Aberkennung der Doktorwürde an der Universität Erlangen in der Zeit des Nationalsozialismus

Ideologisch motiviertes Unrecht geschah in der NS-Zeit auch im Bereich der Promotionsverfahren. So wurde wie an anderen Universitäten ebenso an der Erlanger Universität vielen Promovierten ihr einst rechtmäßig erworbener Doktorgrad aus politischen Gründen wieder entzogen.

In den meisten Fällen erfolgte nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten der Entzug der Doktorwürde aufgrund des Verlustes der deutschen Staatsangehörigkeit, mit der die aus politischen Gründen aus Deutschland Geflohenen, vermehrt Angehörige jüdischen Bekenntnisses, vom NS-Regime belegt wurden.

Scan eines alten Dokumentes aus dem Jahr 1941.
Schreiben des Reichswissenschaftsministeriums an die Universität Erlangen zur Einleitung eines Verfahrens betreffend den Entzug der Doktorwürde von Dr. phil. Elisabeth Hölzl, 27. August 1941 (Universitätsarchiv Erlangen-Nürnberg A1/3a Nr. 946d).
Scan eines alten Dokumentes aus dem Jahr 1939.
Beschlussfassung der Universität Erlangen über den Entzug der Doktorwürde von Dr. rer. nat. Stephan Pietrkowski, 27. April 1939 bis 12. Mai 1939 (Universitätsarchiv Erlangen-Nürnberg A1/3a Nr. 946g).
Scan eines alten Dokumentes aus dem Jahr 1940.
Bekanntmachung der Universität über den Entzug der Doktorwürde von Dr. rer. pol. Julie Meyer, 12. März 1940 (Universitätsarchiv Erlangen-Nürnberg A1/3a Nr. 946f).

In weiteren Fällen erfolgte die Aberkennung aufgrund einer strafgerichtlichen Verurteilung, wobei in der Zeit des Nationalsozialismus unter die strafbaren Handlungen auch politisch und ideologisch einzuordnende Delikte wie Hochverrat oder sogenannte Rassenschande fielen.

Mit all diesen ideologisch und politisch begründeten Entzugsverfahren verachtete man die wissenschaftlichen Verdienste der Promovierten, vertrieb sie aus der akademischen Gemeinschaft aufgrund eines Verwaltungsaktes, dem man den Schein der Legalität gab, und vernichtete ihre Berufsperspektiven.

Im April / Mai 2026 fassten die Fakultätsräte aller Fakultäten sowie der Senat der FAU einen Rehabilitationsbeschluss, der am 11. Juli 2026 auf der Promoviertenfeier der FAU durch den Universitätspräsidenten verkündet wurde. Er beinhaltet die Feststellung, dass diese aus ideologischen und politischen Gründen vollzogenen Doktorgradentzüge gegen elementare Grundsätze der Rechtsstaatlichkeit verstießen und nach freiheitlich-demokratischer Rechtsauffassung von Anfang an nichtig sind.

Die Namen der von diesen Entzügen Betroffenen werden als erfolgreiche Absolventen der FAU in Erinnerung bleiben.

Die Fakultätsräte und der Senat der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg haben in ihren Sitzungen vom 22. April 2026, 28. April 2026, 30. April 2026, 5. Mai 2026, 6. Mai 2026 und 20. Mai 2026 den folgenden Beschluss gefasst:

Die in den Jahren von 1933 bis 1945 an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen vollzogenen und sich auf die nationalsozialistische Ideologie gründenden Doktorgradentzüge verstießen gegen elementare Grundsätze der Rechtsstaatlichkeit und bedeuteten eine schwere Verletzung der Menschenrechte. Durch jene ideologisch begründeten Entzugsverfahren verachtete man die wissenschaftlichen Verdienste der Promovierten, vertrieb sie aus der akademischen Gemeinschaft, demütigte sie in ihrem gesellschaftlichen Ansehen und zerstörte ihre beruflichen Perspektiven.

