Durchschlagender Erfolg

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Ein Blick auf die FAS I mit Geschützkörper, Torsionsschlaufen und Wurfarmen sowie dem Spannsystem (vorne).

Römische Geschütze an der FAU im Test

Ein lautes Klacken, die hölzernen Arme des römischen Geschützes schnalzen nach vorne und beschleunigen den Bolzen auf beinahe 40 Meter in der Sekunde. Mit einem dumpfen Schlag trifft das Geschoss die Zielscheibe und durchschlägt sie. Die Wirkung der antiken Waffe ist verheerend.

Der kurze Bolzen mit der eisernen Spitze wurde von der FAS I (Fridericiana Alexandrina Spina I), dem Nachbau eines sogenannten Scorpio abgeschossen. Boris Dreyer und sein Team haben dieses antike Geschütz nach Funden aus dem jeweils 1. Jahrhundert vor und nach Christus rekonstruiert. In der Praxis zu analysieren und jeden möglichen Handgriff im Selbstversuch zu testen, gaben wie bei der F.A.N. hierzu den Anlass. „Um auf weitere tiefere Ebene historischer Untersuchungen zu gelangen und Gefechtserfolge und Niederlagen näher beurteilen zu können, stand es für uns außer Frage, eigene Geschütze zu bauen“, sagt Alexander Hauenstein, Masterstudent in der Alten Geschichte bei Prof. Dreyer. „Ein zu hoher Aufwand um ein Geschütz schnell schussbereit zu bekommen, hätte vor 2000 Jahren auf den Schlachtfeldern und bei Belagerungen unnötige Leben kosten können“, erklärt Alexander Hauenstein. Um diesen Aufwand zu minimieren, versuchten schon damals die antiken Ingenieure die verschiedenen Schritte zu vereinfachen, um das Geschütz zu laden und abzufeuern, und Ausrüstung und Werkzeug für den Betrieb zu minimieren. Diese Herangehensweise ermöglichte auch Prof. Dreyer und seinem Team an der FAS I verschiedene Modifikationen vorzunehmen und so Erfahrungen zu sammeln, die ihnen detaillierte Einblicke in die Welt römischer Artillerieeinheiten verschafften.

Ein weiteres Geschütz zum Vergleich

Der Einsatz von Wurfgeschützen ist ein technologischer und militärischer Meilenstein in den Konflikten der Antike. Am Ende des 5. Jahrhunderts vor Christus kamen erstmalig im griechischen Sizilien Geschütze auf, die letztlich aber nicht mehr als übergroße hölzerne Armbrüste waren. Etwas später Mitte des 4. Jahrhunderts vor Christus entwickelten griechische Ingenieure sogenannte Torsionsgeschütze, die nicht nur Pfeile verschossen, sondern auch mit mehr oder weniger schweren Steinkugeln geladen werden konnten. Jedoch unterschieden sie sich in ihrer Konstruktion stark von ihren Vorgängern. Das Geschoss wurde nicht mehr durch einen waagrecht liegenden, großen Bogen beschleunigt, sondern mit zwei einzelnen, waagrechten Wurfarmen, die in senkrecht verlaufenden, ineinander verdrehten Schlaufen aus Seil gelagert waren. Die Sehne, die das Geschoss nach vorne schleuderte, wurde dabei mit einem Spannsystem nach hinten gezogen.

Alexander Hauenstein selbst rekonstruiert gerade im Rahmen seiner Abschlussarbeit ein weiteres Geschütz, die FAS II. Vorbild hierfür ist eine Abbildung auf der Trajanssäule in Rom sowie Funden, die aus dem zweiten und vierten Jahrhundert nach Christus stammen. Die FAS II unterscheidet sich von der FAS I vor allem darin, wie die Wurfarme gespannt werden. Bei der neuen Rekonstruktion werden diese nach innen gezogen, bei der früheren Version nach außen. „Durch die unterschiedlichen Spannwinkel, bei der FAS I sind dies 34 Grad, bei der FAS II dagegen 134 Grad, dürfte sich die Schussenergie bei letzterer vervielfachen“, erklärt der Masterstudent. Dies soll in vergleichenden Schusstests untersucht werden und ermöglichen, dass die Forschenden der FAU neue Erkenntnisse zu Leistungsfähigkeit und Einsatzmöglichkeiten römischer Geschütze gewinnen.

Dann werden Prof. Dreyer und Alexander Hauenstein gemeinsam mit ihrem Team auf der Schießanlage der königlich privilegierten Schützengesellschaft von 1408 Kitzingen die FAS I und die FAS II wieder mit den kurzen Bolzen mit ihren eisernen Spitzen laden, die Geschütze spannen und die Geschosse in die Zielscheiben einschlagen lassen.


Technische Daten FAS I:

Scorpio (FAS I)

Durchmesser Torsionsturm: 84 mm

Breite Geschützkörper: 440 mm

Höhe Geschützkörper: 400 mm

Verwendetes Torsionsmaterial: Hanfschlaufen 520 mm

Auszugslänge: 695 mm

Durchmesser der Laufschiene: 17 mm

Länge Bolzen: 461 mm

Gewicht Bolzen: 100 g

Maximal erreichte Zugkraft*: 143 kg

Ø-Geschwindigkeit Bolzen*: 39, 67 m/s

* Stand August 2021

Weiter Informationen:

Prof. Boris Dreyer
Professur für Alte Geschichte
Tel. 09131/8525768
boris.dreyer@fau.de