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Wer liest, hat mehr vom Tod

Das Ende des Lebens oder der Welt beschäftigt viele Menschen. Einen Weg, sich mit diesen Themen auseinanderzusetzen, bietet die Literatur. (FAU/David Hartfiel)

Über den Umgang mit dem Ende in der Literatur

Das Ende des Lebens oder der Welt beschäftigt viele Menschen. Einen Weg, sich mit diesen Themen auseinanderzusetzen, bietet die Literatur.

von Ilona Hörath

Aus, Ende, fertig, Schluss. Ist der Tod nahe, herrschen Sprachlosigkeit und Hilflosigkeit, entsteht Leere, versagen Überzeugungen und bislang gewohnte Reaktionsmuster. „Doch die Literatur interveniert und stellt Geschichten zur Verfügung. Wo sich das Nichts breitzumachen droht, tritt ein reiches Vokabular zutage, das zum Weiterdenken einlädt“, sagt Prof. Antje Kley vom Lehrstuhl für Amerikanistik. Und greift sogleich zu dem Roman „Lincoln in the Bardo“ des US-amerikanischen Autors George Saunders, der 2017 für dieses Werk den renommierten Man Booker Prize gewann. „Der Text macht lesbar, was Sterben bedeutet, und sorgt mit seinen grotesk verzerrten Bildern beim Leser durchaus für Erheiterung. Darüber hinaus verbindet Saunders’ experimentelle Auseinandersetzung mit dem Tod individuelle, soziale und politische Geschichte.“ Die Wissenschaftlerin sagt: „Im Zeichen des Todes entsteht so Raum fürs Leben.“

Seit April 2017 beschäftigt sich Kley mit einem Forschungsprojekt, das der Darstellung des Ungewissen, der Bedrohlichkeit – kurz: des Lebensendes – in der zeitgenössischen US-amerikanischen Literatur auf den Grund geht. Schon allein der von ihr gewählte Titel „Death becomes us“ provoziert. „Der Tod wird uns angemessen“, erläutert Kley frei übersetzend. Ihr Forschungsinteresse gilt nichts Geringerem als der großen Frage: Wie kann und muss im Angesicht des Lebensendes eine Neubewertung dessen vorgenommen werden, was wir „Leben“ nennen?

Buch und Sense liegen an einer Bushaltestelle

Wie kann und muss im Angesicht des Lebensendes eine Neubewertung dessen vorgenommen werden, was wir „Leben“ nennen? Mit dieser Fragestellung beschäftigt sich Amerikanistin Prof. Dr. Antje Kley. (Bild: FAU/David Hartfiel)

Erfahrung begreifbar machen

In der Literatur war der Tod schon immer ein wichtiges Motiv, auch in den USA. Dort sei Literatur „besessen von Gewalt und Tod“, was sich in Sujets wie territorialer Expansion, rassistischer Auseinandersetzung, Krankheit, Krieg, Frontier- und Wildwest-Thematik zeige. „Die Literaturwissenschaft interessiert sich grundsätzlich dafür, inwiefern imaginative Texte einen Beitrag dazu leisten, existenzielle Situationen und ihre Bedingungen lesbar zu machen.“ Speziell in den vergangenen 20 bis 30 Jahren habe die Anzahl von Texten, die sich mit dem Sterben befassen, zugenommen, hat Kley beobachtet. Sowohl aus der Perspektive des Sterbenden als auch der Hinterbliebenen.

Biografische und fiktionale Texte, die Altern, Krankheit und das Sterben thematisieren, haben unterschiedliche Funktionen. Eine liege, so Kley, sicher darin, nach dem ‚Einbruch‘ des Todes in das Leben die empfundene Bedeutungsleere zu mildern und Protokolle für den Umgang mit dem Lebensende zu suchen: „Literatur kann dem Leser helfen, eine Erfahrung zu begreifen, die schwer begreifbar ist, diese förmlich ausbuchstabieren und die Vorstellungskraft des Lesers erweitern.“

Die Literaturwissenschaftlerin interessieren außerdem andere Fragen: Was weiß und kann die Literatur, was andere Diskurse wie zum Beispiel medizinische und versicherungstechnische Debatten oder Fragestellungen um Pflegeunterstützung nicht vermögen? Und wie kann sich Literatur mit ihren fiktionalen Mitteln auf öffentliche Diskussionen auswirken, zum Beispiel hinsichtlich des Fortschritts lebensverlängernder medizinischer Versorgung in Zeiten des demografischen Wandels? Mit diesen und anderen Fragestellungen beschäftigt sich Antje Kley in den nächsten Jahren. Für sie steht jedenfalls fest: „Ich habe noch viel Forschung vor mir!“

Das Privileg des letzten Menschen

Der Einschlag eines gigantischen Asteroiden, eine Pandemie, außerirdische Intelligenz oder ein vom Menschen selbst verursachter Nuklearkrieg: Die Vernichtung der Menschheit kann vielfältige Ursachen haben. Der Blick in die Literatur, auf Kinofilme oder Computerspiele zeigt aber: Dystopische Erzählszenarien haben eine Gemeinsamkeit. Es gibt einen Überlebenden.

