Von 220 auf 100 Kilo: Adipositas interdisziplinär behandeln

Sonja B. bringt heute 224 Kilo auf die Spezialwaage. Ein interdisziplinäres Team aus Chirurgen, Ernährungsmedizinern, Sportwissenschaftlern und anderen Experten wird sie beim Kampf gegen die Kilos unterstützen. Von links: Moustafa Elshafei (Chirurgie), Dr. Yurdagül Zopf (Leiterin Hector-Center) und Prof. Dr. Robert Grützmann (Direktor Chirurgie) stehen am Bett der Patientin. (Bild: Uni-Klinikum Erlangen)

Erstes Adipositasboard Süddeutschlands am Uni-Klinikum Erlangen eingerichtet

Die Menschen in den westlichen Industrieländern werden seit Jahren immer dicker. In Deutschland ist inzwischen jeder Zweite übergewichtig, mehr als jeder Fünfte adipös. Adipositas meint eine Vermehrung von Körperfett, die das Normalmaß deutlich übersteigt. Immer mehr Männer und Frauen leiden unter diesem behandlungsbedürftigen Übergewicht. Deshalb wurde jetzt unter Leitung der Chirurgischen Klinik (Direktor: Prof. Dr. Robert Grützmann) am Universitätsklinikum Erlangen Süddeutschlands erstes und einziges Adipositasboard eingerichtet: In dieser interdisziplinären Runde sagen Allgemein- und Viszeralchirurgen, Ernährungsmediziner, Internisten, Endokrinologen, Plastische Chirurgen, Gynäkologen, Dermatologen, Fachärzte für Psychosomatik und Psychotherapie sowie Physiotherapeuten den Kilos gemeinsam den Kampf an.

Krankhaftes Übergewicht wurde für Sonja B. aus Haßfurt buchstäblich zu einem schwerwiegenden Problem. Bezeichnenderweise kam sie schon mit Übergewicht zur Welt – mit 5,5 Kilo, vier Wochen zu spät. „Ich war schon immer dick“, sagt sie. „Meine Eltern waren dick, meine Großeltern auch. Meine Oma hat immer gesagt, Kinder müssten einfach füllig sein. Als Betthupferl gab es dann noch ein Würstchen.“ Das Übergewicht wurde Sonja B. durch ihre Gene und ihre Erziehung mitgegeben. Dass es sie krank machen würde, hat sie nicht kommen sehen. Bereits mit zehn Jahren bekam Sonja B. Diabetes mellitus Typ 1 und wog bald über 150 Kilo. Heute – mit 47 Jahren – zeigt die Waage 224 Kilo. Und die Liste der Folge- und Begleiterkrankungen ist lang: Unterleibskrebs, Herzinsuffizienz, schwere Lymphödeme in den Beinen (Elephantiasis) und Atemaussetzer während des Schlafens sind nur einige Punkte. Seit drei Jahren hat Sonja B. ihre Wohnung nicht mehr verlassen – sie kann nicht mehr gehen. Als ihre Hausärztin ihr sagte, dass sie nun mit Bewegung und einer Diät keine nennenswerte Besserung mehr erzielen könne, entschied sich Sonja B., sich von den Adipositasexperten des Uni-Klinikums Erlangen behandeln zu lassen. Bei diesen stellte sie sich jetzt vor.

Moustafa Elshafei von der Chirurgie des Uni-Klinikums erklärt: „Die gesamte Behandlung wird ein bis zwei Jahre in Anspruch nehmen und stufenweise erfolgen. Am Ende soll die Patientin deutlich unter 100 Kilo wiegen.“ Sonja B. benötigt die Hilfe vieler verschiedener medizinischer Disziplinen. Ihre Krankengeschichte stand deshalb auf der Agenda des neuen Adipositasboards des Uni-Klinikums Erlangen, das monatlich darüber berät, welche Therapie im Einzelfall die beste ist.

