„Kinder mit Epilepsie frühzeitig operieren“

Europäische Studie zeigt bei häufigen Hirnschädigungen: Zwei von drei Epilepsiekranken profitieren von einer Operation

„Kinder, die an einer Epilepsie leiden und denen Medikamente nicht helfen, sollten frühzeitig in ein spezialisiertes Epilepsiezentrum überwiesen werden“, empfiehlt Prof. Dr. Ingmar Blümcke, Direktor des Neuropathologischen Instituts des Universitätsklinikums Erlangen und Forscher an der FAU. In diesen Epilepsiezentren wird mittels modernster Elektroenzephalografie und hochauflösender Kernspintomografie gezielt nach dem Ursprung der epileptischen Anfälle im Gehirn gesucht. Liegt der Anfallsursprung in einem umschriebenen Bereich der Großhirnrinde und ist klar abgrenzbar, kann eine Operation helfen.

„Abhängig von der jeweiligen Diagnose sind danach bis zu 80 Prozent der Kinder anfallsfrei. Bei Erwachsenen liegen diese Werte bei gleichen Diagnosen niedriger“, so Prof. Blümcke. Für den Neuropathologen steht fest: „Je früher Patienten in einem Epilepsie-Zentrum angesehen werden, je besser.“ Unter Leitung des Erlanger Wissenschaftlers wurden die Daten von 9.523 Patienten mit schwer behandelbarer Epilepsie ausgewertet. Die Studienergebnisse wurden jetzt im New England Journal of Medicine veröffentlicht.

36 Epilepsiezenten aus 12 europäischen Ländern haben ihre Behandlungsdaten seit 2006 in die von der EU geförderte European Epilepsy Brain Bank eingegeben. „Die Auswertung der Daten hat gezeigt, dass in 86 Prozent der Fälle zehn typische Hirnschädigungen der Epilepsieauslöser waren“, sagt Prof. Blümcke. „Das macht die Diagnostik einfacher, weil gezielt nach diesen Läsionen gesucht werden kann.“ Bei 76 Prozent aller Patienten begann die Epilepsie bereits im Kindesalter. Operiert wurde im Mittel erst 16 Jahre nach Anfallsbeginn. „Unsere Studienergebnisse zeigen, dass die Erfolgsquote einer epilepsiechirurgischen Therapie bei jungen Patienten am höchsten ist.“ Leider werde die Epilepsiechirurgie oft als letzte Behandlungsmöglichkeit nach dem Scheitern jeglicher Arzneimitteltherapie angesehen. „Moderne Operationstechniken machen die Epilepsiechirurgie in unseren spezialisierten Zentren aber zu einem sehr sicheren Verfahren“, sagt Prof. Blümcke.

Erlanger Neuropathologie ist Referenzzentrum im europäischen Netzwerk „EpiCare“

Die Weltgesundheitsorganisation der Vereinten Nationen (WHO) schätzt die Zahl der Menschen mit Epilepsie weltweit auf über 50 Millionen. Etwa ein Drittel von ihnen spricht nicht auf Medikamente an. Kann bei diesen Patienten eine umgrenzte Gehirnläsion nachgewiesen werden – beispielsweise gutartige Tumoren, Fehlbildungen der Hirnrinde, Narben oder ein Nervenzellverlust im Hippocampus – und steht diese mit dem Anfallsursprung in direktem Zusammenhang, ist ein epilepsiechirurgischer Eingriff möglich. In über 70 Prozent der Fälle wurden die Studienpatienten im Bereich des Schläfenlappens operiert. Die rechte und die linke Gehirnhälfte waren gleich häufig betroffen. Männer und Frauen wurden gleich häufig operiert.

Eine vollständige Anfallsfreiheit bestand ein Jahr nach der Operation bei 65 Prozent aller operierten Kinder (79,9 Prozent mit gutartigen Tumoren) und bei 58 Prozent der Erwachsenen (63,5 Prozent mit Tumoren). Der nun im New England Journal of Medicine erschienene Artikel unter Federführung der Erlanger Neuropathologie beschreibt diejenigen Ursachen fokaler Epilepsien, die von einem epilepsiechirurgischen Eingriff erheblich profitieren können. Neben der Erforschung von wirksamen Epilepsietherapien fördert die EU zusätzlich den Aufbau spezialisierter Epilepsiezentren im Rahmen der European Reference Networks. Im Epilepsienetzwerk „EpiCare“ koordiniert die Erlanger Neuropathologie die referenzpathologische Untersuchung der Operationspräparate. Dies soll die bestmögliche Diagnostik und Behandlung von Patienten auch in Regionen ohne etablierte Epilepsiezentren gewährleisten.

Weitere Informationen:

Prof. Dr. Ingmar Blümcke
Tel.: 09131 85-26031
ingmar.bluemcke@uk-erlangen.de

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