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Ein Plädoyer für Qualitätsmedien

Medienethiker Prof. Dr. Christian Schicha (Bild: FAU/Georg Pöhlein)

Medienethiker Prof. Dr. Christian Schicha über gute und schlechte Berichterstattung

Nicht die Fakten stecken in einer Krise, sondern ihre Vermittlung, meint Prof. Dr. Christian Schicha. Wir haben mit dem Medienethiker über Journalismus in Zeiten von Amok und Terror gesprochen.

Herr Professor Schicha, welche Aufgabe haben Journalisten, wenn jeder posten, tweeten und bloggen kann?

Gar keine neue. Es geht um Recherche und Einordnung, darum, relevante Sachverhalte von öffentlichem Belang zu vermitteln, Anschlussdiskurse zu generieren. Einfach gesagt: die Menschen darüber zu informieren, was in der Welt passiert. Wichtig ist Relevanz. Wenn irgendwann nur noch Daniela Katzenberger die Medien bestimmt, ist das problematisch. Auch für die Demokratie.

Sind Bilder mächtiger geworden?

Bildmacht ist schon immer zentral. Es ist kein Zufall, dass die Bild-Zeitung eine ganz stark affektive Wirkung hat. Bilder wie die vom toten Flüchtlingsjungen am Strand von Bodrum oder dem syrischen Jungen im Krankenwagen emotionalisieren. Das ist nichts Neues. Allerdings sorgen Echtzeitbilder für eine enorme Beschleunigung. Schießt ein Täter um sich, zirkuliert das Minuten später im Netz, wird weiterverbreitet und von einer größeren Masse Menschen wahrgenommen.

Ersetzen Emotionen mittlerweile zunehmend Fakten?

Polarisierende Meldungen sind auf jeden Fall reizvoller als langweilige Meldungen über komplexe Zusammenhänge. Aufmerksamkeit ist die entscheidende Ressource. Generiert wird sie durch Sensationen, Dramatik, Personalisierung und Visualisierung. Natürlich wissen das auch Politiker. Sehr gut sieht man das am Beispiel der AfD. Will Herr Gauland den Fußballer Boateng nicht als Nachbarn, ist das ein Aufreger. Egal, ob die Aussage wieder revidiert wird, die Aufmerksamkeit ist da. Und damit hat er schon etwas erreicht.

Ist das gefährlich?

Das würde ich nicht sagen. Die Aufgabe von Journalisten ist schließlich: Kommentieren, Einordnen, Glaubwürdigkeit überprüfen. Sagt jemand in einer Talkshow nicht die Wahrheit, ist es an den Journalisten, das zu beweisen. Hier ist kritischer Journalismus gefragt.

Schürt Social Media Ängste?

Facebook und Twitter liefern eine Bildfülle von Terror und Verbrechen, die uns permanent umgibt. Wenn wir uns weniger sicher fühlen, liegt das an all den Schockfotos. Die Gefahr, Opfer eines Amoklaufs oder Terroranschlags zu werden, ist aber sehr gering. Wir schweben nicht in Gefahr. Dass wir permanent Angst haben müssen, ist empirisch einfach nicht haltbar.

Warum sind die sozialen Netzwerke voll von Lügen und Hass?

Das ist ein interessantes Phänomen. War und ist man publizistisch tätig, hat man ein Impressum, zumindest bei den klassischen Zeitungen. Dort ist der Chefredakteur verantwortlich dafür, dass alles, was veröffentlicht wird, auch vernünftig geprüft wurde. Dafür sind Journalisten ausgebildet. Im sozialen Netz, wo Produzenten und Konsumenten das Gleiche sind, sogenannte Prosumer, kann man heute dagegen anonym veröffentlichen. Jemand, der gar keinen oder einen falschen Namen nennt, erfüllt diese Haftungsfunktion nicht. Das führt auch zu Enthemmung. „Hatespeech“ ist beispielweise ein solches Online-Phänomen.

