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Chancengleichheit in Zeiten von Corona

Universitätsfrauenbeauftragte Annette Keilhauer
Prof. Dr. Annette Keilhauer Universitätsfrauenbeauftragte der FAU (Bild: Stöhr/Kaplan)

Ein Beitrag der Universitätsfrauen- beauftragten Prof. Dr. Annette Keilhauer

Nach einer anfänglichen Verdrängung ist inzwischen auch in der deutschen Medienlandschaft angekommen, dass Frauen im Allgemeinen stärker unter den Einschränkungen der Corona-Krise leiden als Männer. Dies hat seine Ursache insbesondere in einem schon traditionell erheblich höheren Anteil der Frauen an der Betreuungsarbeit in der Familie, der sich durch die Krise noch weiter erhöht hat – das belegen aktuelle Studien für Gesamtdeutschland.

Im universitären Arbeitsumfeld hatte sich eigentlich die Vereinbarkeit von Beruf und Familie in den letzten zehn Jahren durch zahlreiche Maßnahmen erheblich verbessert, und die FAU schreibt sich heute auf die Fahnen, eine familiengerechte Hochschule zu sein. Von außen betrachtet, könnte man auch meinen, dass die Corona-Krise an der Universität durch die vorlesungsfreie Zeit und die vielbeschworenen hohen Freiheitsgrade in der Organisation vor allem der Forschung weniger Auswirkungen hat. Immerhin müssen Wissenschaftler*innen keine Kurzarbeit oder gar Entlassung fürchten und können ihre Arbeitszeit jenseits der Lehrveranstaltungstermine relativ flexibel einteilen – alles eine Frage der Organisation?

Work-Life-Balance in Krisenzeiten?

Die Realität sieht anders aus: Der völlige Wegfall der Kinderbetreuung und der schulischen Erziehung hat Alleinerziehende, junge Mütter und junge Familien auch an der FAU vor völlig neue und oft kaum lösbare Probleme gestellt – und tut dies auch weiterhin trotz der schrittweisen Öffnung von Betreuungseinrichtungen. Wissenschaft war und ist in Bayern nicht als „systemrelevant“ eingestuft worden, so dass auch eine Notfallbetreuung lange Zeit nicht organisiert werden konnte – anders als in anderen Bundesländern wie etwa Berlin.

War der Arbeitsalltag einer Familie, in der beide Elternteile berufstätig sind, schon vor der Krise in der Regel ein Balanceakt, der es mit dem Kalender eines DAX-Vorstandes aufnehmen konnte, so waren die Eltern jetzt völlig auf sich gestellt. Die deutschlandweite Ausrufung eines digitalen Semesters hat die Lage nicht unbedingt erleichtert angesichts neu zu entwickelnder und zu erprobender Lehrformate mit erheblichem Zusatzaufwand. Und dies betrifft auch Studierende mit Kind, die nur unter Schwierigkeiten ihren Studienalltag zwischen virtuellen Seminarsitzungen und Lernplattformen organisieren können. Ein Tag hat 24 Stunden und zwangsweise mussten und müssen immer noch zahlreiche Abstriche gemacht werden, allen voran bei der eigenen Gesundheit, aber auch bei der Abwicklung des täglichen Geschäfts in Forschung, Forschungsadministration und Lehre und bei der wissenschaftlichen Qualifizierung und Weiterentwicklung – es war und ist häufig letztere Dimension, die zuerst auf der Strecke bleibt.

