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Das Ziel ist das Ziel

(Bild: Shutterstock.com/ Formatoriginal)

Eines steht fest: Spätestens seit Entertainer Hape Kerkeling 2006 sein Buch „Ich bin dann mal weg“ veröffentlichte, ist Pilgern in Deutschland wieder hip. Ganz oben auf der Beliebtheitsskala: der Jakobsweg. Schon im Mittelalter spielte diese Reise zum Grab des heiligen Jakobus eine große Rolle, und während sie in der frühen Neuzeit etwas in Vergessenheit geriet, erlebte sie ihre Renaissance in den achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Immer mehr Menschen aller Nationalitäten – im Jahr 2019 waren es genau 344.828 – entscheiden sich seither Jahr für Jahr, die Pilgermetropole Santiago di Compostela zu besuchen – und zum Teil hunderte von Kilometern tatsächlich zu Fuß zurückzulegen.

Geht es um den Weg oder um das Ziel?

Das Ziel einer langen Pilgerreise auf dem Jakobsweg: Die Kathedrale in Santiago de Compostela steht über einer Grabstätte, die dem Apostel Jakobus zugeschrieben wird. (Bild: shutterstock.com/ Zurijeta)

Warum ist dieser große Pilgerweg heute wieder für so viele Menschen attraktiv? Teilweise aus ganz anderen Gründen als für die Pilgergemeinde in vergangenen Jahrhunderten, weiß Prof Dr. Klaus Herbers, Senior Professor am Lehrstuhl für die Geschichte des Mittelalters an der FAU. In unseren Tagen sei es vielen Menschen ein Anliegen, dem Stress, der Hektik ihres Alltags zu entfliehen, so seine Einschätzung. Sie begeben sich auf diese große Reise, um Überkommenes oder Belastendes in ihrem Leben hinter sich zu lassen und dem auf die Spur zu kommen, was ihnen im Leben tatsächlich wichtig ist. Eine Art Selbstfindungstrip also. „Pilgern ist heute in geringerem Maße als ein rein religiöses, sondern auch als ein soziologisches oder psychologisches Phänomen zu bewerten“, meint Herbers. Entschleunigung sei das Stichwort.

Das eigentliche Ziel seines Wegs – die Kathedrale von Santiago – scheint für manchen modernen Pilger dabei in den Hintergrund zu treten. „Der Weg ist das Ziel“, so lautet das Motto. „Diese Überhöhung des Weges selbst ist ein modernes Phänomen“, sagt Herbers. In der christlichen Pilgertradition im Mittelalter galt das Gegenteil: Das Ziel war das Ziel. Menschen machten sich auf den Weg zu heiligen Orten, um dort für sich und ihre Lieben Heil, Hilfe und Erlösung zu erlangen. An diesen Orten, so die christliche Überzeugung, seien die Gläubigen dem Himmel und Gott ein Stück näher. Viele hofften auch auf eine Wunderheilung oder darauf, dass Gebete – in durchaus weltlichen Anliegen – dort einfach besser erhört würden.

Gefahren am Wegesrand

Die drei großen Pilgerziele der damaligen Zeit waren Jerusalem, Rom und – tatsächlich – Santiago. Die Gründe liegen auf der Hand: In Jerusalem galt es, das Heilige Grab zu besuchen, in Rom die Wiege der Christenheit – die Gräber der Apostel Petrus und Paulus – und in Santiago das mutmaßliche Grab des Apostels Jakobus.

Freilich waren die Möglichkeiten, solche Ziele zu erreichen, damals mit großem Aufwand verbunden: die Reise war lang, der Weg voller Entbehrungen und Gefahren, zudem immense körperliche Anstrengungen fordernd. Daher war es naheliegend, diese mühsame Anreise als eine Art Opfer darzubringen, in Gedanken an den Leidensweg des Religionsstifters Jesus zur Kreuzigungsstätte Golgota. Dem Weg selbst wurde damit eine eigene Bedeutung zugewiesen.

Häufig wurden Pilger Opfer von Räuberbanden. Dies sei ein Grund dafür, warum es kaum Zeugnisse über Gläubige gebe, die ihre Fahrt allein unternommen haben, erklärt Herbers. Stattdessen habe man immer versucht, sich zu Pilgergruppen zusammenzufinden. Ein weiteres Risiko unterwegs: Unehrliche Zöllner forderten zu hohes Wegegeld von den Wallfahrern, obwohl Pilger davon befreit waren. Und schließlich gab es schlitzohrige Wirtsleute, die Wandernden ein Vermögen für einen Schlafplatz und eine Mahlzeit abnahmen.

