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Frauen im Wissenschaftsbetrieb: Wie können wir Gleichstellung weiter fördern?

Wissenschaftlerin im Labor mit Pipette
Auch in der Wissenschaft herrscht ein Ungleichgewicht der Geschlechter: An der FAU sind beispielsweise etwa ein Drittel aller wissenschaftlichen Stellen mit Frauen besetzt. Unter den Professuren stellen Frauen nur etwa ein Fünftel. Auch wenn immer mehr Frauen eine wissenschaftliche Laufbahn einschlagen, bedarf es noch weiterer Anstrengungen, diese Verhältnisse zu ändern. (Bild: Uwe Niklas)

Von Headhunting und Spielzeugschränken

Dass mehr getan werden muss, um das Geschlechtergefälle in der Wissenschaft zu verringern, ist unbestritten. Doch Maßnahmen wie Sonderpreise für Frauen scheinen kaum mehr als Symbolpolitik. Deshalb hat sich das Forschungsteam des Sonderforschungsbereichs Transregio (SFB/TRR 154), dessen Sprecheruniversität die FAU ist, für einen etwas anderen Ansatz entschieden – mit vielversprechenden Ergebnissen.

Ein Gastbeitrag von Ute Eberle, Falk Hante, Frauke Liers und Michael Stingl

In unserem Sonderforschungsbereich werden mathematische Lösungsmethoden in den Bereichen Modellierung, Simulation und Optimierung am Beispiel von Gasnetzwerken entwickelt. Wie in solchen Fachgebieten typisch, waren fast alle der zuerst im Projekt eingestellten Mitarbeitenden männlich. Dies mag zwar Zufall gewesen sein, spiegelt aber ein ganz grundlegendes Problem wider. In Deutschland ziehen Mathematik und Naturwissenschaften fast zu gleichen Teilen Studentinnen wie auch Studenten an; viele Promovierende sind weiblich. Allerdings sinkt der Frauenanteil mit jeder Karrierestufe. Nur jede fünfte Professur ist in den Naturwissenschaften mit einer Frau besetzt. Eine Ursache dafür liegt in den unsicheren und nicht immer planbaren Karriereoptionen, insbesondere da die Berufung auf eine Professur im deutschen System meist relativ spät erfolgt.

Interview mit der Frauenbeauftragten der FAU

Foto: FAU/Boris Mijat

An der FAU gibt es seit 30 Jahren das Amt der Frauenbeauftragten. Im Interview erzählt die aktuelle Amtsinhaberin, Prof. Dr. Annette Keilhauer, womit ihre Vorgängerinnen zu kämpfen hatten, was erreicht wurde und was es noch zu erreichen gilt.

Zum Interview

Maßgeschneiderte Strategien

Für unseren Sonderforschungsbereich war von Anfang an geplant, dass ein Teil des Budgets in die Förderung der Gleichstellung fließen soll. Dies haben wir zugleich als Chance und als Herausforderung angesehen und uns auf die Entwicklung maßgeschneiderter Maßnahmen konzentriert. Wir haben im SFB/TRR 154 ein Genderteam gebildet, das aus je einer Teilprojektleiterin und einem Teilprojektleiter von jedem Standort besteht. Das Genderteam koordiniert und gestaltet die Gleichstellungsmaßnahmen und steht als Ansprechpartner für die Mitglieder zu Verfügung.

Die Sensibilisierung für Genderthemen wurde zu einem Schwerpunkt der Arbeit im Team, da Viele die Herausforderungen, vor denen die unterschiedlichen Geschlechter stehen, nicht wahrnehmen. So haben wir obligatorische Workshops in unsere Tagungen integriert. Einer dieser Workshops untersuchte die Kommunikationsstile von Männern und Frauen und daraus potentiell resultierende Konflikte. Obwohl der verbindliche Charakter dieser Workshops nicht nur auf positives Echo stieß, glauben wir, dass dadurch das Problembewusstsein geschärft wurde.

Wir haben an Hochschulprogrammen teilgenommen, die junge Frauen ermutigen, eine naturwissenschaftliche Laufbahn einzuschlagen. Für Studentinnen mathematischer und informatischer Fachrichtungen organisieren wir Sommerschulen, die die interdisziplinäre Vernetzung fördern. Mit einem Stipendienbudget hilft der SFB/ TRR 154 Frauen, wissenschaftliche Kooperationen im Ausland zu verfolgen und karrierefördernde Soft Skills zu verbessern.

Netzwerk für Frauen an der FAU

Grafik einer Frau mit verschränkten Armen.

