Ein Interview mit FAU-Kulturgeograf Prof. Dr. Georg Glasze
Der Begriff „digitale Souveränität“ prägt seit Mitte der 2010er-Jahre als Abkehr von der grenzenlosen Digitalutopie der 80er- und 90er-Jahre politische Debatten weltweit. Aber was bedeutet digitale Souveränität und wieso spielt sie geopolitisch zunehmend eine Rolle? Dieser Frage sind Forschende der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU) zusammen mit der französischen Forschungsgruppe „Geopolitics of the Datasphere“ nachgegangen. Ihre Erkenntnisse haben die Forschenden in dem Sammelband „Geopolitics of Digital Sovereignty“ veröffentlicht. Einer der Herausgeber des Sammelbandes, Prof. Dr. Georg Glasze, Inhaber des Lehrstuhls für Geographie (Kulturgeographie und Politische Geographie) und Teil des FAU Exzellenzclusters „Transforming Human Rights“, erklärt im Interview, was die sie herausgefunden haben, was hinter dem Begriff „digitale Souveränität“ steckt und warum diese alle Menschen etwas angeht.
Herr Prof. Glasze, was ist digitale Souveränität?
Digitale Souveränität ist in den vergangenen Jahren zu einem zentralen Schlagwort der Digitalpolitik geworden – und wird dabei durchaus unterschiedlich verstanden. Im Kern geht es um die Fähigkeit, im Kontext der digitalen Transformation selbstbestimmt zu handeln: also digitale Technologien, Daten und Infrastrukturen so zu gestalten und zu nutzen, dass politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Ziele eigenständig verfolgt werden können.
Und worum geht es in dem Sammelband?
Das Buch zeigt, dass digitale Souveränität kein festes Konzept ist, sondern ein umkämpftes politisches Leitmotiv – zwischen Kontrolle und Freiheit, Staat und Individuum, Demokratie und Autoritarismus. Es plädiert für eine kritisch-reflektierte Sichtweise: Digitale Souveränität ist immer eingebettet in Machtverhältnisse, Infrastrukturen und historische Erfahrungen. Nur wer diese Vielfalt versteht, kann digitale Politik demokratisch, sicher und zukunftsfähig gestalten.
Was ist das Ziel Ihres Buches – und warum ist das wichtig?
Unser Ziel war es, die globalen Debatten über digitale Souveränität erstmals vergleichend zusammenzuführen – über Disziplinen und Weltregionen hinweg. Das Buch zeigt, wie unterschiedlich das Konzept weltweit verstanden und umgesetzt wird, und wie stark es mit geopolitischen Interessen, territorialen Logiken und digitalen Infrastrukturen verwoben ist. Der Band macht sichtbar, dass digitale Souveränität immer in spezifischen historischen, politischen und räumlichen Kontexten entsteht – und dass sich daraus zentrale Fragen für Europas eigene digitale Zukunft ableiten lassen. Es soll Impulse geben, wie demokratische Gesellschaften im digitalen Zeitalter selbstbestimmt, verantwortungsvoll und resilient handeln können. Wir wollten deutlich machen, dass digitale Souveränität kein abstrakter Begriff ist, sondern in konkreten politischen und räumlichen Praktiken sichtbar wird.
Welche Rolle spielt die digitale Souveränität bei den sich gerade verändernden geopolitischen Gegebenheiten?
Digitale Souveränität ist zu einem zentralen Element geopolitischer Macht geworden. Wer über Daten, Plattformen und Netze verfügt, bestimmt zunehmend über wirtschaftliche und politische Abhängigkeiten. Der Ukrainekrieg, die Spannungen zwischen den USA und China oder die Debatten über künstliche Intelligenz zeigen: Digitale Infrastrukturen sind heute strategische Ressourcen – und damit Kerngegenstand globaler Rivalitäten.
Welche Unterschiede gibt es im regionalen Verständnis von digitaler Souveränität?
