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Geflügelte Worte und deren (Be)Deutung

Sprecher des interdisziplinären Zentrums für dialekte und Sprachvariationen und Lehrstuhlinhaber für Arabistik und Semitistik, Prof. Dr. Lutz Edzard, ist Initiator und Organisator der Tagung "Bibelübersetzung". (Bild: FAU/Dorothea Dietzel)

Die Bibel und die Bedeutung ihrer Übersetzungen für Sprache, Glaube und Wissenschaft

Kaum einer liest die Bibel in Hebräisch oder Altgriechisch, sondern verlässt sich im Normalfall auf eine der zahlreichen Übersetzungen. Doch hatten diese jenseits ihres Inhaltes in sprachlicher und gesellschaftlicher Hinsicht immensen Einfluss auf Menschen und ihren Glauben. Aber auch wer sich wissenschaftlich mit der Bibel auseinandersetzt, kommt ohne Übersetzungen nicht aus. Prof. Dr. Lutz Edzard, Inhaber des Lehrstuhls für Arabistik und Semitistik der FAU und Sprecher des Interdisziplinäre Zentrum für Dialekte und Sprachvariation (IZD) spricht über Einflüsse von Bibelübersetzungen, ihre wissenschaftliche Bedeutung und Probleme, die mit solchen entstehen können.

Luthers Übersetzung der Bibel, hat die deutsche Sprache und Geschichte enorm beeinflusst. Gibt es vergleichbare Einflüsse durch Bibelübersetzungen auch andernorts und wie wirkten diese sich aus?

Vergleichbare Einflüsse lassen sich in vielen Sprachen beobachten. So gehen zum Beispiel im Englischen viele Redewendungen auf den Bibelübersetzer William Tyndale (1484 bis 1536) zurück, beispielsweise „under the sun“, „let there be light“, „pour out one’s heart“, „go the extra mile“ und andere Ausdrücke mehr. Diese Idiome sind in ihrer Entstehung den von Georg Büchmann am Anfang seines berühmten Werks „Geflügelte Worte“ aufgezählten biblischen Ausdrücken im Deutschen durchaus vergleichbar. In vielen Fällen ist sogar die Wortstellung von kanonischen Bibeltexten beeinflusst oder geprägt.

Jenseits der Bedeutung als Sprachvorbilder und religiöse Texte, welche Bedeutung kommen Bibelübersetzungen in wissenschaftlicher Hinsicht zu?

Bibelübersetzungen sind jenseits des Gebrauchswerts für die jeweiligen lokalen Bevölkerungen, die die Originaltexte nicht unbedingt verstehen, auch von besonderem Wert für die Text- und Interpretationsgeschichte selbst. Oft erhellt zum Beispiel die griechische Septuaginta-Übersetzung, die eine andere Quellenlage hatte als wir heute, unklare Stellen im hebräischen Alten Testament. Auch sind Handschriften von Bibelübersetzungen, zum Beispiel der Codex Sinaiticus der Septuaginta aus dem 4. Jahrhundert n. Chr., zuweilen deutlich älter als Handschriften der originalsprachlichen Version, also beispielsweise der Aleppo-Codex aus dem 10. Jahrhundert n. Chr. Aus diesem Grund stellen Übersetzungen auch wichtige Textzeugen dar, um den Originaltext zu klären.

Neben Übersetzungsfehlern, welche Probleme entstehen mit Übersetzungen und wie ist mit diesen umzugehen?

Übersetzungen stellen in bestimmten Fällen Interpretationen dar, zumal wenn der Originaltext unklar ist. Umstritten ist beispielsweise die Bedeutung von Deuteronomium, dem fünften Buch Mose, 14:21: „Du sollst ein Zicklein nicht in der Milch seiner Mutter kochen“. Jüdisch-arabische Bibelübersetzungen schreiben hier knapp, dass Fleisch- und Milchprodukte nicht kombiniert werden sollen. Dies ist die heute gängige Interpretation.

In anderen Fällen können Übersetzungen „ideologisieren“. Einen berühmten Fall stellen hebräisch alma (Jesaja 7:14) und griechisch parthenos (Matthäus 1:23) dar. Beide Begriffe bezeichnen im Prinzip Frauen im heiratsfähigen Alter, allenfalls das griechische Wort kann auch im Sinne von „Jungfrau“ verstanden werden. Aber erst durch das Dogma der „unbefleckten Empfängnis“ ab dem 3./4. Jahrhundert n.Chr. setzte sich die Übersetzung „Jungfrau“ durch. Moderne Übersetzungen müssen versuchen, solche Missverständnisse behutsam zu korrigieren.

Das IZD veranstaltet am 5. und 6. Oktober eine interdisziplinäre Tagung zu Bibelübersetzungen, in der die Referenten Bibelübersetzungen aus verschieden Perspektiven und unter unterschiedlichen Fragestellungen betrachten und diskutieren. Die Tagung mit dem Titel „Bibelübersetzung(en) in sprachvergleichender Perspektive“ findet im Raum PSG 00.3, Kochstr. 6a, in Erlangen statt. Beginn ist jeweils um 9.00 Uhr. Der Eintritt ist frei.

Ausführliche Informationen zur Tagung sowie das Programm: www.dialektforschung.phil.uni-erlangen.de/projekte-und-veranstaltungen/tagung-bibeluebersetzung-in-sprachvergleichender-perspektive.shtml

Weitere Informationen:

Prof. Dr. Lutz Edzard
Tel.: 09131/85-22444
lutz.edzard@fau.de

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