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Die Medien der anderen

Die Mondlandung im Wohnzimmer: Nürnberger Familie in der Nacht des 21.Juli.1969. (Bild: NN/Wilhelm Bauer, veröff. am 22.7.1969.)

Wissenschaftler der FAU haben untersucht, wie über die Mondlandung in Ost und West berichtet wurde.

Am 21. Juli 1969, vor ziemlich genau 50 Jahren also, landeten Neil Armstrong und Buzz Aldrin auf dem Mond. Sie waren die ersten Menschen, die einen Fuß auf den 384.400 Kilometer entfernten Erdtrabanten setzten. Mit der gelungenen Apollo-11-Mission hatten die USA einen wichtigen Sieg im „Space Race“ errungen, das bis Mitte der 1960er Jahre die UdSSR angeführt hatte: der erste Satellit, das erste Tier, der erste Mann, die erste Frau im All – alles Erfolge der sowjetischen Raumfahrt.

Vom Beobachten des Beobachters

Selbstverständlich war die Mondlandung ein großes Thema in den Medien auf beiden Seiten der politischen Lager – im Fernsehen, im Radio, in den Zeitungen. Interessanterweise ging es in den Reportagen und Artikeln nicht ausschließlich – häufig nicht einmal vordergründig – um die Darstellung der jeweils eigenen Leistung: Am werbewirksamsten schien die Beobachtung der Medien jenseits des Eisernen Vorhangs. Es wurde also darüber berichtet, was die andere Seite berichtete. „Solche rekursiven Beobachtungsschleifen sind von Beginn an fester Bestandteil der Berichterstattung über die Raumfahrt in Ost und West“, sagt Dr. Sven Grampp, Wissenschaftler am Institut für Theater- und Medienwissenschaft der FAU. „Das Space Race wurde in Form permanenter Fremdbeobachtung in Szene gesetzt.“ Grampp hat die Berichterstattung über den Wettlauf ins All analysiert und mit dem Museum für Kommunikation in Nürnberg eine Ausstellung dazu konzipiert.

Den Gegner würdigen

Die erste bemannte Mondlandung wurde in den Medien der sozialistischen Länder durchaus gewürdigt: Das Neue Deutschland beispielsweise zitierte einen Tag nach der Rückkehr von Apollo 11 den Vizepräsidenten der Akademie der Wissenschaften der UdSSR mit den Worten, man habe die Leistungen der Astronauten Armstrong und Aldrin „sehr hoch eingeschätzt“, sie hätten sich „kühn ins Unbekannte gewagt. Doch schon in einer Zwischenüberschrift ist ein Zitat aus einer westdeutschen Boulevardzeitung angeführt: „‚Bild‘: Krisengeschüttelte USA brauchten Erfolg“. Am Ende des Artikels wird das westdeutsche Fernsehen mit den Worten wiedergeben: „Selbst in dem Lande, das die Fahne auf dem Mond eingepflanzt hat, fragen sich Zehntausende: Warum der Griff zu den Sternen? Gibt es hier nicht genug zu tun?“. „Dieser geschickte Perspektivenwechsel soll suggerieren, dass nicht die UdSSR die Mondmissionen kritisiert, sondern die Medien im Westen“, erklärt Sven Grampp.

Die Mondlandung auf Vinyl: Schallplatte mit den Funksprüchen der Astronauten Armstrong, Aldrin und Collins. (Bild: Belser Verlag)

Das Fernsehen in Ost und West

Dieses Instruments bediente sich auch das DDR-Fernsehen, das die Mondlandung – ebenso wie das Fernsehen der UdSSR, Chinas, Nordkoreas und Südvietnams – nicht live übertragen hatte. In der im Oktober 1969 – drei Monate nach Rückkehr der Apollo-Astronauten – ausgestrahlten Sendung „Wege ins Weltall. Tendenzen und Perspektiven“ wird gezeigt, wie die „bürgerliche Presse“ das Ereignis kommentiert: Um den Preis steigender Selbstzweifel, nationaler Depression und wachsender Labilität des kapitalistischen Systems müsse die Apollo-Mission Erfolg haben. Eine renommierte westdeutsche Zeitschrift schreibe, das US-amerikanische Raumfahrtprogramm sei zu limitiert, das sowjetische hingegen ausbaufähig und erfolgversprechender. Bereits zu Beginn der Sendung wird den Zuschauern in einer Animation klar gemacht, wo die Zukunft der Raumfahrt liegt: Nicht im Aufbruch zu fremden Himmelskörpern, sondern in der Vernetzung der Erde mit sowjetischen Satelliten. Das westdeutsche Fernsehen hingegen sendete live und nutzte die Berichterstattung für einen kulturvergleichenden Blick – allerdings nicht im klassischen Freund-Feind-Schema. So wurden im Weltspiegel und Auslandsjournal auf ARD und ZDF Bilder von euphorischen Amerikanerinnen und Amerikanern, von Apollo-Werbeaufklebern und Spielzeugraketen distanziert und zum Teil ironisch kommentiert.

