„Dann kam der Anruf von Tom Buhrow.“

Bild: WDR, Fotograf Herby Sachs
Bild: WDR, Fotograf Herby Sachs

Die FAU-Alumna Valerie Weber ist verantwortlich für das Hörfunk-Programm Deutschlands größter Rundfunkanstalt, dem Westdeutschen Rundfunk (WDR). Außerdem koordiniert sie als Vorsitzende der Audio-Programm-Konferenz der ARD die Radio-Angebote aller ARD Sender. Ihre berufliche Karriere startete die mehrfach ausgezeichnete Journalistin mit ihrem Studium an der FAU in Germanistik, Theaterwissenschaft und Kunstgeschichte und ihrem Volontariat bei dem Erlanger Rundfunksender Radio Downtown.

Frau Weber, Sie haben eine sehr bemerkenswerte Karriere zurückgelegt. Hätte Ihnen damals jemand erzählt, dass Sie einmal eine mehrfach ausgezeichnete Journalistin und Programmdirektorin der größten deutschen Sendeanstalt sein werden – wie hätten Sie darauf reagiert?

Ehrlich? Am Anfang des Studiums hätte ich mir das noch gar nicht vorstellen können, denn ich habe ja Theater, Literatur und Kunstgeschichte studiert, weil ich in den Kulturbetrieb einsteigen wollte – ohne zu wissen wo. Aber ich hätte doch mehr an städtische Bühnen und allenfalls noch an das Zeitungs-Feuilleton gedacht. Alle Germanisten und Germanistinnen und Theaterwissenschaftlerinnen und -wissenschaftler, die was auf sich hielten, wollten damals ins Feuilleton der Neuen Züricher Zeitung. Das beste Feuilleton damals. Aber nichts fand ich unambitionierter, als Kultur an kulturinteressierte Menschen zu vermitteln.

Wie gelang Ihnen dann der Einstieg in den Journalismus?

Ich hatte ernsthaft recherchiert, ob die BILD-Zeitung nicht auch eine Kulturredaktion hat, das hätte mich viel mehr interessiert – schwierige und komplexe Inhalte an „normale Menschen“ zu vermitteln. Und dann kamen die privaten Sender auch nach Erlangen. Mein Einstieg dort war auch davon getrieben, eine der ersten Kultursendungen in der freien Radioszene zu gestalten. Ich habe Theaterrezensionen verfasst, Buchkritiken gemacht und Gedichte vorgelesen. Dafür, dass ich diese Sendung donnerstagabends so gestalten durfte, wie ich das gut fand, habe ich dienstags noch eine Unterhaltungsshow mitmoderiert – über Mode, Klatsch und Tratsch, und montagabends eine politische Sendung mit aktuellen Interviews und lokalen Beiträgen als Co-Moderatorin mitgestaltet. Das war der Deal. Und dreimal dürfen sie raten, was davon am erfolgreichsten war? Die Unterhaltungsshow, dann das politische Magazin – und praktisch keine Aufrufe und keine Resonanz hatte meine ambitionierte Kultursendung.

Dieses Spannungsfeld zwischen Unterhaltung, Kultur, aktuellen Informationen und kulturellem Hintergrund hat mich später immer begleitet. Diese Vielfalt in einem Radioprogramm selber erleben zu dürfen, war der Zündfunke für die Studentin, die sich eigentlich tagsüber den „schönen Künsten“ verschrieben hat.

Wie hat Ihnen Ihre Studienzeit an der FAU für Ihren weiteren Berufsweg geholfen?