Mit diesem Rehabilitationsbeschluss stellt die Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg in aller Deutlichkeit fest, dass jene ideologisch motivierten Unrechtsakte nach freiheitlich-demokratischer Rechtsauffassung von Anfang an nichtig waren und somit unwirksam sind.

Es ist der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg ein Anliegen, alle Opfer der ideologisch begründeten Depromotionsverfahren namentlich zu rehabilitieren. Aufgrund der Quellenlage ist jedoch nicht auszuschließen, dass noch weitere, bislang unbekannte Opfer dieser Verfolgungsakte zu verzeichnen sind. Diese fallen ebenso unter den Rehabilitationsbeschluss wie die bekannten und im Folgenden namentlich genannten Promovierten der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg:

  • Dr. rer. pol. Artur Apfel
  • Dr. phil. Ernst Appel
  • Dr. jur. Fritz Bachwitz
  • Dr. phil. Lilli Bechmann Rahn (geb. Bechmann)
  • Dr. jur. Hugo Becker
  • Dr. jur. Max Louis Benjamin
  • Dr. jur. Rudolf Benjamin
  • Dr. jur. Walter Berlin
  • Dr. jur. Hans Berolzheimer
  • Dr. jur. Moritz Bing
  • Dr. jur. Fritz Blum
  • Dr. jur. Karl Blumenstein
  • Dr. jur. James Broh
  • Dr. jur. Ferdinand David
  • Dr. rer. pol. Joseph E. Drexel
  • Dr. med. Erich Eisner
  • Dr. jur. Lothar Heinz Erlanger
  • Dr. jur. Theodor Erlanger
  • Dr. phil. Margarete Ewinger-Schenk (geb. Schenk)
  • Dr. med. Moritz Feibelmann
  • Dr. jur. Otto Feldheim
  • Dr. jur. Leopold Frei
  • Dr. jur. Max Friedmann
  • Dr. med. Emil Fröhlich
  • Dr. med. Albert Frohmann
  • Dr. phil. Siegfried Galliner
  • Dr. jur. Joseph Gallinger
  • Dr. phil. Siegfried Gelles
  • Dr. jur. Friedrich Ludwig Gerngroß
  • Dr. jur. Bruno Goldberg
  • Dr. med. Selma Graf (geb. Reichold)
  • Dr. med. Otto Grosse-Wietfeld
  • Dr. jur. Martin Grünberg
  • Dr. jur. Michael Guggenheim
  • Dr. jur. Emil Hammerschlag
  • Dr. jur. Adolf von Harnier Freiherr von Regendorf
  • Dr. phil. Wilhelm Hauser
  • Dr. jur. Max Herzstein
  • Dr. jur. Rudolf Heymann
  • Dr. jur. Franz Hirschler
  • Dr. phil. Philipp Hochschild
  • Dr. med. Adolf Hollerbusch
  • Dr. med. Josef Hollerbusch
  • Dr. med. Theodor Holzinger
  • Dr. phil. Else (Elisabeth) Hölzl (geb. Dannheisser)
  • Dr. jur. Hermann Horstmann
  • Dr. jur. Hermann Huth
  • Dr. phil. Bruno Italiener
  • Dr. jur. Sally Jacobsohn
  • Dr. jur. Alfred Jacoby
  • Dr. jur. Max Jacoby
  • Dr. jur. Walter Jaffé
