Studierende und Forschende aus dem Department Chemie helfen mit, die Römerboote zu bemalen – weitere Freiwillige gesucht
Der Winter ist vorüber und auch im Römerzentrum Schlungenhof wird es Zeit für den Frühjahrsputz. Dazu gehört auch, die Römerboote der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU) neu zu bemalen. Die Bemalung sieht aber nicht nur beeindruckend aus, sie erfüllte auch ganz praktische Zwecke wie Konservierung, Schutz und Tarnung. Wie die sogenannte enkaustische Bemalung aufgetragen wird und was es dabei zu beachten gilt, konnten Studenten/-innen des Lehramts Chemie, die der F.A.N. unter Anleitung des FAU-Chemikers Dr. Marcus Speck und des Projektleiters Prof. Dr. Boris Dreyer einen neuen Anstrich gaben, nun aus erster Hand erfahren.
Studierende und freiwillige Helferinnen und Helfer bauen in Werkstatt und Bootshalle am Ufer des Altmühlsees seit dem Umzug von Erlangen nach Gunzenhausen vor fünf Jahren an neuen Projekten, wie verschiedenen römischen Wägen, zwei weiteren Römerbooten und antiken Geschützen. Außerdem warten sie die älteren Rekonstruktionen, darunter auch die F.A.N. Diese ist seit 2018 im Dauereinsatz: Eine Fahrt die Donau hinab bis ans Schwarze Meer, Regatten mit anderen Römerbooten in Deutschland, eine Vielzahl an Praxis- und Materialtests sowie Fahrten für den Publikumsverkehr. Das hinterlässt Spuren und verlangt ständige Wartung. Dabei helfen dem Projektleiter Prof. Dr. Boris Dreyer aber nicht nur Freiwillige, sondern auch Studierende und Forschende aus allen möglichen Fachrichtungen, wie zum Beispiel auch aus der Chemie.
Praktische Geschichtsforschung
So halfen auch zuletzt Studierende des Lehramtes Chemie beim Instandsetzen der F.A.N. und trugen mit Pinsel und Heißluftfön neue Farbe auf – ein mühevolles Unterfangen. Gefragt, warum sie mitmachen, antworten Jule und Katharina, beide Studentinnen des Lehramtes Chemie: „Wir haben die Gelegenheit genutzt, einmal etwas außerhalb des üblichen Lehrplanes zu machen. Außerdem lernen wir dabei etwas nicht ganz Alltägliches.“ Allerdings spielen bei Jule und Katharina auch das historische Interesse eine Rolle. Besonders spannend finden sie, dass die FAU antike römische Boote rekonstruiert, um zu erfahren, welche Techniken und Technologien die Menschen damals nutzten. „Wir können so ein bisschen mehr darüber erfahren, wie das Leben damals war“, sagen sie. Die beiden waren Teilnehmerinnen in einem Seminar, das Dr. Marcus Speck, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Organische Chemie II, anbietet.





Diesen treibt das gleiche Interesse an der Geschichte an, sich in dem Projekt zu engagieren. Seit über fünf Jahren unterstützt er den Althistoriker Prof. Dr. Boris Dreyer dabei, antike Technologien so authentisch wie möglich zu rekonstruieren und umfänglichen Praxistests zu unterziehen, denen von FAU-Professor Boris Dreyer ins Leben gerufenen Practical Turns. „Ich wollte das, was die historischen Quellen über Farben und Farbauftrag naturwissenschaftlich fundiert untersuchen“, erzählt Dr. Marcus Speck. Dabei sind mittlerweile schon jede Menge Fachartikel, aber auch mehr als zehn Zulassungsarbeiten von hohem wissenschaftlichem Wert am Lehrstuhl für Organische Chemie entstanden. Ihn fasziniert insbesondere, mit welchen Techniken die Menschen damals solche Boote bauten und bemalten und welche Anstrengungen heutzutage unternommen werden müssen, um ähnliche Standards zu erreichen.
