Seit 1964 forscht die FAU in der Sesselfelsgrotte im Altmühltal
Neue DNA-Untersuchungen haben ergeben, dass der Fötus aus der Sesselfelsgrotte im Altmühltal mit Neandertalern verwandt war, die vor rund 50.000 Jahren im Südwesten Frankreichs lebten. Seit 1964 wird die Sesselfelsgrotte von der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU) erforscht, inzwischen ist sie im Besitz der FAU. Prof. Dr. Thorsten Uthmeier, Inhaber des Lehrstuhls für Ältere Urgeschichte und Archäologie Prähistorischer Jäger und Sammler, über die Geschichte der Höhle und ihren Beitrag zu aktuellen Forschungsfragen.
Herr Uthmeier, Sie waren an einer internationalen Studie beteiligt, die neue Erkenntnisse zur Populationsgeschichte der Neandertaler liefert. Was sind die wichtigsten Ergebnisse?
Die wichtigste Erkenntnis war, dass es vor rund 65.000 Jahren ein genetisches Flaschenhals-Ereignis gab, das vermutlich für das Aussterben der Neandertaler mitverantwortlich ist. Noch vor 130.000 Jahren waren die Neandertaler in ganz Westeurasien verbreitet, bis in den Kaukasus und sogar in den Süden Sibiriens. Im Laufe weniger zehntausend Jahre schrumpften sowohl die genetische Vielfalt als auch das Verbreitungsgebiet, das sich immer mehr in den Südwesten Frankreichs verlagerte. Wir vermuten, dass die klimatischen Bedingungen ab 70.000 Jahren vor heute – es war sehr kalt und sehr trocken – zum Rückzug in dieses Refugium und zum Aussterben der Neandertaler-Linien im übrigen Europa führten. Anschließend dehnte sich das Besiedlungsgebiet wieder aus, nahezu alle späteren Neandertaler stammen von dieser Gruppe ab.
Wie haben Sie das herausgefunden?
Archäogenetiker der Universität Tübingen unter der Leitung meines Kollegen Cosimo Posth haben zehn neue mitochondriale DNA-Sequenzen von Neandertalern aus sechs archäologischen Fundstätten in Belgien, Frankreich, Deutschland und Serbien analysiert und mit 49 bereits veröffentlichten Proben abgeglichen. Da DNA im Laufe der Zeit mutiert, kann man aus dem Grad ihrer Diversifizierung ermitteln, wie stark Neandertalergruppen, von denen die Knochen- und Zahnfunde stammen, miteinander verwandt sind. Weil einige der Proben sicher datiert sind, lassen sich daraus wiederum zeitliche und räumliche Muster in der Verbreitung der Neandertaler rekonstruieren.
Eine der neuen DNA-Proben konnte die FAU beisteuern …
Richtig, sie stammt von einem Neandertaler-Fötus, also einem kurz vor oder nach der Geburt verstorbenem Embryo, der 1968 von FAU-Forschenden in der Sesselfelsgrotte im Altmühltal nahe Kelheim entdeckt wurde und dessen Alter auf rund 55.000 Jahre geschätzt wird. Wir konnten aus einem Oberschenkelknochen eine winzige Probe entnehmen, die an der Uni Tübingen gentechnisch analysiert wurde. Die Untersuchung förderte eine große Überraschung zutage: Interessanterweise gehört der Fötus nicht zu der südwestfranzösischen Abstammungslinie, die den Flaschenhals überlebt hat, sondern zu einer Gruppe, die dieses Ereignis ganz überwiegend nicht überstanden hat. Bislang wurde vermutet, dass diese Gruppe isoliert war und sich nur in einem sehr kleinen Gebiet um die Grotte Mandrin im Rhonetal halten konnte. Der Fötus aus der Sesselfelsgrotte ist jetzt aber ein erster Hinweis dafür, dass sie möglicherweise doch weiter verbreitet war als angenommen.

Wurden in der Sesselfelsgrotte neben dem Fötus weitere Neandertaler gefunden?
