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Am Ende kommt immer der Schluss

Wie sieht das Ende der Welt aus? Dazu gibt es weltweit verschiedene Vorstellungen. (Bild: Renata Sedmakova/Shutterstock.com)

Alles hat ein Ende. Auch die Welt. Wie dies aussieht und was danach kommt, davon gibt es auf der Welt verschiedene Vorstellungen.

von Ilona Hörath

Der Zorn Gottes

„Facies mundi miserabilis, horribilis, nigra, mirabilis“, heißt es in einer Chronik des Hochmittelalters. „Der Zustand der Welt wird im Ton tiefster Depression beschrieben“, sagt Dr. Hans-Christian Lehner, der sich am Internationalen Kolleg für Geisteswissenschaftliche Forschung (IKGF) an der FAU mit dem christlichen Weltbild vom späten 11. Jahrhundert bis etwa zum Jahr 1250 beschäftigt und Endzeitstimmungen und -prognosen dieser Zeit erforscht. Zwar wird das Ende der Welt nur in ganz seltenen Fällen konkret vorausgesagt. Sonnenfinsternis, „blutiger“ Regen, der Sandstürmen aus der Wüste geschuldet ist, alles aufsaugende Monster, Erdbeben und Hungersnöte – die Menschen wissen die biblischen Vorboten für den Untergang jedoch zu deuten. Wenn sie denn davon überzeugt waren, dies zu wollen und daran zu glauben. „Als unmittelbare Bedrohung wurden die Zeichen nicht empfunden. Dennoch ist das symbolstarke eschatologische Verstehen integraler Bestandteil mittelalterlichen Denkens.“ Besonders populär waren Jenseits-Visionsberichte, in denen wort- und bildgewaltig die schlimmsten Höllenqualen am Jüngsten Tag geschildert wurden. Nicht ohne den didaktisch angelegten Verweis, wie angenehm es doch im Himmel sei. Eine gewisse Frömmigkeit vorausgesetzt. Die Welt lebt im Zustand des Verfalls. Ihr Ende zu bestimmen, ist jedoch allein der göttlichen Macht vorbehalten. „Die Furcht, als Mensch vor dem Zorn Gottes zu versagen, mag schwerer gewogen haben als die Angst vor dem Ende.“

Wende zur Spiritualität

Dass die Endzeit der Menschheit positiv gestaltet sein kann, zeigt die jüdische Religion. „Es gibt keine Kriege und Hungersnöte mehr, stattdessen herrschen Frieden, Wohlstand und Gerechtigkeit in der Welt“, erläutert Dr. Katja Thörner vom Lehrstuhl für Orientalische Philologie und Islamwissenschaft, deren Forschung den Gemeinsamkeiten und Unterschieden der drei Weltreligionen Christentum, Judentum und Islam gilt. So gleicht das Ende der Welt mehr einer Wende hin zu einer Zeit, in der die Menschen ein spirituelles und moralisches Leben führen und sich das jüdische Volk intensiv dem Tora-Studium widmen wird. „Einer bestimmten Überlieferung zufolge kommt das Ende der Welt allerdings in einer schwierigen Zeit, die der Krieg gegen Gog und Magog genannt wird.“ Ein zentraler Kernpunkt ist die Ankunft des Messias, der Israel erlösen wird. Maimonides, der im 12. Jahrhundert wirkende jüdische Philosoph, Rechtsgelehrte und Arzt, empfahl jedoch, man möge sich nicht allzu ausgiebig mit der messianischen Zeit befassen, da dies nicht zu Gottesliebe führe. In der Zionstradition hingegen wurde „mit der Eroberung der Stadt durch König David und dem Bau des Tempels Zion immer mehr zum Synonym des Ortes der Gottespräsenz und des Zentrums allen Heils.“ Auch wenn sowohl im Christentum als auch im Judentum Krieg und Leiden enden, sind die unterschiedlichen Endzeitvorstellungen zu differenzieren. „In der hebräischen Bibel gibt es keine einheitliche Lehre, sondern eine Reihe von Entwürfen, die in verschiedenen Traditionen aufgenommen wurde.“

