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Dr. Dr. Karlheinz Brandenburg

Der Erfinder des MP3-Formats im Interview

Prof. Dr.-Ing. Dr. rer. nat. h.c Karlheinz Brandenburg, Erfinder des MP3-Formats

Prof. Dr.-Ing. Dr. rer. nat. h.c Karlheinz Brandenburg, Erfinder des MP3-Formats

Prof. Dr.-Ing. Dr. rer. nat. h.c. Karlheinz Brandenburg wurde am 20. Juni 1954 in Erlangen geboren. Er studierte an der hießigen Universität Elektrotechnik und Mathematik und promovierte 1989 an der Technischen Fakultät zum Thema »Ein Beitrag zu den Verfahren und der Qualitätsbeurteilung für hochwertige Musikcodierung«.

Die in dieser Dissertation beschriebenen Techniken bilden die Grundlage für die Entwicklung des MPEG Layer-3 (MP3), des MPEG-2 Advanced Audio Coding (AAC) und vieler anderer moderner Verfahren der Audiocodierung.

Alle Impulse für meine berufliche Laufbahn kamen aus Erlangen.

Im Interview lässt er uns an seiner Erfolgsgeschichte teilhaben, wirft einen spannenden Blick auf die Technik der Zukunft und klärt uns über die Musikalität von Tütensuppen auf.

Herr Prof. Brandenburg, welche Bedeutung würden Sie der Universität Erlangen-Nürnberg für Ihren Lebensweg zuschreiben?

Ich habe in meiner Heimatstadt Erlangen studiert, weil ich dort die Möglichkeit hatte, Mathematik und Elektrotechnik im Doppelstudium zu verknüpfen. Für meinen Berufsweg hat die Erlanger Universität natürlich eine entscheidende Rolle gespielt, denn alle Impulse für meine berufliche Laufbahn kamen aus Erlangen.

Meinem Doktorvater, Prof. Seitzer, verdanke ich den entscheidenden Impuls, dass ich mich mit dem Thema Audiocodierung beschäftigt habe.

Haben Sie heute noch Verbindungen zur Universität?

(lacht) Ja, ich habe gerade erst, unmittelbar vor dem Gespräch mit Ihnen, mit Erlangen telefoniert. Über Fraunhofer habe ich immer noch sehr gute Kontakte nach Erlangen. Fast alle aus unserem damaligen Team sind noch dort.

ch denke immer wieder gerne an meine Zeit in Erlangen zurück – an Prof. Seitzer, an das ganze Fraunhofer Team mit Prof. Gerhäuser an der Spitze, an Harald Popp und Bernhard Grill und an Dr. Sporer, der seine Doktorarbeit an der Erlanger Universität geschrieben hat und jetzt mein Stellvertreter am Fraunhofer IDMT in Ilmenau ist.

Das klingt nach sehr engen Verbindungen und legt den Schluss nahe, dass Teamarbeit und Zusammenhalt eine wichtige Rolle für Sie spielen.

Ja, da haben Sie bestimmt recht. Das ist sicher auch Teil unseres Erfolgs. Unser Job ist nichts für »Fachidioten«. Alle haben an den Erfolg geglaubt. Und wenn Sie sich unser Team-Foto von 1987 ansehen, werden Sie feststellen, dass alle nach wie vor mit dabei sind.

Wie entstand eigentlich die Idee zum MP3-Format?

Die Idee, Musikspieler auf Halbleiterbasis zu entwickeln, lag damals in der Luft. Verschiedene Entwicklerteams in Deutschland und der Welt haben parallel in dieser Richtung geforscht. Prof. Seitzer hatte sich seinerzeit schon intensiv mit der ISDN-Technologie beschäftigt. Ende der 70er Jahre wollte er die Übertragung von Musik über ISDN schließlich zum Patent anmelden. Das Patentamt hielt dies aber nach dem damaligen Stand der Technik für unmöglich (schmunzelt). Daraufhin suchte Prof. Seitzer nach einem Doktoranden, der das Gegenteil beweist und dieser Doktorand war ich.

Können Sie uns kurz und auch für Laien verständlich erklären, was MP3 eigentlich ist?

MP3 ist ein Format, um Musik komprimiert speichern und übertragen zu können. Auf einer Audio-CD benötigt man zum Abspeichern von einer Stunde Musik etwa 700 MB. Im MP3-Format braucht man nur ein Zehntel der Datenmenge und die Musik hört sich trotzdem noch toll an.

Das Verfahren lässt sich am besten am Beispiel der Tütensuppe verdeutlichen: Die Suppe wird dem Gefriertrocknungsprozess unterzogen. Es entsteht Instantpulver, das viel weniger Platz benötigt. Gibt man heißes Wasser dazu, hat man wieder eine gute, schmackhafte Suppe

Ihre Entwicklung für das MP3-Format stieß am Anfang kurioserweise bei der Industrie kaum auf Interesse. Wie war das für Sie und hätten Sie damit gerechnet, dass daraus einmal ein solch bahnbrechender Erfolg wird?

Ich war mir immer sicher, dass unsere Stunde früher oder später kommen wird. Dass daraus aber eine Lawine werden würde, die nicht mehr aufzuhalten ist, damit hat keiner von uns gerechnet.