Das Verständnis ist weltweit sehr verschieden: In Europa steht meist der Schutz von Grundrechten im Vordergrund, zunehmend aber auch geoökonomische und geopolitische Fragen. In China oder Russland geht es vor allem um staatliche Kontrolle. In Indien oder im Iran wiederum ist digitale Souveränität eng mit dem Streben nach nationaler Unabhängigkeit verbunden. Diese Unterschiede haben viel mit politischen Systemen, historischen Erfahrungen und technologischen Abhängigkeiten zu tun.

Also ist digitale Souveränität nicht immer etwas Gutes?
Nicht automatisch. Das Leitbild der digitalen Souveränität kann demokratische Selbstbestimmung stärken – sie kann aber auch zu Kontrolle und Abschottung führen. Auch in Demokratien können sich unter diesem Schlagwort protektionistische, sicherheitspolitische oder technonationale Agenden verbergen. Das Konzept ist also nicht per se „gut“ oder „schlecht“, sondern ambivalent. Es kommt darauf an, wie und mit welchen Zielen es politisch umgesetzt wird.
Gibt es eine europäische beziehungsweise deutsch-französische Perspektive auf digitale Souveränität?
Ja, Deutschland und Frankreich haben das Thema früh gemeinsam auf die europäische Agenda gesetzt. Beide Länder verbinden mit digitaler Souveränität die Idee einer eigenständigen, demokratisch verfassten digitalen Ordnung, die technologische Unabhängigkeit mit gesellschaftlicher Verantwortung verbindet. Zugleich spielen zunehmend auch ökonomische, geoökonomische und – gerade in jüngerer Zeit – sicherheits- und geopolitische Überlegungen eine wichtige Rolle.
Worin unterscheidet sich diese Perspektive von der der anderen Akteure?
Lange Zeit setzten die USA auf offene Märkte und privatwirtschaftliche Innovation. Unter der zweiten Präsidentschaft Trumps agiert Washington jedoch deutlich imperialer – mit neuen Allianzen zwischen Big Tech und einer autoritär auftretenden Regierung. Diese Entwicklung schränkt Europas Handlungsspielräume erheblich ein. China verfolgt parallel eine stark staatlich gelenkte, machtpolitische Digitalstrategie. Europa steht also zwischen zwei zunehmend machtbewussten Digitalimperien.
Gibt es so etwas wie eine europäische oder nationale geopolitische Digitalstrategie?
Ja, zunehmend. Programme wie „Gaia-X“, die KI-Verordnung oder der „Digital Services Act“ sind Bausteine einer europäischen Digitalstrategie. Europa begreift digitale Technologien heute klar als geopolitisches Feld. Doch eine kohärente Gesamtstrategie entsteht erst allmählich und wird im Kontext neoimperialer Politiken in Trumps zweiter Amtszeit und der autoritären Regime in Russland und China zunehmend schwierig.
Inwieweit passen privatwirtschaftliche Entscheidungen, wie der Verkauf des deutschen Cloudanbieters Northern Data an Rumble, mit der Forderung nach mehr digitaler Souveränität zusammen? Müsste da die Politik nicht eingreifen?
Solche Fälle zeigen, wie verletzlich digitale Souveränität ist. Wenn zentrale Infrastruktur an ausländische oder politisch problematische Akteure übergeht, entstehen neue Abhängigkeiten. Politik muss hier klarer definieren, welche Infrastrukturen strategisch relevant sind, und Regelungen schaffen, die langfristige Handlungsfähigkeit sichern – ohne dabei Innovationsdynamik zu behindern.
Welche Rolle spielt denn die Digitalpolitik und inwiefern beeinflusst sie die „normale“ Politik?
Digitalpolitik ist heute Kern moderner Staatlichkeit. Sie betrifft Wirtschaft, Sicherheit, Bildung und Demokratie gleichermaßen. Entscheidungen über Plattformregulierung, künstliche Intelligenz oder Datenschutz haben unmittelbare Auswirkungen auf Freiheit, Wettbewerbsfähigkeit und gesellschaftlichen Zusammenhalt. Insofern ist Digitalpolitik längst kein Spezialthema mehr – sie ist die politische Arena des 21. Jahrhunderts.