Dass manche Leute aber auch motiviert sind, unter ihrem Klarnamen Beleidigungen oder Gerüchte in die Welt zu setzen, hängt nicht zuletzt mit den technischen Möglichkeiten zusammen. Will man im Wochenmagazin Zeit etwas veröffentlichen, kann man zwar einen Leserbrief an das Blatt schreiben, aber ob dieser publiziert wird, ist die Frage. Über Facebook und Twitter ist dagegen jeder in der Lage, direkt seinen Senf dazuzugeben und kann dies ohne Barriere tun. Das ist eine sehr bedenkliche Entwicklung.

Jeder kommentiert alles. Was hat das für Konsequenzen?

Häufig ist es so, dass erst einmal große Aufregung da ist. Das ist eine Tendenz, die mich mit großer Sorge umtreibt. Ein gutes Beispiel sind Gerichtsverfahren: Über Jörg Kachelmann wurde viel spekuliert, wir erleben in solchen Fällen eine permanente Verdachtsberichterstattung. Dabei sollte die Unschuldsvermutung gelten, bis das Gegenteil bewiesen ist. Die Anschuldigungen stellten sich als Falschmeldungen heraus, aber der Ruf war ruiniert, noch bevor das Gerichtsurteil gesprochen war. Einzige Lösung: Medien lesen, auf die man sich verlassen kann. Das sind für mich die Zeit, der Spiegel, die Süddeutsche Zeitung und auch das Recherchenetzwerk von NDR, WDR und der Süddeutschen Zeitung.

Müssen Journalisten auf Gerüchte im Netz reagieren?

Beim Amoklauf in München haben Falschmeldungen in sozialen Netzwerken reale Panik ausgelöst. Von mehreren Tätern war die Rede, von weiteren Schießereien. Solche Spekulationen lassen sich nicht unterbinden. Eine Möglichkeit, darauf zu reagieren, ist aber, darüber zu berichten, dass es sie gibt – sozusagen auf der Metaebene – ohne sie zu bestätigen. Es wird den öffentlich-rechtlichen Sendern häufig vorgeworfen, verschlafen zu sein, weil sie weniger schnell berichten als beispielsweise n-tv oder N24. Dabei ist es extrem wichtig, dass man sagt, wenn man nichts weiß. Diese Innenschau wird im Journalismus zunehmend relevanter.

Schaffen es Journalisten noch, Fakten zu liefern?

Die machen, was sie immer schon gemacht haben. Welche Qualität Medien haben, hängt immer von den Auswahlkriterien des Rezipienten ab. Ich traue den klassischen Medien mehr. Die haben aber massive Probleme, sich zu finanzieren, weil heute viele Menschen kostenlosen Onlinejournalismus rezipieren. Auch
Facebook liefert mir mit wenig Aufwand viele Meldungen komprimiert zusammengefasst, ohne dass ich dafür bezahlen muss. Das führt zum Abbau von Stellen und Qualitätsverlust im Journalismus.
Trotzdem bin ich ein großer Verfechter der Konsumentensouveränität. Ich kann keinem vorschreiben, die Süddeutsche zu lesen. Aber ich kann weiter dafür sorgen, dass es solche Angebote gibt. Das öffentlich-rechtliche Fernsehen, das sich über die Rundfunkgebühr finanziert, ist für unsere unabhängigen Medien elementar. Was könnten darüber hinaus Finanzierungsmodelle der Zukunft sein – Medienabgaben, Crowdfunding? Hier müssen wir uns intensiv Gedanken machen.

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alexander Nr. 103 InhaltsverzeichnisDieser Text erschient zuerst im alexander – dem Magazin rund um alles, was an der FAU gerade aktuell ist.

Die Ausgabe 103 hat unter anderem folgende Themen: ein Interview anlässlich des 50-jährigen Bestehens der Technischen Fakultät, ein Artikel über ein besonderes Informatikseminar sowie ein Beitrag über einen Besuch in der Mechanik- und Elektronikwerkstatt der FAU.

 

 

 

 

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