Geheimnissen auf der Spur
So auch bei der Bemalung. Denn anders als die übrigen Römerboot-Rekonstruktionen in Deutschland sind die FAU-Boote mit einer Farbtechnik bemalt, wie sie in der Antike zum Einsatz kam. Bei der sogenannten Enkaustik wurde eine Farbgemisch aus Pigmenten und Wachs angerührt und unter Hitze mit einem Pinsel auf eine Grundierung aus Leinöl aufgetragen. „Der erste Anstrich 2018 wurde mit enkaustischer Farbe gemacht, allerdings auf Terpentin-Basis. Terpentin ist ein Bestandteil von Baumharz wie es in Kiefern vorkommt“, erklärt Dr. Marcus Speck. Allerdings gibt es dabei zwei Probleme: Um Terpentin in großem Maßstab zu gewinnen, wäre das Destillationsverfahren notwendig gewesen, welches aber erst durch die Araber im 6. Jahrhundert n. Chr. entwickelt wurde. „Außerdem war der Erstversuch mit Farbe auf Terpentin-Basis kaum wärmebeständig und schmolz bei Sonneneinstrahlung“, erklärt der Chemiker.
Doch damit ist die Frage nach der Zusammensetzung der antiken Farbe noch nicht beantwortet. Die Hauptquelle zu Maltechniken ist der römische Autor Plinius der Ältere, der im 1. Jahrhundert nach Christus lebte und eine mehrbändige Enzyklopädie verfasste, die sogenannte Naturgeschichte. In dieser beschreibt er, dass die enkaustische Farbe mit Punischem Wachs angemischt werde. Doch um was es sich bei diesem Wachs genau handelt, ist bis heute nicht klar. Letztlich hat Dr. Marcus Speck das Problem gelöst, indem er gereinigtes Bienenwachs nutzt. „Wir können davon ausgehen, dass dies in der Antike ebenfalls zum Einsatz kam“, erklärt er. „Ein Vorteil gegenüber dem unauthentischen Terpentin zeigt sich auf jeden Fall, denn mit dem modifizierten Bienenwachs hat der Farbauftrag eine etwa 20 Grad höhere Hitzebeständigkeit.“
Welche Funktion die Bemalung außerdem hatte, versuchen er und Prof. Dr. Boris Dreyer ebenfalls herauszufinden. Mit den Farben der F.A.N., hauptsächlich dunkles Gelb und Grün, sowie ein bräunliches Rot, kommen auch Tarnung und Schockwirkung in Frage. „Im wilden Bewuchs der Ufer von Donau und Altmühl ließen sich solcherart bemalte Boote sehr gut verstecken“, erklärt Projektleiter Prof. Dr. Boris Dreyer. „Wenn das Boot dann aus seinem Versteck herausfährt und sich offenbart, hat dies eine besondere Schockwirkung auf mögliche Feinde.“*
* Using perception as a strategy: Camouflage, surprise, and the moment of shock related to perception
Der gefährlichste Gegner der F.A.N. ist jedoch sehr klein: Pilzbefall. „Die Farbe hat konservierende und schützende Wirkung gegen Wind, Wasser und Sonne, so wie Plinius es beschrieben hat“, erklärt Dr. Marcus Speck. „Gegen Pilzbefall hilft sie aber nicht, da müssen wir hin und wieder ganze Holzelemente ausbessern.“
Freiwillige gesucht! – Wer möchte helfen?
Für diese permanenten Wartungsarbeiten brauchen Boris Dreyer und Marcus Speck aber weitere Hilfe. „Antike Boote dieser Art waren vielleicht fünf Jahre im Einsatz. Die F.A.N ist jetzt im achten Jahr“, erklärt Boris Dreyer. „Um das zu leisten, müssen wir die F.A.N. ständig warten. Dafür brauchen wir viele Freiwillige. Studierende aus allen Fachrichtungen sind hier willkommen, ebenso wie alle anderen, die Lust haben an diesem Projekt mitzuwirken, ob Uniangehörige oder nicht.“ Aber auch um die anderen Projekte – wie die römischen und keltischen Wägen, die Geschützrekonstruktionen oder die beiden anderen FAU-Römerboote – weiter zu verfolgen, braucht das Team von Prof. Dr. Dreyer weitere Unterstützung. Auch in den Laboren der Organischen Chemie wird Dr. Marcus Speck weiterhin zu antiken Maltechnik forschen. Interessierte können sich bei Prof. Dr. Boris Dreyer oder Dr. Marcus Speck direkt melden.
Weitere Informationen:
Prof. Dr. Boris Dreyer
Professur für Alte Geschichte
Adresse
Kontakt
Dr. Marcus Speck
Lehrstuhl für Organische Chemie II