Da ist zunächst der Abschluss von Qualifikationsarbeiten, der sich bestenfalls etwas verzögert, vielleicht aber auch ins Stocken gerät oder gar in Frage gestellt ist. Denn die Situation macht eine Vereinbarkeit von Familie und Wissenschaft im Ernstfalls fast unmöglich und so manche junge Studentin oder Doktorandin und Mutter wird sich aktuell neu die Frage stellen, ob die Rahmenbedingungen des Wissenschaftsbetriebs den Notwendigkeiten der Familiengründung überhaupt gerecht werden können. Dass für ganz Deutschland die Möglichkeit besteht, die befristeten Arbeitsverträge nach Wissenschaftszeitvertragsgesetz um ein Semester zu verlängern, ist zwar zunächst ein gewisser Trost, kann aber zugleich den Kolleginnen und Kollegen ohne Familienverpflichtung gegebenenfalls einen zusätzlichen Wettbewerbsvorteil in der Konkurrenz um zukünftige Ressourcen bieten. Zudem ist eine solche Verlängerung nicht bei jeder Stelle so einfach möglich, wenn sie etwa aus der Ausbauplanung, aus Studienzuschüssen oder aus auslaufenden Drittmittelprojekten finanziert wird. In einer noch schwierigeren Situation sind Wissenschaftler*innen mit Familie in der bereits unter normalen Umständen kaum zu schulternden Doppelbelastung im medizinischen Klinikbetrieb, so dass Betroffene hier zunehmend über eine Vertragsreduzierung nachdenken – ein fatales Signal für alle Wissenschaftlerinnen, die sich aktuell mit dem Thema Familienplanung auseinandersetzen.

Analoge Rückzugstendenzen sind zu beobachten bei Publikationen: Mehrere Untersuchungen haben bereits klar bestätigt, dass die Einreichung von Artikeln zur Publikation in Fachzeitschriften in der Krise sprunghaft angestiegen ist – endlich hatte man Zeit, die liegengebliebenen Artikel fertigzuschreiben, weil Reisen und Tagungen wegfielen. Allerdings ging zur gleichen Zeit der Anteil an Autorinnen deutlich zurück und Ähnliches ist zu erwarten bei Forschungsanträgen. Ein genaues Gendermonitoring in diesen Bereichen über die nächsten Jahre ist dringend angezeigt, das nicht nur diejenigen in den Blick rückt, die durch die Krise verloren haben, sondern auch diejenigen einbezieht, für die sie einen Wettbewerbsvorteil gebracht hat.

Zukunftsprojektionen: Wie geht es weiter?

Die Coronakrise ist ein Stresstest für die Vereinbarkeit von Familie und Wissenschaft, den wir unbedingt bestehen müssen, wenn wir nicht exzellente junge Wissenschaftlerinnen und auch Wissenschaftler aus dem System verlieren wollen.

Die besondere Belastung Alleinerziehender, junger Mütter und Familien muss an der FAU deutlich wahrgenommen werden und nicht nur das: Junge Wissenschaftler*innen mit Care-Aufgaben müssen in der noch absehbar weiter anhaltenden Belastung kontinuierlich aktiv unterstützt werden durch kulante Arbeitszeit- und -lastregelungen, durch solidarische Umverteilung von Arbeit und durch Zukunftsperspektiven, die das Signal geben, dass Familie und Wissenschaft durchaus vereinbar sind.

Wir brauchen außerdem ein mittel- und langfristiges Monitoring der Folgen dieser Krise für die Gleichstellung. Und es müssen klare Regelungen definiert werden für einen Nachteilsausgleich auf der Ebene des Qualifikationsabschlusses, aber auch bei Forschungsevaluationen etwa im Rahmen von Tenure-Track-Verfahren und schließlich bei Personalentscheidungen für Qualifikationsstellen und Professuren.

Sonst besteht die Gefahr, dass die Schere zwischen den Geschlechtern im Wissenschaftsbetrieb wieder auseinandergeht. Während für die Einen das Jahr 2020 im Rückblick ein sehr erfolgreiches Forscherjahr mit hohem Publikationsoutput und erfolgreichen Forschungsanträgen sein wird, wird es, wenn wir nicht aufpassen, für die Anderen eine Phase mit geringem wissenschaftlichen Output und schlimmstenfalls einer beruflichen Krise oder gar Abwendung von der Wissenschaft gewesen sein. Dies sollten wir alle gemeinsam verhindern!

Kontakt

Prof. Dr. Annette Keilhauer
Universitätsfrauenbeauftragte

annette.keilhauer@fau.de

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