Apokalyptische Propaganda

„Genau genommen ist der Islam sehr modern und individualistisch: Jeder hat seine eigene Lesart des Korans – die Offenbarung Gottes – und der Sunna, welche die Aussprüche und Handlungen des Propheten Muhammad überliefert“, sagt Dr. Jörn Thielmann vom Erlanger Zentrum für Islam und Recht in Europa an der FAU. Die Mehrheit der Muslime verknüpft Endzeitvorstellungen mit Darstellungen des Paradieses, aber auch der Hölle: Mahdi, die messianische endzeitliche Gestalt, kämpft gegen den Antichrist. Auf das Versprechen des Paradieses und der Vergebung der Sünden beruft sich auch der islamistische Terrorismus. Der Weg dorthin heißt aber: Töten und getötet werden. „Der selbst ernannte Islamische Staat (IS) versteht sich als fromme Avantgarde. Für sie zählt alleine der Akt der Bekehrung, nämlich auf die Seite der ‚guten Muslime‘ gewechselt zu haben. Dafür stellt er ein apokalyptisches Narrativ zur Verfügung.“ Viele Muslime weltweit empfinden dabei Ungerechtigkeiten: Sie würden von der „westlichen Welt“ bedrängt, dominiert und diskriminiert. Dies – und damit den „Einbruch der Moderne in die arabische Welt“ – deutet der IS als das nahende Ende, als den globalen und kosmischen Endzeitkampf zwischen Gut und Böse, der bereits eingeläutet ist. Militärische Niederlagen werden im Sinne apokalyptischer Propaganda verarbeitet. „Ihr Handeln bringt die endgültige Erlösung für alle im Jüngsten Gericht näher, die sie als Kämpfer individuell im Tod erfahren. Das Heraufkommen der Endzeit wird also durch entfesselte Gewalt beschleunigt.“

Stromkasten in Kerzlenlicht

Die moderne Variante der Endzeitvorstellung: der digitale Blackout. (Bild: shutterstock.com/Geolilli)

Im ewigen Kreislauf

Vollkommene Buddhaschaft – Erwachen aus dem Schlaf der Unwissenheit – also Erleuchtung zu erlangen, das heißt, die Natur des eigenen Geistes zu erkennen – so lautet das angestrebte Ziel im Tibetischen Buddhismus. Um dies zu erreichen, praktizieren Gläubige die buddhistische Lehre. „Sie tun alles dafür, damit sie bewahrt wird und niemals verloren geht“, erklärt Dr. Rolf Scheuermann. Am Internationalen Kolleg für Geisteswissenschaftliche Forschung „Schicksal, Freiheit und Prognose. Bewältigungsstrategien in Ostasien und Europa“ der FAU erforscht er nicht nur die Lehrreden Buddhas, sondern auch die schiere Fülle an Kommentaren und Meditationstexten. Wunschgebete spielen dabei eine zentrale Rolle. „Der Gläubige strebt an, in der Gegenwart buddhistischer Lehrer wiedergeboren zu werden, um weiterhin der Lehre folgen zu können und sich endgültig aus dem Daseinskreislauf zu befreien. Würde die buddhistische Lehre aufhören zu existieren, wäre die Befreiung aus dem endlosen Kreislauf von Geburt und Wiedergeburt, in dem sich alle unerleuchteten Wesen befinden, in unserer Welt solange nicht mehr möglich, bis ein neuer Buddha erscheint. Man wäre dann zu andauerndem Leid verdammt“, sagt Scheuermann. Auch heute gibt es daher zahlreiche Bemühungen, den immer wieder vorhergesagten Niedergang der Lehre hinauszuzögern. „Die Gläubigen befinden sich also grundsätzlich immer in einer Art Endzeit.“