Sehr. Die Erkenntnis, dass ich trotz meines Doppellebens, abends im Radio zu arbeiten und tagsüber zu studieren, mein Studium unbedingt beenden sollte, war wichtig. Vor allem, weil klar war: Die meisten Studierenden der Theaterwissenschaft und Germanistik kommen gar nicht bis zum Abschluss, denn eben diese Studiengänge sind ein so weites Feld, das man Jahre studieren könnte, ohne je fertig zu werden. Da habe ich manchmal die Medizin- und Jurastudierenden beneidet, die einen klaren Lehrplan hatten und genau wussten, wo in ihrem Studium sie gerade stehen. Das ist bei den Geisteswissenschaftlerinnen und -wissenschaftlern schon schwierig. Um es mal frei nach Sokrates zu formulieren: Man lernt im Studium zu erkennen, dass man weiß, dass man nichts weiß. Und genau das kann das Ende des Studiums in unendliche Sphären rutschen lassen. Nach einem Auslandssemester an der Sorbonne über Literatur und deutsche Philosophie war mir dann klar: Du musst so schnell wie möglich deine Magisterarbeit nachschreiben – sonst wird sich dein Radioalltag immer weiter in den Vordergrund spielen und du wirst dein Studium nicht beenden.

Da sind mir die Professoren sehr entgegen gekommen und haben mich gut beraten – meine Arbeit bei Professor Jansen durfte ich sogar über ein sehr grenzüberschreitendes kommunikationswissenschaftliches Thema schreiben: „Kulturprogramme unter dem Druck der Einschaltquoten. Chancen eines differenzierten Programmangebotes.“

Was muss man mitbringen, um in der Branche des Journalismus Erfolg zu haben?

Neugier. Das ist das Wichtige: Unzügelbare, bisweilen kindliche Neugier auf das Leben.

Gibt es etwas, dass Sie rückblickend auf Ihrem Berufsweg anders gemacht hätten?

Mein Professor hat, als ich die Arbeit mit 169 Seiten eingereicht habe, gemeint: „Wollen sie das wirklich abgeben als Magisterarbeit? Geben sie nur das erste Kapitel ab und studieren Sie noch ein Jahr als Doktorandin. Dann geben Sie die ganze Arbeit ab und Sie sind Doktorin.“ Vielleicht hätte ich das nachträglich anders gemacht, aber mein Hunger auf das echte Leben und die echte Arbeit war zu groß, um noch ein Studienjahr dranzuhängen.

Dazu hatte ich mich mit dem damaligen Studioleiter des Studio Franken vom Bayerischen Rundfunk beraten. Dr. Martin Gruber, der damalige Studioleiter in Nürnberg, wurde später Intendant des Bayerischen Rundfunks, ihn hatte ich für meine Magisterarbeit auch über die Entwicklungen der Kulturangebote im Bayerischen Rundfunk interviewt. Er meinte: „Wichtiger als jeder Doktortitel ist: Machen Sie im Privatfunk so viele berufliche Erfahrungen, wie sie können. Irgendwann werden wir bei den öffentlich-rechtlichen Menschen wie Sie brauchen können.“ Das habe ich mir dann nicht zweimal sagen lassen und ich bin dann alle zwei, drei Jahre von einem Sender zum anderen – vom Süden in den Norden und vom Osten in den Westen: Ich war Nachrichtenanchor und Moderatorin, Musikplanerin, Reporterin, Trailerproduzentin und übernahm dann eben auch Redaktionsleitungen und Programmleitungen. Und dann, 20 Jahre später, kam tatsächlich der Anruf von Tom Buhrow aus dem WDR, ob ich mir einen Wechsel zum öffentlich-rechtlichen Rundfunk vorstellen könnte.

Der gute Journalismus braucht heutzutage vor allem Diversität.

Was raten Sie Studierenden mit dem Berufsziel „Journalismus“?

Ich rate allen, die eben nicht Journalismus studieren, zu realisieren, wie wertvoll ihre Expertise für den Journalismus sein könnte. Wir brauchen nicht nur Geisteswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler und Journalismus-Studierende. Da ist letztlich auch eine gesellschaftliche Blase. Der gute Journalismus braucht heutzutage vor allem Diversität unter seinen Expertinnen und Experten mit Fachwissen in ihrem Gebiet. Wir suchen nach Juristen und Medizinerinnen, nach Biologen und Geologinnen, nach Orthopädinnen und Krankenpflegern – das Zeitalter des digitalen Journalismus ist kein Zeitalter der Allrounder, sondern ein Zeitalter der Expertinnen und Experten. Alles was sie brauchen, ist – neben der Neugier für ihr Fach und auf das Leben – Empathie fürs Publikum!