„Im Unterschied zu den traditionellen apokalyptischen Szenarien beschreibt die Postapokalypse zwar die Auslöschung der Welt, nicht aber des Individuums.“

Der letzte Mensch auf Erden scheint dabei ein echtes Privileg zu genießen: wirklich der letzte Mensch zu sein. „Im Unterschied zu den traditionellen apokalyptischen Szenarien, die eine vollständige Auslöschung der Welt skizzieren, beschreibt die Postapokalypse zwar die Auslöschung der Welt, nicht aber des Individuums“, erläutert Prof. Maren Conrad vom Department Germanistik und Komparatistik. Die Juniorprofessorin widmet sich der Erforschung von postapokalyptischem Erzählen und Utopien in der Literatur. Also jener Literatur inklusive der Kinder- und Jugendliteratur, zu der auch Computerspiele gehören, die den Zeitraum „nach der Weltenvernichtung“, nach dem Ende des Anthropozän thematisiert.

„Den ,letzten Menschen‘ in der Literatur gibt es erst ab 1945, entstanden ist dieses Motiv unter dem Eindruck des Atombombenabwurfs auf Hiroshima“, sagt Maren Conrad. Postapokalyptisches Erzählen thematisiert Zukunftsszenarien, zeigt auf, welche neuen Wege der Mensch gehen kann. Als Beispiel verweist Maren Conrad auf Arno Schmidts Erzählung „Schwarze Spiegel“ von 1954. Der Protagonist verbrennt etwa Bücher und Bilder, die ihm schlichtweg nicht gefallen. „Er ist die letzte Instanz, die über Kunst und Kultur entscheiden kann.“ Dieser Roman sei, sagt Conrad, in der deutschen Literatur und aus einer Nachkriegserfahrung heraus der erste Text, der den letzten Menschen durchdekliniere.

Letzter Mensch mit Hund in apokalyptischer Umgebung

In einer postapokalyptischen Welt ist er der einzige Überlebende: der letzte Mensch. (Bild: shutterstock/Nomad Soul)

Die „Lust an der Ruine“

Die Literaturwissenschaft hält für Erzählungen vom letzten Vertreter des Homo sapiens den Begriff Robinsonade bereit. „In der Erzählung vom letzten Menschen kommen zwei Dinge zusammen: die Robinsonade und die Idee der Weltzerstörung.“ Die Postapokalypse, also jener Zustand „nach dem Ende“, an dem Zivilisationen aufgelöst sind und der letzte Mensch in absoluter Isolation lebt, wirft existenzielle Fragen auf: Wer bin ich eigentlich noch, was möchte ich sein? „Das Müssen ist verloren gegangen. Man ist auf sich geworfen, lediglich die Grundbedürfnisse sind gedeckt.“ Das Auslöschungsmoment löse das Problem, sich mit aktueller Gesellschaftspolitik auseinandersetzen zu müssen. Ob in der Literatur oder in Computerspielen: Man könne losziehen, frei entscheiden und experimentieren, sagt Conrad. „Das Spannende an dieser Art Erzählungen ist, dass sie sehr spielerisch sind. Alles, was die Erzählfigur unternimmt, dient dem reinen Selbstzweck.“ In ihrer Forschung hat Conrad herausgefunden: Dystopische Utopien beschwören in einer Traditionslinie das Weltbild der Romantik und damit die „Lust an der Ruine“ herauf – gepaart mit dem zentralen Mythos der Einsamkeit.

Zwischen europäischer und amerikanischer Erzählweise gibt es jedoch einen gravierenden Unterschied. „Der letzte Mensch wird als Flaneur gefeiert, der sich wohlfühlt. Die romantische Tradition wird mitverhandelt, das Ende ist meist offen.“ Anders in den USA. „In der angloamerikanischen Literatur ist meist eine neu zu errichtende Gesellschaft das höchste Gut, im Mittelpunkt steht meist eine Kernfamilie, es kommt zum Happy End.“


Der friedrich – das Forschungsmagazin der FAU

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Dieser Artikel erschien zuerst in unserem Forschungsmagazin friedrich. Die aktuelle Ausgabe beschäftigt sich mit dem Thema Ende in all seinen Formen: Welche davon sind unausweichlich? Wie setzen sich Menschen damit auseinander? Und was bedeuten sie für den einzelnen? Und ist das, was Menschen als Ende definieren wirklich der Schlusspunkt? Manchmal verändern sich Dinge nur, entwickeln sich weiter, es entsteht etwas Neues. Mitunter ist das Ende aber auch gar kein Thema: Der Mensch strebt nach Unendlichkeit. Können wir diesen Begriff überhaupt verstehen? Ist Innovation unendlich? Und leben wir unendlich weiter – im Internet?

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