Der Blick nach Moskau dagegen ist vergleichsweise moderat: Die Russen werden keineswegs als Schreckgespenst dargestellt – vielmehr wird berichtet, dass die UdSSR prinzipiell eine Kooperation mit den USA im All befürworte, auch wenn sie auf eine Übertragung der Mondlandung verzichtet habe. Grampp: „Man kann davon ausgehen, dass das Erste Deutsche Fernsehen in seiner Berichterstattung von vornherein mit den DDR-Bürgern als Zuschauer rechnete und im Grunde ein gesamtdeutsches Programm zur Mondlandung sendete.“

Die deutschen Väter der Raumfahrt

Der Weltspiegel richtete den Blick jedoch nicht nur auf die großen Welt(raum)mächte USA und UdSSR, sondern auch auf die Rolle Deutschlands als wissenschaftlicher Wegbereiter der Mondmission. Der Chefreporter des Südwestfunks, Ernst von Khuon, Science-Fiction-Autor und ehemaliger Kriegsberichterstatter bei der nationalsozialistischen Propagandakompanie, erzählte den Zuschauern eine kurze Geschichte der Raumfahrt: Inspiriert von Jules Verne habe der Physiker Hermann Oberth die Idee einer Reise ins All mathematisch exakt entfaltet und damit wiederum Wernher von Braun angeregt, die Entwicklung des Raketenantriebs voranzutreiben.

Die Mondlandung im Museum: gemeinsame Ausstellung des Museums für Kommunikation Nürnberg und der FAU. (Bild: Museum für Kommunikation Nürnberg)

In der Tat ist von Braun der zentrale Ingenieur der Saturn-V-Rakete, mit der die US-amerikanischen Astronauten überhaupt erst zum Mond fliegen konnten. Er war aber auch SS-Offizier und maßgeblich an der Entwicklung der „Vergeltungswaffe Zwei“ beteiligt, die 1944 und 1945 etwa 8.000 britische Todesopfer forderte. „In der DDR-Presse wurde der Vergangenheit Wernher von Brauns seit Anfang der 1960er-Jahre große Aufmerksamkeit geschenkt“, sagt Sven Grampp. „In der Geschichte Khuons und in der gesamten Sendung der ARD wird das nicht thematisiert. Hier geht es vielmehr darum, das Unternehmen Mondlandung als Ergebnis deutscher Ingenieurkunst und als Teil gesamtdeutscher Kulturidentität darzustellen.“

Ausstellung in Nürnberg besuchen

Bis 22. September 2019 können Sie die Ausstellung „Raumschiff Wohnzimmer. Die Mondlandung als Medienereignis“ im Museum für Kommunikation in Nürnberg besuchen.

Im Expotizer (unter „Fragen an das Expertenteam der Ausstellung“), einer multimedialen Einführung zur Ausstellung „Raumschiff Wohnzimmer“ des Museums für Kommunikation, berichtet Sven Grampp über das Space Race, den Charakter von Medienereignissen und die technischen Voraussetzungen der TV-Übertragung zur Zeit der Mondlandung.

Auch im Radiobeitrag „Apollo 11“ des rbb radioeins vom 20. Juli (ab Min. 32:21) spricht Grampp über die deutsch-deutsche Berichterstattung der Mondlandung. In einem Beitrag des SWR vom 18. Juli spricht er außerdem darüber, wie der Blick aus dem All, zurück auf die Erde, das Bewusstsein der Menschen verändert hat.


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Der aktuelle alexander hat unter anderem folgende Themen: 50 Jahre Mondlandung, das Internet – in Gefahr? Artikel 17 der EU-Urheberrechtsreform, Jubiläum am Sprachenzentrum der FAU sowie ein neuer Beitrag aus der Reihe „Besondere Orte an der FAU“ – diesmal über die Sternwarte.

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