Windstille

Bunte Spielzeugwindräder, die in Kohle stecken
Warum geht die Energiewende so langsam voran. FAU-Forschende haben verschiedene Begründungen. (Bild: FAU/Uwe Niklas)

Wie kann die Energiewende noch Fahrt aufnehmen?

Das Ziel, das die Bundesregierung mit der Energiewende verfolgt, ist klar: Die Energieversorgung soll auf erneuerbare Energien umgestellt und der Primärenergieverbrauch bis 2050 halbiert werden. Fossile Energieträger wie Erdöl, Erdgas, Kohle sowie die Kernenergie sollen zugunsten von erneuerbaren Energien, also Solar- und Windenergie, Wasserkraft, Biomasse und Erdwärme, weichen. Der Weg dorthin ist weit weniger klar. Der Infrastrukturausbau in Deutschland geht nur langsam voran. Die Menschen hierzulande vom Großprojekt Energiewende zu überzeugen, ist mitunter nicht einfach. Bürger/-innen machen gegen Windräder und Stromtrassen mobil. Genauso intensiv wird über die Frage einer sinnvollen staatlichen Förderung gestritten. Bleibt die Frage: Wie kann die Energiewende sinnvoll gestaltet werden?

Prof. Dr. Mario Liebensteiner von der Professur für Energiemärkte und Energiesystemanalyse sieht mit Blick auf das bisherige Voranschreiten der Energiewende vor allem eines: ein Politikversagen. Sein Resümee über die staatlichen Förderungen zur Senkung von CO2-Emissionen: „Deutschland hat die höchsten Pro-Kopf-Förderungen für erneuerbare Energien in der EU und wahrscheinlich sogar weltweit. Dennoch sind die Emissionen bislang nur moderat gesunken. Der finanzielle Aufwand steht in keinem Verhältnis zum Ertrag, und die Förderungen verfehlen ihre Ziele.“ Der Energiemarktexperte plädiert dafür, die Wirkungsweise von Förderungen und Subventionen zu hinterfragen und mehr auf die tatsächliche Effektivität von solchen Maßnahmen zu blicken. Ihm fehlt eine echte Kosten-Nutzen-Debatte.

Einer seiner Kritikpunkte: Bei der direkten Förderung von erneuerbaren Energien werde im Stromangebot zunächst die teuerste herkömmliche Energieform verdrängt und erst ganz am Ende die billigste. „Das führt zum unerwünschten Effekt, dass zuerst das im Vergleich noch sehr saubere Gas vom Markt verschwindet und die sehr schmutzige Braunkohle erst als Letztes.“ Hinzu kommt für den FAU-Wissenschaftler: „Wenn wir die erneuerbaren Energien direkt subventionieren, verzerren wir die Strompreise und verhindern Investitionen in andere Energien, beispielsweise in Stromspeicher.“

Ein Plädoyer für die CO2-Steuer

Den direkten Zusammenhang zeigt Mario Liebensteiner in einem aktuellen Forschungsprojekt auf: „Durch die Förderung von erneuerbaren Energien werden Investitionen in Stromspeicher unrentabler. Diese Technologie brauchen wir aber ebenfalls, um aus den fossilen Energien auszusteigen. Schließlich muss die Energie irgendwo gespeichert werden, um sie nutzen zu können, wenn die Sonne nicht scheint oder der Wind nicht weht.“

Ein weiteres mit der direkten Förderung verbundenes Problem sieht Liebensteiner im sogenannten „Winner-Peaking“ von Technologien: „Politikerinnen und Politiker, die nicht vollumfänglich auf dem neuesten Stand der Forschung sind und natürlich auch nicht in die Zukunft blicken können, definieren jetzt Gewinnertechnologien wie die Solar- oder die Windenergie. Sie wissen aber gar nicht, ob das tatsächlich die Technologien der Zukunft sind.“ Zudem sind die meisten Ansätze in seinen Augen inkonsistent: „Es ist überhaupt nicht klar, welche Höhe der Förderung wirklich sinnvoll wäre.“ Deshalb sind für den FAU-Wissenschaftler Subventionen und andere Förderungen nur erforderlich, so lange sich eine Technologie noch in der Entwicklung befindet und noch nicht marktreif ist.