Welche Tendenzen in der digitalen Politiklandschaft sind zu beobachten, und wie reagiert Europa darauf?
Die Tendenz geht durchaus zu mehr Regulierung und zum Versuch, technologische Abhängigkeiten zu verringern. Europa setzt dabei auf Werte wie Datenschutz, Transparenz und Fairness. Doch der geopolitische Kontext wird schwieriger: Sowohl die USA als auch China agieren zunehmend neo-imperial – Europa muss Wege finden, in diesem Umfeld seine Handlungsspielräume zu bewahren
Also eine Machtverschiebung im digitalen Raum? Wenn ja, was heißt das und wer sind die Protagonisten?
Wir erleben, dass große Digitalkonzerne wie Google, Amazon oder Plattformen wie TikTok zu globalen Machtakteuren geworden sind – teils mit größerem Einfluss als viele Staaten. Gleichzeitig entstehen neue Allianzen zwischen Regierungen und Tech-Unternehmen. Digitale Macht wird heute nicht nur territorial, sondern vor allem infrastrukturell ausgeübt – über Datenflüsse, Algorithmen und digitale Standards.
Wir sprechen also von Datenkolonialismus – was ist das und welchen Einfluss hat dieser auf die Geopolitik?
Datenkolonialismus beschreibt, dass einige wenige Konzerne – meist aus den USA – riesige Mengen an Daten kontrollieren und daraus wirtschaftliche und politische Macht ziehen. So entstehen neue Abhängigkeitsverhältnisse, ähnlich wie in früheren Rohstoffimperien. Für viele Länder, auch für Europa, ist das eine Herausforderung für ihre digitale Eigenständigkeit und Teil einer neuen globalen Arbeitsteilung im digitalen Kapitalismus.
Kann Europa selber Trends setzen oder bleibt es abhängig und Spielball anderer Mächte?
Europa ist in vielem noch abhängig, aber nicht machtlos. Mit seiner Regulierungskompetenz und seinem Binnenmarkt kann es globale Standards prägen – der sogenannte „Brussels Effect“. Diese Hoffnung war vor Trump 2 berechtigt, aktuell aber steht Europa vor der Aufgabe, einen robusteren Weg zu digitaler Souveränität zu entwickeln: einen, der sicherheitspolitisch unabhängiger von US-Anbietern wird. Denn die Allianzen zwischen US-Big-Tech und der Trump-Regierung richten sich zunehmend offensiv gegen eine eigenständige europäische Digitalpolitik.
Abschließend: Welche Rolle spielt der geografische Blick auf digitale Souveränität?
Ein geografischer Blick sensibilisiert erstens dafür, welche Raumkonzepte und Vorstellungen von Welt mit der Digitalisierung verknüpft werden. In den 90er-Jahren wurde die digitale Transformation häufig mit Ideen von Vernetzung, Entgrenzung und Entmaterialisierung verbunden. Inzwischen zeigt sich jedoch immer deutlicher, dass auch im Digitalen Grenzen gezogen, Einflusssphären abgesteckt und Machtverhältnisse neu territorialisiert werden. Zweitens macht Geografie sichtbar, dass digitale Macht immer konkret materiell-räumlich organisiert ist – über Kabel, Rechenzentren, Satelliten und Plattformstandorte. Drittens schärft sie den Blick für die unterschiedlichen politischen, kulturellen und ökonomischen Kontexte, in denen Digitalpolitiken entstehen. Diese Perspektive hilft zu verstehen, warum digitale Souveränität in Europa, China oder Indien jeweils ganz unterschiedlich verhandelt und umgesetzt wird.
Die Vorstellung des Sammelbandes und eine Podiumsdiskussion finden am 17.November, um 18.00 Uhr in der Orangerie, Erlangen statt.
Zur PodiumsdiskussionWeitere Informationen:
Prof. Dr. Georg Glasze
Lehrstuhl für Geographie (Kulturgeographie und Politische Geographie)
georg.glasze@fau.de