Insgesamt wurden in der Grotte bislang 14 menschliche Fossilien von drei Individuen aus der Altsteinzeit gefunden: Zwölf Knochenfragmente stammen vom erwähnten Fötus. In weiteren Fundschichten aus der Zeit der späten Neandertaler fanden sich zwei Milchbackenzähne von zwei Kindern, die sie einst beim Zahnwechsel verloren hatten. Wegen ihrer geringen Größe und ihrer fragmentarischen Erhaltung können die Zähne allerdings nur wenig von der körperlichen Beschaffenheit der Menschen vermitteln, von denen sie stammen. Dagegen erlaubt das Teilskelett des Embryos seltene Einsichten zur frühkindlichen Entwicklung von Neandertalern. Hierzu laufen gerade neue Untersuchungen an CT-Scans, die unter der Federführung von Kollegen der Universität Faro im Rahmen eines National-Geographic-Projektes* durchgeführt werden. Im Moment gehen wir davon aus, dass der Fötus in einem Grab bestattet wurde – darauf deutet vor allem der Umstand hin, dass sich die fragilen Knochen des Kleinstkindes überhaupt erhalten haben. Und natürlich verraten uns die zahlreichen Steinartefakte und Tierknochen, die in den verschiedenen Schichten der Sesselfelsgrotte gefunden wurden, sehr viel über die Lebensweise und Mobilität der späten Neandertaler.
Zum Beispiel?
Die Neandertaler nutzten Feuerstellen, sie stellten Steinwerkzeuge her, für die sie besonders gerne Plattenhornstein aus der weiteren Umgebung nutzen, und sie jagten vor allem Rentiere und Pferde. Von anderen Fundstellen wissen wir, dass sie die Tiere mit Holzspeeren aus dem Hinterhalt erlegten. Die späten Neandertaler waren sehr mobil und haben ihre Lagerplätze meist nach wenigen Tagen oder Wochen gewechselt. Die offene, von kleineren Wäldern durchsetzte Steppenlandschaft des damaligen Altmühltals war ein ideales Siedlungsgebiet, die Grotte selbst bot einen natürlich vorgegebenen und geschützten Wohnraum. Zwar haben Neandertaler die Sesselfelsgrotte seit dem Ende der Eem-Warmzeit vor rund 110.000 Jahren bis zu ihrem Aussterben vor etwa 42.000 Jahren immer wieder auch intensiv besiedelt, allerdings gab es dazwischen auch längere Phasen der Abwesenheit. Was wir insgesamt sehen, sind kleine Gruppen, die mit viel Knowhow die sicherlich nicht einfachen Lebensbedingungen der letzten Kaltzeit gemeistert haben.

Die Sesselfelsgrotte hat eine herausragende Bedeutung für die Erforschung der Altsteinzeit nicht nur in Bayern, sondern in ganz Mitteleuropa – nicht zuletzt aufgrund der menschlichen Überreste, die hier gefunden wurden.Prof. Dr. Thorsten Uthmeier, Lehrstuhl für Ur- und Frühgeschichte
Wann haben die Grabungen in der Sesselfelsgrotte begonnen?
Die erste Grabung durch Forschende der FAU startete 1964, danach gab es 15 Grabungskampagnen zwischen 1964 und 1977 sowie 1981, die überwiegend von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördert wurden. Seit 2023 haben wir im Rahmen unseres internationalen National Geographic-Projektes die Forschungen an der Fundstelle wieder aufgenommen und untersuchen mit einem internationalen Team Fragen zur Bildung der Fundschichten, zu den Feuerstellen, zum Klima und vieles mehr. Zwar gibt es nur noch wenige Sedimentreste, aber modernste Methoden – man könnte auch von forensischer Archäologie sprechen – erlauben auch anhand geringster Probenmengen neue Erkenntnisse. Wichtige Analysen wie etwa zu Isotopen im Sediment werden gerade im Bodenlabor und Isotopenlabor des Geographischen Instituts der FAU durchgeführt. Die Grotte ist aus archäologischer Sicht sehr ergiebig – schon in weniger als einem halben Meter Tiefe wurden die ersten Steinwerkzeuge gefunden. Bis zum Abschluss der Grabungen konnten über 100.000 Artefakte geborgen werden, die wir eindeutig den Neandertalern zuordnen können.