Bild: Colourbox

SHEer Power – so heißt ein Frauen-Netzwerk an der FAU. Hier können sich Wissenschaftlerinnen, Studentinnen und Absolventinnen vernetzen und über wichtige Themen austauschen. Die Gruppe möchte so Frauen an der FAU unterstützen.

Zum Beitrag

Familienverträgliches Arbeiten

Ein weiteres Maßnahmenpaket zielt darauf ab, Familie und Beruf besser miteinander vereinbaren zu können. Dieses besteht unter Anderem daraus, Kinderbetreuungsplätzen zu sichern und mobile Kids-Boxen an jedem Standort bereitzustellen. Diese bestehen aus fahrbaren Schränken mit Spielzeug, Wickelutensilien und vielem mehr, um ein Kleinkind für ein paar Stunden am Arbeitsplatz glücklich zu machen. Finanzielle Unterstützung erhalten Mitglieder des SFB/TRR 154, die Babysitter brauchen, zum Beispiel bei Treffen außerhalb des eigenen Standorts oder zu Zeiten, wenn Kitas nicht geöffnet sind.

Es geht!

Bei der Zusammenstellung hochkarätiger Boards oder Workshop-Programme kommen meist die Namen männlicher Forscher als erstes in den Sinn. Es kann mehr Zeit in Anspruch nehmen und erfordert manchmal ein wenig Kreativität, um herausragende Kandidatinnen zu identifizieren — aber es geht. Dies wird durch unser eigenes Projekt untermauert. Die oben genannten Maßnahmen sowie ein sehr aktives Headhunting in den Rekrutierungsphasen machen einen spürbaren Unterschied. In der ersten Projektphase haben wir den Anteil an Doktorandinnen auf 24 Prozent und den der Postdoktorandinnen auf ein Drittel erhöhen können. Die Zahl der Professorinnen im SFB/TRR 154 ist von 17 auf 21 Prozent gestiegen. Diese Statistiken vergleichen sich vorteilhaft mit dem Bundesdurchschnitt in der Mathematik.

Mehr Flexibilität

Wir haben gelernt, wie wichtig es ist, den Teams Autonomie und Flexibilität dabei einzuräumen, die Gleichstellung zu fördern. So enthalten die meisten institutionellen Haushalte keine Möglichkeit, Reisekosten für Familienmitglieder zu erstatten, die jungen Forscherinnen und Forscher zu Konferenzen zu begleiten und vor Ort eine zuverlässige Kinderbetreuung gewährleisten können. Doch diese Art Reisekostenerstattung kann einen großen Unterschied machen, indem sie Nachwuchstalenten hilft, Beruf und Familie zu vereinbaren und ihre Karrieremöglichkeiten auszubauen, oder sie andererseits zu entmutigen. Der SFB/TRR 154 wird noch einige Jahre laufen. Bis dahin hoffen wir, dass wir weitere, nachhaltige Fortschritte auf dem Weg zu unserem Ziel der vollen Geschlechterparität erreichen werden.

Der Beitrag erschien im Original im April 2019 bei SIAM News, einer Publikation der Society for Industrial and Applied Mathematics (SIAM), unter dem Titel „Making Progress towards Gender Parity and Increased Diversity“.

Sonderforschungsbereich Transregio (SFB/TRR 154)

Im SFB/TRR 154 werden Methoden entwickelt, die Modellierung, Simulation und Optimierung zusammenzubringen. Hierfür dienen als Beispiel der Gastransport und die Versorgung mit Gas auf dem europäischen Markt mit verschiedenen Versorgern, auch bei sich ständig ändernden Nachfragen. Dies erfordert die Entwicklung komplexer Optimierungs- und Simulationsmethoden für Fragestellungen mit Tausenden von Variablen. All dies muss dynamisch und robust unter Berücksichtigung von Marktaspekten und mit einer Absicherung gegenüber Unsicherheiten erfolgen. Innerhalb des SFB/TRR arbeiten Teams aus vier Universitäten – der FAU (als Sprecheruniversität, Sprecher: Prof. Dr. Alexander Martin), der TU Berlin, der HU Berlin und der TU Darmstadt – zusammen. Der SFB/TRR 154 läuft seit 2014 und ist derzeit in der zweiten Förderperiode.


Cover des FAU-Magazins alexanderDieser Beitrag erschien zuerst im FAU-Magazin „alexander“. Sie können den alexander auch als PDF herunterladen. Gerne können Sie sich das Magazin auch kostenlos nach Hause oder an den Arbeitsplatz schicken lassen. Bitte füllen Sie dafür unser Abo-Formular aus.

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