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Mensch ist so anders

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Bis zum 19. Jahrhundert trugen Männer wie Frauen je nach Mode Rüschen, Spitze, Absätze, Seide und Brokat, Perlen, Gold und Silber. Nicht das Geschlecht bestimmte in erster Linie den Kleidungsstil, sondern der gesellschaftliche Rang. (Bild: Kostüme und Sittenbilder des 16. Jahrhunderts aus West- und Osteuropa, Orient, der Neuen Welt und Afrika, Bayerische Staatsbibliothek München (CC BY-NC-SA 4.0))

An der FAU erforscht das Interdisziplinäre Zentrum „Gender – Differenz – Diversität“ die Vielfalt von Selbst- und Fremdbildern

Riesen und Zwerge, bärtige Damen, Meerjungfrauen, Kannibalen aus dem tiefen Afrika und blutdurstige Indianer aus dem Wilden Westen: Im 19. Jahrhundert brachte der Zirkus die Welt zu den Menschen. Die Leute kamen, um Wilde und Sonderlinge zu bestaunen, wegen des Nervenkitzels, aus Neugier – und um sich ihres Selbstbildes zu versichern, um ihre Vorstellung von normal und abnormal bestätigt zu sehen.
„Zirkus, Völkerschauen, Freakshows: Sie alle setzten auf Stereotypen. Sie zeigten Menschen wie im Zoo, wie diese in ihrer eigenen Umgebung vermeintlich sind.“ Moritz Florin vom Lehrstuhl für die Geschichte Osteuropas hat sich im Rahmen des FAU-Projekts „Diversität historisch“ damit beschäftigt, wie die Gesellschaft im Zirkus des 19. Jahrhunderts mit Rassen, Geschlechtern oder Behinderungen umgegangen ist. „Man setzte auf die Schaulust des Publikums und folgte ganz einfach der Logik des Marktes“, lautet sein Fazit.
„Unser heutiges Verständnis von Vielfalt ist nur eines von vielen“, sagt Natalie Krentz vom Lehrstuhl für Geschichte der Frühen Neuzeit. Die Historikerin gehört wie Florin zu einer Arbeitsgruppe, die inzwischen Teil des Interdisziplinären Zentrums „Gender – Differenz – Diversität“ (IZ GDD) ist. Sie sagt: „Andere historische Epochen entwickelten eigene Kriterien, nach denen Menschen eingeteilt wurden, um sie in Gruppen einzuschließen oder auszugrenzen. Das Spannende an unserem Projekt war zu beobachten, unter welchen gesellschaftlichen Bedingungen neue Kategorien zur Unterscheidung von Menschen entstehen, groß werden und schließlich wieder verschwinden.“

Den Wandel solcher Unterscheidungskategorien zeigt der Sammelband „Diversität historisch“, der aus dem Projekt hervorgegangen ist, deutlich. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus Germanistik, Romanistik, Osteuropäischer Geschichte, Soziologie betrachten darin die Vielfalt menschlicher Existenz, deren Wahrnehmung und Bewertung in Europa, dem Russischen Reich oder auch der islamischen Welt seit der Frühen Neuzeit.

Mehr Vielfaltsthemen ins Studium tragen

Das Buchprojekt ist allerdings nur eine von zahlreichen Aktivitäten des 2017 gegründeten Interdisziplinären Zentrums „Gender – Differenz – Diversität“ (IZ GDD) an der FAU. Eine wichtige Aufgabe sehen die bisher 45 Mitglieder darin, die Gender- und Diversitätsforschung an der Universität zusammenzuführen – und das Thema öffentlich sichtbar zu machen. Mit Erfolg: Im Jahr 2018 wurde das Zentrum mit dem Wittern-Sterzel-Preis für Gleichstellung ausgezeichnet.
Neben Tagungen und Workshops hat das Zentrum schon zwei erfolgreiche Ringvorlesungen organisiert. Im Mittelpunkt standen Fragen rund um Gender, Geschlecht und sexuelle Orientierung, die unter anderem in Vorträgen renommierter externer Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler beleuchtet wurden. „Wichtig ist uns, dass die Vorlesungen für unsere Studierenden als Schlüsselqualifikation anerkannt werden“, erläutert die Sprecherin des Zentrums, Prof. Dr. Annette Keilhauer. „Langfristig wünschen wir uns ein interdisziplinäres Studienangebot. Außerdem würden wir gern ein Modul für das Lehramtsstudium anbieten, denn gerade Lehrerinnen und Lehrer müssen im Umgang mit ihren Schülern und Eltern in besonderem Maße in der Lage sein, über Geschlecht und andere Unterscheidungsmerkmale zu reflektieren, um Diskriminierungen zu vermeiden. Studien belegen, dass der Mangel an Studentinnen in den MINT-Fächern sich unter anderem auf diese Problematik zurückführen lässt.“
Dennoch arbeite das Zentrum nicht primär politisch, sondern wissenschaftlich. Auch dass sie als Sprecherin des Zentrums auch Frauenbeauftragte der FAU ist, sei eher eine Koinzidenz, betont Annette Keilhauer. „Unsere Aufgabe im Zentrum sehen wir darin, die Gesellschaft zu analysieren und Wissen zu schaffen.“

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Das Projekt „Diversität historisch“ beleuchtet, wie Kategorien zur Unterscheidung von Menschen entstehen und vergehen. (Bild: Kostüme und Sittenbilder des 16. Jahrhunderts aus West- und Osteuropa, Orient, der Neuen Welt und Afrika, Bayerische Staatsbibliothek München (CC BY-NC-SA 4.0))

Dieses Wissen könne aber durchaus Basis politischer Arbeit sein, da Differenzierungen auch oft Hierarchisierungen zur Folge haben. „Zum Beispiel konnten wissenschaftliche Arbeiten zum Gender Bias belegen, dass beide Geschlechter in bestimmten Situationen Männer anders wahrnehmen und positiver bewerten als Frauen – ohne sich dessen bewusst zu sein. In einem Vortrag zum Gender Bias in der Berufungspolitik haben wir die Erfahrung gemacht, dass genau diese wissenschaftliche Fundierung der Argumente ein entscheidender Punkt ist, und viel positives Feedback erhalten.“

Auch wenn Geschlecht und Gender sowie die sexuelle Orientierung heute besonders populäre Kategorien sind, an denen viele Menschen Selbst- und Fremdbilder festmachen, setzt das Zentrum bewusst auch auf die Vielfalt seiner Schwerpunkte und will künftig stärker Kategorien wie Religion, soziale und wirtschaftliche Stellung oder auch Alter betrachten. Eine wissenschaftliche Herausforderung ist dabei die Analyse der Interaktion dieser verschiedenen Kategorien, denn das Geschlecht kann etwa einen großen Einfluss auf soziale und generationelle Differenzierungen haben.

Bilder: Kostüme und Sittenbilder des 16. Jahrhunderts aus West- und Osteuropa, Orient, der Neuen Welt und Afrika, Bayerische Staatsbibliothek München (CC BY-NC-SA 4.0), beschnitten

 


Das FAU-Magazin alexander

Cover FAU-Magazin alexander 110

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Dieser Text erschien zuerst in unserem Magazin alexander. In der Ausgabe Nr. 110 blicken wir auf 100 Jahre WiSo zurück, durch Knochen hindurch und auf Fremd- und Selbstbilder.

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