Sein Plädoyer: Man sollte viel stärker auf marktbasierte Instrumente wie die CO2-Steuer oder den CO2-Preis setzen. „Ein international koordinierter CO2-Preis als Hauptinstrument einer effektiven Klimapolitik wird von uns Ökonomen bereits seit Langem unisono vorgeschlagen, aber von der Politik seit Jahrzehnten ignoriert“, gibt Mario Liebensteiner zu bedenken. Die Vorteile liegen für ihn aber auf der Hand: „Einem Unternehmen steht es grundsätzlich frei, auf fossile Energien zu setzen und dafür mehr zu zahlen. Aber die Praxis wird zeigen, dass sie versuchen werden, ihre Produktion umzustellen. Denn auch die Nachfrage wird reagieren. Die Mehrheit wird Produkte kaufen, die günstiger, weil weniger CO2-intensiv sind.“

Das Projekt „Blick in die Zukunft“ (BLIZ)

BLIZ ist ein wissenschaftliches Projekt, das aus sechs miteinander verknüpften Teilvorhaben besteht. Wissenschaftler/-innen der Technischen Universität München, der Julius-Maximilians-Universität Würzburg, der Universität Regensburg und der FAU arbeiten im Rahmen von BLIZ eng zusammen, um Wechselwirkungen zwischen Gesellschaft, Landnutzung, Ökosystemleistungen und Biodiversität in Bayern unter dem Einfluss des Klimawandels bis 2100 besser zu verstehen.

Ist die Energiewende nur Symbolpolitik?

Auch das Argument, ein solcher CO2-Preis sei sozial ungerecht, will der Energiemarkt-Experte nicht gelten lassen: „Die ökonomische Theorie deutet darauf hin, dass eine CO2-Bepreisung wahrscheinlich am kosteneffektivsten ist. Zugleich ist es das Mittel, das man in der Realpolitik am einfachsten rückführen kann an die Menschen, die vielleicht zu sehr benachteiligt würden – einkommensschwache Haushalte in der Peripherie, die nicht an den ÖPNV angebunden sind oder sich schwertun, auf alternative Heizformen umzusteigen.“ Andere Teile dieser Steuereinnahmen könne man in zusätzliche klimapolitische Maßnahmen sowie in Forschung und Entwicklung investieren: „Auf diese Weise könnten wir in Zukunft vielleicht noch andere Technologien voranbringen, die wir bis dato noch gar nicht kennen.“

Mario Liebensteiner kritisiert zudem, dass mit der Energiewende sehr oft nur Symbolpolitik einhergeht: „Nehmen wir das Gedankenspiel, Inlandsflüge zu verbieten: Insgesamt machen die CO2-Emissionen aus den Inlandsflügen lediglich 0,8 Prozent der deutschen CO2-Emissionen aus. Außerdem würden sich die Beförderung und damit die Emissionen verlagern, sodass am Ende noch weniger als die 0,8 Prozent eingespart würden.“ In den Augen des Ökonomen ist darüber hinaus eine Klimapolitik nötig, die von der breiten Gesellschaft getragen wird: „Rigorose Maßnahmen wie das Dieselfahrverbot sorgen für viel Verdruss bei den Bürgerinnen und Bürgern. Wir müssen darauf achten, dass sie die Energiewende mittragen.“

Wie das erreicht werden kann, damit befasst sich auch Dr. Thorsten Winkelmann. Der Politologe vom Institut für Politische Wissenschaft sieht in den Widerständen gegen Windkraftanlagen oder Stromtrassen mehr als reine „Not in my backyard“-Proteste: „Die Bürgerinnen und Bürger, die mobilmachen, verweigern nicht einfach bloß die Energiewende, sondern sie haben konkrete Anliegen.“ Sein Befund: Die Interessen reichen dabei vom Umwelt- und Naturschutz über den Landschafts- und Heimatschutz bis hin zu ökonomischen Gründen.