Für die Gefahren und Hürden einer Pilgerreise sind mannigfaltige Zeugnisse in Kunst und Literatur zu finden. Eine Überlieferung, gerade in Wallfahrtskirchen häufig künstlerisch verarbeitet, ist das sogenannte „Hühnerwunder“, bei dem eine Wirtstochter, zornig über die Zurückweisung ihrer Liebe, einen silbernen Becher im Gepäck eines Pilgers versteckte und den Mann des Diebstahls bezichtigte. Der Pilger wurde darauf gehängt, vom heiligen Jakobus jedoch wieder zum Leben erweckt. In ganz Europa und auch in Deutschland findet sich diese Geschichte in künstlerischer Verarbeitung: in der fränkischen Stadt Rothenburg ob der Tauber etwa, auf dem Zwölf-Boten-Altar in der Kirche St. Jakob, den Friedrich Herlin 1466 geschaffen hat.

„Ist es heute die Zeit, über die nicht jeder verfügt, so war es damals die Abkömmlichkeit.“

Zahlreiche Reiseberichte bestätigen, dass der Pilgerweg nach Santiago kein Zuckerschlecken war. Zu den eindrucksvollsten dürften die Erlebnisse des Nürnberger Arztes Hieronymus Münzer zählen, der vor der Pest floh und auch Compostela besuchte. Klaus Herbers hat den lateinischen Text „Der Reisebericht des Hieronymus Münzer“ ediert und erstmals ins Deutsche übertragen. Das Buch ist soeben erschienen und schildert spannend Menschen und Orte, Religionen und Gebräuche oder Kunstwerke und Pilgerzentren, denen Münzer unterwegs begegnet ist. Aber auch die anderen großen Pilgerwege waren voller Hindernisse: Der Nürnberger Thomas Tucher berichtet von der Pilgerfahrt, die er 1479 mit seinem Ratskollegen Sebald Rieter ins Heilige Land unternahm, wie in einem Abenteuerroman: von der Entführung durch Terroristen zum Beispiel und seiner Gefangenschaft in einer Höhle.

Ein Grund, sich von einer Pilgerfahrt abhalten zu lassen, war dies freilich nicht. Das gilt nicht nur für das Christentum. Das Phänomen des Pilgerns ist in vielen Glaubensrichtungen zu finden. Muslime etwa sollen einmal im Leben nach Mekka reisen. Hadsch heißt die große Pilgerreise. Sie gehört als fünfte Säule des Islam zu den Lebensregeln der Religion. Hinduisten pilgern zu heiligen Flüssen oder heiligen Bergen. Auch hier spielt das Ziel die Hauptrolle. Anders im Buddhismus: Dort trifft das moderne Motto „Der Weg ist das Ziel“ durchaus häufig zu. Die buddhistische Pilgertradition konzentriert sich darauf, den Spuren Buddhas zu folgen und seinen Weg der Erleuchtung nachzuvollziehen. Stationen können dabei die Orte sein, an denen Buddha erleuchtet wurde oder ins Nirwana einging. Um diese Vielfalt an Pilgermotiven zu beleuchten, hat Herbers gemeinsam mit Hans-Christian Lehner, Wissenschaftler am Internationalen Kolleg für Geisteswissenschaftliche Forschung (IKGF) an der FAU, den Band „Unterwegs im Namen der Religion. Pilgern als Form von Kontingenzbewältigung und Zukunftssicherung in den Weltreligionen“ herausgegeben.

Pilgerwege für weniger Privilegierte

Pilgern ist kein rein christliches Phänomen, sondern in verschiedenen Glaubensrichtungen zu finden. Muslime beispielsweise sollen einmal im Leben nach Mekka reisen. (Bild: shutterstock.com/ Luca D´Addezio)

Wer aber sind die Menschen, die eine Pilgerreise antreten? Pilgern sei lange Zeit ein Phänomen der privilegierten Schichten gewesen, erklärt Herbers: „Ist es heute die Zeit, über die nicht jeder verfügt, so war es damals die Abkömmlichkeit.“ Das einfache Volk hatte eine Familie zu ernähren, einem Grund- oder Lehnsherrn seine Arbeitskraft zur Verfügung zu stellen. Wollten Hörige eine Pilgerreise antreten, musste mindestens der Grundherr zustimmen, vielleicht sogar seine Unterstützung zusagen. Auch waren körperliche Robustheit und die Fähigkeit, sich unterwegs notfalls zu wehren, eine Voraussetzung für eine erfolgreiche Pilgerfahrt.

