMap und WikiMapia auf diese Parameter hin untersuchen.

Grafik von Jerusalems Bevölkerungsgruppen

Diese Grafik verzerrt die Bezirke nach der Anzahl ihrer Einwohner – in großen Bezirken wohnen also mehr Menschen als in kleinen. (Grafik: Christian Bittner)

Im Fokus der beiden Wissenschaftler stehen dabei Israel und Palästina. „Diese Region ist wegen ihrer gesellschaftlichen Ungleichheiten und politischen Konfliktlinien besonders aufschlussreich und empirisch fruchtbar“, erklärt Bittner die Wahl.

Eine Frage der Perspektive

Bereits in Vorarbeiten hat Christian Bittner dargelegt, dass die Mitmach-Karten nicht automatisch demokratischer sind. Er untersuchte die Darstellung von Jerusalem in OpenStreetMap. Dabei hat sich gezeigt, dass eher jüdisch-säkulare Stadtviertel weitaus detailreicher kartiert worden sind als jüdisch-orthodoxe oder arabische Viertel. Der Hintergrund: Die freiwilligen Laienkartographen sind vorwiegend technisch orientierte Männer – und diese finden sich in der Region eher unter säkular-jüdischen Israelis. Darüber hinaus haben Landkarten in Palästina nicht die gleiche Bedeutung wie in der westlichen Welt. „Landkarten spielen im Alltag in Palästina kaum eine Rolle.

Grafik von Jerusalems Bevölkerungsgruppen

Hier sind die Flächengrößen nach der Menge der in OpenStreetMap vorhandenen Daten verzerrt – große Bezirke bedeuten viele Informationen, kleine wenig. Was klar zu erkennen ist: Bezirke mit überwiegend jüdisch-säkularer Bevölkerung sind in der Geodatenbank detailreicher dargestellt im Vergleich zu jenen mit mehrheitlich arabischen oder jüdisch-ultraorthodoxen Einwohnern. (Grafik: Christian Bittner)

Die Menschen dort erfragen sich eher ihre Wege“, führt Bittner aus. „Auch dies erklärt, warum eher Israelis motiviert sind, freiwillig an eine Geodatenbank mitzuwirken und dies spiegelt sich dann in den ungleichen Daten wider: Wenn privilegierte Personengruppen vor allem ihre Umgebungen kartieren, bleiben marginalisierte Gebiete unterrepräsentiert. Auf diese Weise werden gesellschaftliche Ungleichheiten in kollaborativen Karten fortgeschrieben. “

Mit dem neuen Projekt wollen Glasze und Bittner zu einem reflektierten Umgang mit nutzergenerierten geographischen Informationen und (geo-)sozialen Medien beitragen. Glasze: „Wir sehen durchaus die Chancen dieser offenen Projekte für detaillierte, aktuelle und vielfältige geographische Informationen. Aber gerade deshalb ist es wichtig, die Ungleichheiten und Exklusionsprozesse in diesen Projekten besser zu verstehen.“

Weitere Informationen:

Prof. Dr. Georg Glasze
Tel.: 09131/85-22012
georg.glasze@fau.de

 

 

 

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