Deswegen: Wenn Sie etwas studieren, was Ihnen Freude macht, wofür Sie brennen, wenn Sie sich vorstellen könnten, mit Ihrem Wissen andere teilhaben zu lassen, wenn Sie die Mission spüren, komplexe Sachverhalte in leichte Sprache zu übersetzen, in tollen Bildern zu transportieren: DANN sollten Sie darüber nachdenken ob Sie nicht ins Krankenhaus oder ins Labor verschwinden, sondern sich bei einem Medium bewerben.

Welche war die größte Herausforderung auf Ihrem Karriereweg?

Der Wechsel in das öffentlich-rechtliche System und der Zorn, der mir dort von manchen als ehemalige Private entgegenschlug. Das war nicht einfach zu verkraften: Trotz all der Erfahrung einfach erstmal aus Prinzip abgelehnt zu werden.

Haben Sie noch Kontakt zu Ihren ehemaligen Kommilitoninnen und Kommilitonen?

Durch die vielen Ortswechsel hat man auch viele Menschen verloren über die Zeit. Aber mit ehemaligen Studierenden und Radiokollegen aus der Erlanger Zeit bin ich bis heute noch in Kontakt.

Wenn Sie an Ihre Zeit an der FAU zurückdenken und sich vorstellen, Sie könnten in der Zeit reisen. Zu welchem Moment würden Sie zurückspringen?

Als wir im Schauspielunterricht auf dem Boden des dunklen Theaterraums lagen und zunächst Feldenkrais-Übungen machten. Diesen Einklang aus Körper und Gedanken zu spüren, diesen besonderen Anspruch des Unterrichts, dass am Ende auch deine Gedanken deinen Körper erfassen dürfen, und dass du über deine eigene Körpersprache wiederum anderen Gefühle vermittelst, und deine Scham abzulegen vor anderen und anderen auch mal peinliche Offenheit an-zubieten – das waren grenzüberschreitende und besondere Momente. Und sie zeigten, dass manchmal auch Tapferkeit dazu gehört, große Gefühle auszuhalten.

Herzlichen Dank für das Interview, Frau Weber.

Vita

Valerie Weber ist seit 2014 Programmdirektorin für NRW, Wissen und Kultur beim Westdeutschen Rundfunk (WDR) und seit dem 1. Januar 2020 Vorsitzende der Audio-Programm-Konferenz der ARD.
Sie studierte Germanistik, Theaterwissenschaft und Kunstgeschichte an der FAU und absolvierte ein Volontariat bei Erlangens erstem privaten Radiosender „Radio Downtown“. Nach ihrem Magisterabschluss 1988 arbeitete die FAU-Alumna unter anderem als Moderatorin und Redakteurin bei Rock-Radio N1 in Nürnberg und Radio Franken. 1995 wurde sie Programmdirektorin des zweiten landesweiten Radio-Programms für Mecklenburg-Vorpommern in Rostock, drei Jahre später Programmdirektorin bei Hit-Radio Antenne 1 in Stuttgart, bis sie 2004 die Programmdirektion und 2006 zusätzlich die Geschäftsführung von Antenne Bayern übernahm.

2014 wechselte die Valerie Weber dann zu Deutschlands größter Rundfunkanstalt, dem WDR. Dort wurde sie im Oktober 2018 vom Rundfunkrat für weitere fünf Jahre als Programmdirektorin wiedergewählt.

 

(Interview: Nina Bundels, Dezember 2020)


Valerie Weber begann ihre Karriere beim ersten privaten Radiosender Erlangens: Radio Downtown. Ein Interview mit dessen Gründer Günter F. Janßen finden Sie hier.