Entsprechend waren die Pilger der damaligen Zeit sehr häufig Männer. Aber auch ganze Familien machten sich auf den Weg. Ein Motiv, das in einem historischen Unterhaltungsroman präsentiert wird, scheint Herbers dagegen wenig plausibel: Frauen, die allein den großen Weg nach Santiago oder ins Heilige Land antraten. „Dass Frauen ohne Begleitung pilgerten, ist kaum vorstellbar, gerade wegen der vielen Gefahren, die unterwegs lauerten“, sagt Herbers. Von einer berühmten Frau des Mittelalters allerdings sind Pilgerfahrten sehr wohl überliefert, wie der Erlanger Historiker bestätigt: In ihrem eigenen Buch „The Book of Margery Kempe“ schildert die englische Mystikerin ihre Reisen zu heiligen Stätten in Europa und Asien. Auch Deutschland hat sie auf ihren Fahrten besucht. Aber in ihrem Bericht mischen sich Fakt und Fiktion.

Wie jedoch sollten weniger privilegierte Gläubige das Heil erlangen? Auch sie wollten ihrem Gott Tribut zollen, selbst wenn eine lange Reise außerhalb ihrer Möglichkeiten lag. Der Kirche der damaligen Zeit war dieses Dilemma wohl bewusst. Nicht zuletzt deshalb entstanden in ganz Europa Wallfahrtsorte und Pilgerstätten, die von Gläubigen aus der Umgebung leicht zu erreichen waren. Mit einer solchen kleinen Pilgerfahrt konnten die weniger privilegierten Schichten ihr Seelenheil fördern. Die minimalste Form ist der Kreuzweg – ein Weg mit 14 Votiv-Stationen, die den Leidensweg Jesu zum Berg Golgota, seine Kreuzigung und Grablegung nachempfinden. Viele davon führten nicht einfach hinaus zu einer Wallfahrtskirche, häufig auf Hügeln erbaut, sondern auch mitten durch die Städte. Ein Zeugnis ist der Kreuzweg vom Dürerhaus an der Nürnberger Burg zum Johannisfriedhof im Westen der Stadt. Die zweite und dritte Station sind bis heute erhalten.

Pilgern als Zäsur

Pilgerfahrten dienten freilich nicht nur dem Seelenheil der Reisenden, sondern auch der eine oder andere Geschäftsmann am Weg profitierte von den Reisenden. So hatte die Pilgertradition einen positiven Nebeneffekt: Sie beschleunigte die Entwicklung der Gastronomie. Manche Autoren sehen darin gar die Anfänge des Massentourismus. Der Erlanger Historiker Herbers ist da vorsichtiger: „Tourismus ist eher ein modernes Konzept. Natürlich kennen wir auch Pilgerberichte, in denen von der Schönheit der Landschaft oder interessanten Orten und Menschen die Rede ist, die Pilger unterwegs kennengelernt haben.“ Eine Reise rein zum Vergnügen oder aus Wissensdurst sei eher bei Gelehrten thematisiert.

Hier unterscheiden sich die Pilgersleute von heute gar nicht mehr so sehr von denen im Mittelalter, glaubt Herbers. Denn: Touristen sind die Pilger des 21. Jahrhunderts nicht. Neben den Entschleunigern in der Midlife Crisis gehen vor allem junge Menschen den Jakobsweg. Sie machen heute etwa 60 bis 70 Prozent derer aus, die sich nach Ankunft in Santiago im Pilgerbüro melden. Viele sind direkt nach dem Abitur losmarschiert. Für sie markiert der Weg eine Zäsur im Leben, eine Art Übergangsritus zum Erwachsenenleben. Dies scheint ein Bedürfnis, das in den vergangenen Jahren zugenommen hat: Das Pilgerbüro in Santiago hat für das Jahr 2019 mit den genannten 344.828 Pilgern einen neuen Rekord gemeldet. Der dürfte – sieht man von einem Rückgang im Corona-Jahr 2020 ab – bald gebrochen sein.

Über die Autorin

Blandina Mangelkramer war viele Jahre als Journalistin und Kommunikatorin für Medien, Agenturen und Unternehmen tätig. Jetzt leitet sie die Stabsstelle Presse und Kommunikation an der FAU.


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