  • Dr. jur. Ferdinand Kahn
  • Dr. jur. Gustav Kahn
  • Dr. jur. Robert Karo
  • Dr. jur. David Karpf
  • Dr. phil. Hans August Kayser
  • Dr. jur. Hugo Kern
  • Dr. jur. Max Kohn
  • Dr. jur. Moritz Kolski
  • Dr. jur. Eduard Königsberger
  • Dr. jur. Hans Krailsheimer
  • Dr. jur. Paul Max Krakenberger
  • Dr. med. Irma Kraus
  • Dr. jur. Fritz Kronenberger
  • Dr. jur. Leopold Landenberger
  • Dr. jur. Martin Lappe
  • Dr. phil. Emanuel Lasker
  • Dr. jur. Berthold Lazar
  • Dr. jur. Alexander Lewin
  • Dr. jur. Siegfried Lewin
  • Dr. phil. Kurt Löwenstein
  • Dr. phil. Lothar Lubasch
  • Dr. jur. Alfred Manasse
  • Dr. jur. Hans Marcuse
  • Dr. jur. Georg Arnold Rudolf Merzbach
  • Dr. med. dent. Adolf Meyer
  • Dr. rer. pol. Julie Meyer Frank (geb. Meyer)
  • Dr. jur. Erich Midas
  • Dr. phil. Georg Mönius
  • Dr. med. Ludwig Morgenthau
  • Dr. jur. Leo Motulsky
  • Dr. jur. Abraham Felix Münzer
  • Dr. jur. Hans Neufeld
  • Lic. theol. Georg Heinrich Neunobel
  • Dr. rer. pol. Herbert Nußbaum
  • Dr. jur. Fritz Obermeier
  • Dr. jur. Fritz Oettinger
  • Dr. phil. Helene Luise Oppenheim (geb. Levinger)
  • Dr. rer. nat. Stephan Karl Louis Pietrkowski (Stefan Peters)
  • Dr. jur. Erich Pinczower
  • Dr. jur. Konrad Wilhelm Prager
  • Dr. jur. Ludwig Regensteiner
  • Dr. jur. Heinrich Rosenblatt
  • Dr. rer. pol. Heinrich Rosenblatt
  • Dr. jur. Heinz Rosenfeld
  • Dr. phil. Luise Maria Rosenfeld (geb. Pitz)
  • Dr. phil. Joseph Rosenthal
  • Dr. phil. Benjamin Falk Felix Salomon
  • Dr. jur. Josef Schaefer
  • Dr. jur. Josefine Schmitz-Otto
  • Dr. jur. Joseph Schoenbeck
  • Dr. jur. Artur Schönfeld
  • Dr. jur. Ernst Hugo Schopflocher
  • Dr. med. Josef Karl Schreiner
  • Dr. med. Ernst Alfred Seckendorf
  • Dr. phil. Heinz Selo
  • Dr. med. Julius Sichel
  • Dr. rer. pol. Erwin Samuel Simon
  • Dr. jur. Julius Simson
  • Dr. jur. Wilhelm Heinrich Skalka
  • Dr. phil. Walter Spiegel (Walter James)
  • Dr. jur. Leo Stahl
  • Dr. jur. Richard Staub
  • Dr. jur. Walter Steppacher
  • Dr. jur. Friedrich Michael Stern
  • Dr. jur. Ludwig Stern
  • Dr. jur. Siegfried Stern
  • Dr. jur. Werner Stiebel
  • Dr. jur. Emil Thalmann
  • Dr. jur. Hans Siegmund Tuchmann
  • Dr. jur. Fritz Vogel
  • Dr. jur. Leo Wachter
  • Dr. jur. Lothar Wallersteiner
  • Dr. jur. Franz Weber
  • Dr. jur. Ernst David Weil
  • Dr. phil. Siegfried Weil
  • Dr. med. Nathan Wolf
  • Dr. jur. Max Zellner