„Wir erleben einen Konflikt mit Tierschützerinnen und Tierschützern, die beklagen, dass die Rotorblätter der Windräder Fledermäuse oder bedrohte Vogelarten töten“, sagt Thorsten Winkelmann, der sich insbesondere mit Infrastrukturpolitik befasst: „Die Windkraftanlagen oder Stromtrassen werden vor Ort in den Kommunen als Beeinträchtigung gesehen, die das Landschaftsbild und die Idylle zerstören. Gerade touristische Gegenden befürchten dadurch zudem wirtschaftliche Schäden.“ Außerdem komme es zu sozialen Verwerfungen: „Während Landeigentümerinnen und -eigentümer, die Flächen zur Verfügung stellen, durch hohe Pachteinnahmen wirtschaftlich profitieren, hat das direkte Umfeld die Beeinträchtigungen zu tragen.“

Kommunen müssen von Energiewende profitieren

Grünes Windrad.
(Bild: FAU/Uwe Niklas)

Diese Infrastrukturkonflikte sind für Thorsten Winkelmann eine Dilemma-Situation: „Normalerweise läuft es in demokratischen Entscheidungsprozessen immer auf eine Sowohl-als-auch-Lösung hinaus. Das ist hier aber nicht möglich. Schlussendlich muss in der Frage, ob eine Stromtrasse, eine Windkraftanlage gebaut wird oder nicht, eine Entweder-oder-Lösung her.“ Hinzu kommen nicht beabsichtigte, aber zu berücksichtigende Folgeprobleme: „In Bayern wurde bereits vor geraumer Zeit die 10-H-Regelung etabliert. Diese schreibt vor, dass ein Windrad einen Mindestabstand vom Zehnfachen seiner Höhe zur nächsten Wohnbebauung einhalten muss. Die Konsequenz ist, dass der Windkraftausbau in Bayern fast vollständig zum Erliegen gekommen ist. Werden, statt Stromtrassen zu bauen, Erdkabel verlegt, machen Landwirtinnen und Landwirte mobil, die sich über die Erwärmung des Bodens beklagen.“

Anstelle des bisherigen Versuchs, durch Beteiligungsformate Akzeptanz zu schaffen, plädiert Winkelmann für sehr weit gefasste Kompensationen: „Ein wirkungsvoller Ansatz ist sicherlich, nicht nur einen monetären und individuellen Ausgleich zu schaffen, sondern auch einen immateriellen und kollektiven. Die betroffenen Anrainerkommunen müssen profitieren – etwa indem sie direkt mit schnellem Internet versorgt werden, wenn der Boden ohnehin für das Verlegen eines Erdkabels aufgerissen wird.“

Das Maßnahmenbündel zur Bewältigung der Energiewende umfasst zudem die Frage, wie ländliche Räume zukünftig bestmöglich gleichermaßen für die Agrarproduktion und für die Gewinnung erneuerbarer Energien genutzt werden können. An dieser Herausforderung forscht Prof. Dr. Perdita Pohle im Rahmen des wissenschaftlichen Verbundprojekts „Blick in die Zukunft“, kurz: BLIZ. „Der Anspruch an ländliche Räume ist vielfältig und die Konkurrenz um die Flächen groß“, betont die Inhaberin des Lehrstuhls für Kulturgeografie und Entwicklungsforschung. Diese Flächen sind Hauptproduktionsräume von Nahrungs- und Futtermitteln, Holz und Energie. Sie besitzen wichtige ökologische Funktionen und leisten einen wesentlichen Beitrag zum Umwelt-, Natur- und Landschaftsschutz. Darüber hinaus sind sie Lebens-, Wirtschafts- und Erholungsraum für einen Großteil der Bevölkerung.

Flächen mehrfach nutzen

Rosa Windrad.
(Bild: FAU/Uwe Niklas)

„Die gesellschaftlichen Ansprüche, nicht zuletzt durch die Energie- und klimapolitischen Entwicklungen, stellen für die ländlichen Räume Bayerns komplexe Herausforderungen dar“, so die FAU-Wissenschaftlerin. Hinzu kommen teilweise in Konkurrenz stehende gesetzliche Vorgaben zwischen EU, nationaler Gesetzgebung und Gesetzgebung auf Ebene der Bundesländer. In diesem Spannungsfeld gelte es im Dialog mit Akteur/-innen aus Politik, Umwelt, (Land-)Wirtschaft und Zivilgesellschaft immer wieder auszuhandeln, auf wie viel Prozent der Fläche was geschehen soll. Tragbare Konzepte dafür zu entwickeln, wie dies unter den Bedingungen des Klimawandels insbesondere in Bayern gelingen kann, ist eine Aufgabe, der sich Perdita Pohle mit ihrem wissenschaftlichen Team stellt.