Wie laufen solche Grabungen praktisch ab?
Zunächst einmal sehr vorsichtig, denn Ausgrabungen bedeuten immer auch Zerstörung. Das Sediment wird nach Quadratmetern und Schichten abgegraben, dabei versucht man, möglichst viele Objekte, also Stein, Knochen und dergleichen, in ihrer originalen Fundlage zu dokumentieren. Das ausgegrabene Sediment wird gesiebt oder mit Wasser geschlämmt – alles, was größer als zwei Millimeter ist, wird genauestens unter die Lupe genommen. Zudem wird untersucht, wie sich die Sedimente zusammensetzen und welche Mikropartikel, etwa Pollen oder die Überreste von Nagetieren, Fischen und sogar Insekten, enthalten sind. Auch Holzkohlereste der Feuerstellen verraten uns sehr viel über die klimatischen Verhältnisse der damaligen Zeit. Wichtig ist aber auch die umfangreiche Dokumentation: Notizen, Vermessen der Lage der Fundstücke, Zeichnen, Fotografieren nehmen meist mehr Zeit in Anspruch als das eigentliche Ausgraben.
Die Grotte ist im Besitz der FAU. Wie kam es dazu?
Dass eine Universität eine eigene Ausgrabungsstätte besitzt, ist schon etwas Besonderes. Für die FAU war das jedoch ein logischer Schritt, denn unter ihrer Leitung wurden die Ausgrabungen seit 1964 durchgeführt, außerdem ist der Ort seit Jahrzehnten eine Lehrstätte des Instituts für Ur- und Frühgeschichte. Die Sesselfelsgrotte hat eine herausragende Bedeutung für die Erforschung der Altsteinzeit nicht nur in Bayern, sondern in ganz Mitteleuropa – nicht zuletzt aufgrund der menschlichen Überreste, die hier gefunden wurden. Weil die FAU sowohl die Ausgrabungen durchgeführt hat als auch Eigentümerin der Grotte ist, lagern die Funde in der FAU-eigenen Sammlung des Instituts für Ur- und Frühgeschichte und sind so für Forschende aus dem In- und Ausland zugänglich. Seit dem Erwerb des Grundstücks kann die FAU die Fundstätte zudem besser vor Witterungseinflüssen und gegen unbefugtes Eindringen schützen. Auch wenn der bei weitem größte Teil bereits komplett ausgegraben ist, nimmt die Universität das sehr ernst, denn 1967 – also während der laufenden Grabungen und vor der Errichtung der heutigen Sicherungsmaßnahmen – gab es eine Raubgrabung, bei der wertvolle Stücke verlorengingen.
Wie gehen die Forschungsarbeiten an und in der Grotte weiter?
In kommenden Forschungsprojekten wollen wir klären, wie genau es zur Füllung der Höhle gekommen ist. Der überwiegende Teil der sieben Meter mächtigen Schichtenfolge ist nicht etwa Material, das von außen – etwa durch Wind und Überschwemmungen – eingetragen wurde, sondern abgeplatztes Kalkgestein der Höhlenwände und -decke. Aus Stärke und Abfolge der einzelnen Schichten können wir Rückschlüsse auf die klimatischen Bedingungen ziehen. Von besonderem Interesse bleibt selbstverständlich der Fötus: Er könnte uns mehr über die Bestattungskultur der späten Neandertaler verraten. Zudem wollen wir untersuchen, ob es neben der nachgewiesenen genetischen Verwandtschaft mit späten Vertretern der Thorin-Gruppe auch kulturelle Gemeinsamkeiten gibt, etwa in der Fertigung von Steinwerkzeugen. In diesem Zusammenhang sind wir auch dabei, die Datierung des Fötus überprüfen und wenn möglich präzisieren. Auch eine Posterausstellung im Archäologischen Museum in Kelheim ist in Vorbereitung. Sie sehen: Es bleibt spannend.
*SHARP – Testing hypotheses on the transition from Neanderthals to Homo sapiens at the Paleolithic site of Sesselfelsgrotte

Weitere Informationen:
Prof. Dr. Thorsten Uthmeier
Lehrstuhl für Ur- und Frühgeschichte
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