Die Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg wird den Opfern ein ehrendes Andenken bewahren.

Bei aller Freude über die heutigen Promotionen wollen wir in diesem feierlichen Rahmen einen Moment innehalten und all jener gedenken, die sich über ihre Promotion an der FAU nicht bis an ihr Lebensende freuen konnten – weil man sie in der NS-Zeit unrechtmäßig ihres Doktorgrades beraubte. Denn auch an unserer Friedrich-Alexander-Universität wurde in den dunklen Jahren der nationalsozialistischen Herrschaft staatliches Unrecht vollzogen.

Unter Verletzung elementarer Grundsätze von Rechtsstaatlichkeit und Menschenwürde wurden wissenschaftliche Verdienste missachtet, wurden Promovierte aus der akademischen Gemeinschaft ausgegrenzt und viele berufliche Lebenswege zerstört. Der Entzug des Doktorgrades war mehr als ein Verwaltungsakt. Er war ein tiefer Einschnitt in das Leben der Betroffenen, eine gewollte Demütigung. Der Vollzug staatlichen Unrechts markiert das moralische Versagen der Wissenschaftsgemeinschaft.

Nach den Fakultätsräten hat auch der Senat unserer Universität in seiner Sitzung am 20. Mai dieses Jahres ausdrücklich und einvernehmlich festgestellt, dass diese ideologisch und politisch motivierten Unrechtsakte aus unserer rechtsstaatlichen Sicht von Anfang an nichtig sind und daher keine Geltung beanspruchen können.

Dieses Unrecht und diese persönliche Herabwürdigung sind nicht wieder gut zu machen. Es ist uns aber ein besonderes Anliegen, die Opfer dieser Unrechtsentscheidungen namentlich zu rehabilitieren und sie in diesem feierlichen Rahmen erneut zu würdigen. Als erfolgreiche Absolventen unserer Universität sollen sie im Gedächtnis bleiben. Hierzu werden ihre Namen in Verbindung mit dem Rehabilitationsbeschluss auf der Homepage unserer Universität einen dauerhaften Platz finden.

In dieser Namensliste finden sich junge Doktorandinnen und Doktoranden, die ihren wissenschaftlichen Lebensweg erst noch vor sich gehabt hätten, wie auch bekanntere Namen – so der des einzigen deutschen Schachweltmeisters Dr. phil. Emanuel Lasker.

Inhalte

Mit der inhaltlichen Untersuchung dieser Unrechtsakte hatten sich in Erlangen als erste die (damals zwei) Philosophischen Fakultäten befasst und 1999 die Verleihung eines Preises zum Gedenken an die Aberkennungsfälle an der Philosophischen Fakultät initiiert; die Namensgebung „Lilli-Bechmann-Rahn-Preis“ erfolgte in Erinnerung an die jüdische Germanistin, die noch am 17. Februar 1934 ihr Rigorosum abgelegt hatte. Es folgten die Medizinische und Juristische Fakultät mit Gedenkakten und zwei umfassenden Bänden mit biographischen Abhandlungen sowie 2010 ein Abschlussband mit der Dokumentation der Gedenkakte sowie der Aberkennungsfälle an der Theologischen und der Naturwissenschaftlichen Fakultät.

Aberkennungsfälle und Gedenkakt der Philosophischen Fakultät(en)

  • Hartmut Kugler (Hg.): Lilli Bechmann-Rahn-Preis. Erste Verleihung im Rahmen der Promotionsfeier der Philosophischen Fakultäten am 5. Februar 1999 (Akademische Reden und Kolloquien 19), Erlangen 2000.
    urn:nbn:de:bvb:29-bv012663091-4

Aberkennungsfälle der Medizinischen Fakultät

  • Renate Wittern / Andreas Frewer: Aberkennungen der Doktorwürde im „Dritten Reich“. Depromotionen an der Medizinischen Fakultät der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen (Erlanger Forschungen Sonderreihe Bd. 12), Erlangen 2008.
    urn:nbn:de:bvb:29-opus-20896

Aberkennungsfälle der Juristischen Fakultät

  • Bernd Mertens / Margareta Feketitsch-Weber: Die Aberkennung von Doktorgraden an der Juristischen Fakultät der Universität Erlangen im Nationalsozialismus (Erlanger Forschungen Sonderreihe Bd. 15), Erlangen 2010.
    urn:nbn:de:bvb:29-opus4-41257

Aberkennungsfälle der Theologischen und der Naturwissenschaftlichen Fakultät und Gedenkakte der Medizinischen Fakultät und des Fachbereichs Rechtswissenschaft

  • Thomas A. H. Schöck (Hg.), Aberkennung der Doktorwürde an der Universität Erlangen in der Zeit des Nationalsozialismus. Dokumentation der Gedenkakte der Medizinischen Fakultät und des Fachbereichs Rechtswissenschaft und Aberkennungen an der Theologischen und der Naturwissenschaftlichen Fakultät (Akademische Reden und Kolloquien 29), Erlangen-Nürnberg 2010.
    urn:nbn:de:bvb:29-opus-23982