Eine Option: Energieproduktionsflächen mehrfach nutzen. „Denkbar sind Fotovoltaikanlagen auf Ständern, unter denen Weidewirtschaft betrieben wird, bestimmte Gemüsearten und Getreide angebaut oder Flächen für den Naturschutz, beispielsweise als Blühwiese, ausgewiesen werden“, sagt Perdita Pohle. Eine andere Option sind sogenannte Kurzumtriebsplantagen (KUPs). „Die Anpflanzung schnell wachsender Bäume wie Pappeln oder Weiden auf strukturarmen Agrarflächen mit dem Ziel, innerhalb kurzer Umtriebszeiten Holz-Hackschnitzel als nachwachsenden Rohstoff zu produzieren, bietet ökologische Vorteile und ist wirtschaftlich“, betont Pohle. „Durch die Bäume wird CO2 gebunden, und sie dienen gleichzeitig als nachwachsender Rohstoff für die Erzeugung von erneuerbarer Energie.

 

Außerdem ist die Ernte eine Einnahmequelle für die Landwirtinnen und Landwirte.“

NIMBY-Proteste: „Not in my backyard”

Ging es früher vor allem um globale Fragen wie zum Beispiel den Vietnamkrieg oder den NATO-Doppelbeschluss, wenn die Menschen protestiert haben, sind es heute immer öfter Anliegen, die sie in ihrer unmittelbaren Lebenswirklichkeit betreffen: Muss die neue Eisenbahntrasse wirklich  unbedingt an meinem Grundstück vorbeiführen? Kann die Stromtrasse nicht vielleicht doch besser einige Kilometer weiter östlich verlaufen? Es herrscht eine verstärkte „NIMBY“- Mentalität: „Not in my backyard“ – an sich gerne, aber bitte nicht bei mir. Dahinter steht im Grunde immer die Frage danach, welche Beeinträchtigungen der Einzelne persönlich zu erwarten hat. Ein Mehrwert oder Nutzen wird dagegen oftmals nicht mehr als ausreichend erkannt und deshalb ausgeblendet.

Und doch sehe man gerade an letzterem Beispiel, welche Konflikte mit den Handlungsoptionen verbunden sein können: „KUPs sind Agroforstsysteme, in denen Gehölze zumeist in Streifenform auf Acker- oder Grünlandflächen angelegt sind. Viele Landwirtinnen und Landwirte haben aufgrund der strikten juristischen Trennung von Agrarfläche und Waldfläche sowie der unterschiedlichen Berufsbilder von Landwirt und Forstwirt Akzeptanzprobleme gegenüber Bäumen auf landwirtschaftlichen Flächen.“

Wie man die Akzeptanz unter den Landwirt/-innen für solche nachhaltigen Landnutzungsoptionen erhöhen kann, ist nur eine der unzähligen Fragen, die es auf dem Weg zu einer sinnvollen Umsetzung der Energiewende zu beantworten gilt. Für die FAU-Forscher/-innen aus der Politikwissenschaft, der Wirtschaftswissenschaft oder der Geografie ist das wenig verwunderlich, handelt es sich bei der Energiewende doch um ein Großprojekt, das die gesamte Gesellschaft erfasst und in Umfang und Folgen in der deutschen Geschichte einmalig ist.

 

Über den Autor

Michael Kniess hat Politikwissenschaft und Soziologie an der FAU studiert. Seit seinem Volontariat schreibt er als freier Journalist und Autor unter anderem für heute.de, die Welt am Sonntag und die Nürnberger Zeitung.


FAU-Forschungsmagazin friedrich

Auf dem Cover des FAU-Magazins sind Spielzeug-Windräder in gelb, rosa, grün und blau zu sehen

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