Konservative und chirurgische Therapie

Zunächst wird Sonja B. nun in der Medizinischen Klinik 1 – Gastroenterologie, Pneumologie und Endokrinologie (Direktor: Prof. Dr. Markus F. Neurath) stationär aufgenommen. Ernährungsmedizinerin und Leiterin des Hector-Centers für Ernährung, Bewegung und Sport, Prof. Dr. Yurdagül Zopf, führt aus: „Wir stellen die Patientin auf eine energiereduzierte und eiweißreiche Ernährung um. Mit Medikamenten erreichen wir, dass sich ihr Appetit verringert und sich der Magen langsamer entleert. Dieses Ernährungsprogramm kombinieren wir – so weit wie möglich – mit einer Trainingstherapie: Ganzkörper-EMS-Training (Elektromuskel-stimulation) zum Beispiel, das die Muskulatur effektiv mit Stromimpulsen trainiert, ist auch bei sehr adipösen Menschen wie Frau B. möglich. Zu einem späteren Zeitpunkt verspricht dann hochintensives Intervalltraining (HIIT), bei dem sich kurze intensive Belastungsphasen mit Erholungsphasen abwechseln, gute Erfolge.“ Das Ernährungs- bzw. Trainingsprogramm wird durch eine Verhaltenstherapie ergänzt.

Danach folgt Therapiestufe 2: „Sind die konservativen Verfahren, also Ernährungs-, Bewegungs- und Verhaltenstherapie erschöpft oder ohne Aussicht auf Erfolg und leidet der Patient – wie Sonja B. – unter Begleiterkrankungen, operieren wir“, erläutert Prof. Dr. Robert Grützmann, Direktor der Chirurgie. „Dazu stehen uns alle Möglichkeiten der Adipositaschirurgie zur Verfügung: von Magenballon und Magenband über den Schlauchmagen bis zu Gastroplastiken und dem Magenbypass.“ Bei Sonja B. wollen die Erlanger Chirurgen zuerst einen Schlauchmagen anlegen, das heißt, den Magen um ca. 90 Prozent verkleinern. „Dadurch hat die Patientin weniger Hunger, sie isst weniger und verliert schnell an Gewicht. Begleiterkrankungen können sich wieder zurückbilden“, sagt Robert Grützmann. Im nächsten Schritt planen die Ärzte einen Magenbypass: Dabei werden große Teile von Magen und Dünndarm umgangen. Die Nahrung wird so erst viel später vom Körper aufgenommen: Der Organismus muss mit wesentlich weniger Nährstoffen auskommen.

Regelmäßige Aufklärung über Adipositas

Adipositas beginnt bei einem Body-Mass-Index (BMI: Körpergewicht in Kilogramm geteilt durch die Körpergröße in Metern zum Quadrat) von 30 und lässt sich in drei Schweregrade einteilen: Grad 1 (BMI zwischen 30 und 35), Grad 2 (BMI zwischen 35 und 40) und Grad 3 (BMI über 40). Wie gefährlich krankhaftes Übergewicht ist, welche Ursachen, Folgen und Therapien es gibt, erklären die Experten des Uni-Klinikums Erlangen bei monatlichen Informationsabenden. „Übergewicht reduziert die Lebenserwartung eines 40-Jährigen um bis zu sechs Jahre, bei schwerer Adipositas sogar um bis zu 20 Jahre. Jeder Zweite leidet zusätzlich unter psychischen Problemen“, warnt Moustafa Elshafei. Schuld an der Adipositas sind neben erblichen und hormonellen Faktoren vor allem eine falsche (Über-)Ernährung und Bewegungsmangel. Betroffene können sich in der Adipositassprechstunde der Chirurgie bei den Experten Dr. Christian Krautz und Moustafa Elshafei vorstellen. „Wie Sonja B. geht es vielen Menschen. Und für die müssen wir eine ganz neue Versorgung aufbauen“, sagt Moustafa Elshafei.

Nächster Adipositasinfoabend für Betroffene und Angehörige:

Datum: Dienstag, 7.11.2017, 18.45 – ca. 21.00 Uhr, nur mit Voranmeldung unter Tel.: 09131 85-35879

Adipositassprechstunde:

Dienstags, 13.00 – 16.00 Uhr, Terminvereinbarung erforderlich

Tel.: 09131 85-35879

Weitere Informationen:

Bildmaterial zum Download:

Moustafa Elshafei
Tel.: 09131 85-40906
moustafa.elshafei@uk-erlangen.de

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