Ich erinnere mich noch gut an den Besuch eines Wissenschaftlers, ein Professorenkollege von Prof. Seitzer im Jahr 1988: Nachdem er sich alles hat vorführen lassen, wollte er von uns wissen, was einmal daraus werden könnte. Ich habe ihm damals geantwortet: „Es wird entweder von Millionen von Menschen genutzt werden oder aber meine Forschungsarbeit wird in der Bibliothek verstauben.“ Der Traum vom Erfolg war auf alle Fälle bei mir und bei jedem von uns da. Dass es aber einmal mehrere hundert Millionen Nutzer werden würden, hat sich keiner von uns vorstellen können.

Was empfinden Sie, wenn Sie überall auf der Welt von New York bis Tokio, von Moskau bis Kapstadt (junge) Menschen mit MP3-Player sehen?

(lacht) Das ist wie im Traum. Manchmal muss ich mich in den Arm zwicken, damit ich weiß, dass es wirklich wahr ist.

Mir ist dabei aber immer bewusst, wer alles daran mitgearbeitet hat. Deshalb finde ich es auch schade, dass meine Teamkollegen in der Öffentlichkeit weniger beachtet werden. Denn ohne sie wäre dieser Erfolg nicht möglich gewesen.

Dieser Erfolg ist für mich auch immer ein Mut machendes Beispiel für junge Menschen, denn es zeigt, dass es interessante, spannende Themen gibt, bei denen man mit Freude dabei sein und den richtig großen Erfolg haben kann

Wie sieht die Technik der Zukunft aus, welche Chancen und Risiken sehen Sie?

Ich beginne und beende meine Vorlesungen in jedem Semester immer mit der These „Das digitale Zeitalter hat gerade erst begonnen“. Ich bin überzeugt, dass es jetzt erst richtig los geht: Durch die digitalen Medien werden sich neue Formen der Kommunikation, der Unterhaltung und der Arbeitswelt ergeben. Die Zukunft wird interaktiv und immersiv. Immersiv kommt aus dem Englischen und meint das Eintauchen in andere Welten.

Wer sich mit Science Fiction befasst, kennt aus dem Raumschiff Enterprise bestimmt das Holodeck: Ein großer Raum, in dem virtuelle Situationen geschaffen werden, mit denen man interagieren kann; man selbst hat das Gefühl mittendrin zu sein und kann Dinge im Detail beeinflussen.

Im Zusammenhang mit 3D-Welten spielen auch 3D-Klangerlebnisse eine entscheidende Rolle. IOSONO ® heißt das Klangsystem der Zukunft. Daran arbeiten wir in Ilmenau aufbauend auf Forschungen zur Wellenfeldsynthese der TU Delft: In einem Raum, beispielsweise in einem Kinosaal, wird ein geschlossener Ring von Lautsprechern installiert und so ein natürlicher Klangeindruck erzeugt, der das Gefühl vermittelt mittendrin zu sein. Einen Eindruck davon können Sie sich am Fraunhofer IIS in Erlangen verschaffen, wo unser Klangfeldsystem im „Kino der Zukunft“ integriert wurde.

Es wird auch mehr personalisierte Systeme geben: Wenn ich abends nach Hause komme, werde ich beispielsweise meiner Stereoanlage sagen können, sie soll mir die Musik spielen, die ich immer um diese Zeit höre, aber nichts, was ich in den letzten zwei Wochen schon gehört habe. Das System wird meine Stimme erkennen, sie von den Stimmen anderer Familienmitglieder unterscheiden und meine Anweisung umsetzen.

Auch Usability, also Benutzerfreundlichkeit, wird an Bedeutung gewinnen. Ein Gerät soll mir helfen, ohne dass ich vorher eine seitenlange Gebrauchsanweisung lesen muss.

Eine weitere wichtige Frage der Zukunft wird sein: wie finde ich meine Daten, wie finde ich z.B. auf meinem iPod unter den vielen gespeicherten Daten genau das, was ich suche.

Das klingt einerseits hoch spannend, zugleich aber auch beunruhigend, wenn ich an die gesellschaftlichen Veränderungen für die Arbeitswelt und in der Kommunikation denke oder an die Auswirkungen auf den einzelnen.

Die Risiken und gesellschaftlichen Auswirkungen habe ich immer im Hinterkopf. Deswegen mache ich darauf – gerade in meinen populärwissenschaftlichen Vorträgen – auch immer wieder aufmerksam. Man muss sich frühzeitig Gedanken über die möglichen Folgen machen, um rechtzeitig dagegen steuern zu können.

Man sollte die Arbeit tun, die einem Spaß macht und mit Engagement dran bleiben.

Haben Sie einen Rat für junge Erfinder bzw. Ingenieure?

Man sollte die Arbeit tun, die einem Spaß macht und mit Engagement dran bleiben. Es ist wichtig sich durchzubeißen, über den Horizont zu schauen und dabei die größeren Zusammenhänge nicht aus den Augen zu verlieren. Und nicht zuletzt Teamarbeit und der Austausch mit anderen; Deswegen ist es auch wichtig, sich neben dem Studium oder dem Job zu engagieren. In unserem Team sind beispielsweise viele Freizeit-Musiker oder sie engagieren sich in der Jugendarbeit. Ich selbst war früher Pfadfinder und in der evangelischen Jugendarbeit aktiv.

Verraten Sie uns Ihr Lebensmotto?

Optimismus und eine positive Grundeinstellung − immer zu fragen, was kann gut gehen, und nicht fragen, was schief gehen kann.

Diese Grundhaltung spürt man bei Ihnen auch, wenn man mit Ihnen spricht. Schön, dass Sie sich Zeit genommen haben für unser Gespräch, herzlichen Dank für das Interview.

 

Interview: Martina Weber (Januar 2009)