Hoffnungsprinzip Erneuerung

Bruderkampf, Inzest, Hurerei und „gespaltene Schilde“ – damit beginnt der moralische Verfall der Welt, dem die Zerstörung der kosmischen Ordnung folgt. Der mehrjährige Fimbulwinter und Ungeheuer kosmischen Ausmaßes wie die Midgardschlange oder der Fenriswolf: Haben sich göttliche und dämonische Mächte in einer Endschlacht zum großen Teil gegenseitig ausgelöscht, entsteigt den Fluten eine neue, verjüngte Welt. Einige Götter sowie ein Menschenpaar haben überlebt, mit ihnen beginnt ein neues, goldenes Zeitalter, einen neuen Idealzustand versinnbildlichend. Als Teil der Nordischen Mythologie erscheinen die Erzählungen vom Weltuntergang, dem Ragnarök, in den ursprünglich im 10. Jahrhundert entstandenen und zunächst mündlich überlieferten Liedern der Edda wie auch später in der Snorra-Edda. „Die Endzeitmythen der Skandinavier stellen kein rein pessimistisches Untergangsszenario dar“, sagt Thomas Krümpel vom Department Germanistik und Komparatistik, „denn es gilt das Hoffnungsprinzip der Erneuerung.“ Wissenschaftlich umstritten ist, ob die Ragnarök-Vorstellungen vom Christentum beeinflusst wurden und inwiefern das nordische Weltbild tatsächlich ein zyklisches ist. „Mythische Erzählungen dienten vor allem der Welterklärung, eine dogmatische Glaubenslehre waren sie nicht“, weiß Krümpel, dessen Forschungsschwerpunkt das skandinavische Mittelalter ist. Sowohl bei den Eliten als auch in der breiten Bevölkerung waren die Mythen im Umlauf. „Wie man sie aufgefasst hat, blieb jedem Einzelnen selbst überlassen.“

Digitale Endzeit

Kommt es zu einem herkömmlichen Stromausfall, ist dies für den einen oder anderen ärgerlich. Wächst sich der Blackout aber zum digitalen Blackout aus, sind die Folgen nicht abzuschätzen. „Schon heute sind sehr viele Dinge miteinander vernetzt, von denen wir nicht einmal wissen“, sagt Dr. Zinaida Benenson vom Informatik-Lehrstuhl für IT-Sicherheitsstrukturen. Dass Unbekannte die Kontrolle über Infrastrukturen übernehmen und missbrauchen, erlebte die Ukraine kurz vor Weihnachten 2016. 700.000 Menschen saßen vorübergehend im Dunkeln. Zumindest auf lokaler Ebene könnte der spektakuläre Angriff eine gewisse Endzeitstimmung ausgelöst haben. Alles, was am Internet hängt, könne angegriffen werden, sagt Benenson und schränkt ein: „Der globale Ausfall von lebenswichtigen Strukturen ist eher unwahrscheinlich, da viele Systeme miteinander inkompatibel sind.“ Und weil Programmierfehler sogar Hackern zu schaffen machen. Apokalyptische Szenarien sind also eher unwahrscheinlich. „Wannacry“, eine sogenannte Ransomware, infizierte Rechner in mehr als 60 Ländern mit unangenehmen Folgen. „Auch das hat die Menschheit absorbieren können.“ Eine echte Gefahr seien hingegen Monokulturen wie die weit verbreiteten Windowsrechner, die überall eingesetzt werden und oft leicht angreifbar sind. Weshalb „Wannacry“ auch so erfolgreich war. Benenson glaubt nicht daran, dass eine digitale Endzeit die Menschheit auslöschen könne. „Trotz Monokulturen sind die Konfigurationen der Systeme zu divers. Und Menschen verfügen über Mechanismen, nicht allem zu vertrauen.“


Der friedrich – das Forschungsmagazin der FAU

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Dieser Artikel erschien zuerst in unserem Forschungsmagazin friedrich. Die aktuelle Ausgabe beschäftigt sich mit dem Thema Ende in all seinen Formen: Welche davon sind unausweichlich? Wie setzen sich Menschen damit auseinander? Und was bedeuten sie für den einzelnen? Und ist das, was Menschen als Ende definieren wirklich der Schlusspunkt? Manchmal verändern sich Dinge nur, entwickeln sich weiter, es entsteht etwas Neues. Mitunter ist das Ende aber auch gar kein Thema: Der Mensch strebt nach Unendlichkeit. Können wir diesen Begriff überhaupt verstehen? Ist Innovation unendlich? Und leben wir unendlich weiter – im Internet?

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