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Modernisierte Station für Patienten mit Essstörungen – auch bei über 200 kg Körpergewicht

Nach der Modernisierung viel einladender: Mit freundlichen, hellen Farben und Bildern helfen die renovierten Räumlichkeiten der Station 22 der Psychosomatik bei der Genesung. (Bild: Uni-Klinikum Erlangen)

Die Station 22 der Psychosomatik ist optimal auf die Therapie von Essstörungen eingerichtet

„Wir haben jetzt eine modernere und hellere Station für alle Patienten mit Essstörungen, denen wir optimale Therapiebedingungen bieten“, freut sich die Leiterin der Psychosomatischen und Psychotherapeutischen Abteilung, Prof. Dr. (TR) Yesim Erim, des Universitätsklinikums Erlangen. Nach der Renovierung ihrer Station 22 können jetzt auch Patienten mit einem Gewicht von über 200 Kilogramm aufgenommen werden, die bisher in der Europäischen Metropolregion Nürnberg kaum einen Therapieplatz erhalten haben.

Die Station 22 der Psychosomatik, so erklärt Prof. Erim, sei besonders erfahren in der Therapie von Menschen, die an Essstörungen leiden und stationär behandelt werden. Neben den bekanntesten Störungen des Essverhaltens, der Anorexia nervosa (Magersucht) und der Bulimia nervosa (Ess-Brech-Sucht) ist in den vergangenen Jahren auch eine weitere Form der Essstörung in den Vordergrund gerückt: die sogenannte Binge-Eating-Störung – ungezügeltes Essverhalten, welches in der Mehrzahl der Fälle zu einer Adipositas (Fettsucht) führt.

Diese Patienten benötigen nicht nur eine fachkundige psychotherapeutische Behandlung, sondern bringen aufgrund ihrer Körperfülle auch weitere Anforderungen an ihren stationären Therapieplatz mit. „Die Unterbringung stark übergewichtiger Patienten stellt viele deutsche Kliniken vor ein Problem“, sagt Prof. Erim und hebt hervor: „Die Psychosomatik des Uni-Klinikums Erlangen hat im Rahmen einer Renovierung der Station 22 die richtigen Lösungen hierfür geschaffen.“

Perfekt angepasste Patientenzimmer

Zusammen mit der uniklinikumseigenen KlinikMedBau GmbH wurde die komplette Station mit allen Patientenzimmern, Bädern, Behandlungs- und Aufenthaltsräumen modernisiert und sehr ansprechend gestaltet. Auch die Fensterfronten wurden vergrößert. Ein fränkischer Künstler gestaltete die Gänge mit stilvollen Landschaftsbildern, sodass die Orte des Durchmarschierens zu Orten des Verweilens wurden. Auf den Balkonen kann entspannt und der Blick über die Stadt genossen werden.

Das Behandlungskonzept der Psychosomatik des Uni-Klinikums Erlangen umfasst bei der Therapie von Essstörungen nicht nur die Ansprache von Ess- und Sozialverhalten, sondern auch Kreativ- und Ausdrucksmöglichkeiten. Diese sollen das Verhältnis zum Körper und den eigenen Fähigkeiten verbessern. (Bild: Uni-Klinikum Erlangen)

Das Behandlungskonzept der Psychosomatik des Uni-Klinikums Erlangen umfasst bei der Therapie von Essstörungen nicht nur die Ansprache von Ess- und Sozialverhalten, sondern auch Kreativ- und Ausdrucksmöglichkeiten. Diese sollen das Verhältnis zum Körper und den eigenen Fähigkeiten verbessern. (Bild: Uni-Klinikum Erlangen)

Um den räumlichen Anforderungen für Menschen mit extrem hohem Körpergewicht gerecht zu werden, hat die Psychosomatik zwei Zimmer für Patienten mit über 200 Kilogramm Gewicht eingerichtet. Die Räume bieten ein vergrößertes Bad mit geräumiger Dusche sowie besonders robuste Betten. Die beiden Zimmer sind schwerbehindertengerecht ausgestattet, mit barrierefreien Türschwellen und unterstützenden Handgriffen im Bad. PD Dr. Georgios Paslakis, leitender Oberarzt der Station 22, erklärt: „Wir möchten, dass sich alle Patienten während ihres Aufenthalts bei uns so wohl wie möglich fühlen. Dazu gehört, dass wir uns konkret an ihre Bedürfnisse anpassen.“

Diagnoseübergreifende Behandlung

Obwohl manche Räumlichkeiten speziell auf adipöse Patienten zugeschnitten sind, werden in der Psychosomatik alle Formen von Essstörungen gemeinsam behandelt und der Alltag diagnoseübergreifend gestaltet. Betroffene mit Magersucht kommen auf diese Weise ins Gespräch mit Menschen, die zum Beispiel an einer Binge-Eating-Störung leiden. Denn trotz ihrer unterschiedlichen körperlichen Ausprägungen haben beide Krankheitsbilder doch eines gemeinsam: Ihre Patienten stehen in einem schwierigen Verhältnis zum eigenen Körper, das sie durch streng reglementierte oder völlig unkontrollierte Essgewohnheiten ausdrücken. „Unsere Patienten sollen von der Vielfalt untereinander lernen, Vorbehalte abbauen und erkennen, dass sie mit ihren Problemen nicht allein sind“, so Dr. Holmer Graap, leitender Psychologe der Station 22.

Fachleute im Umgang mit sich selbst

Ein multiprofessionelles Team, bestehend aus Ärzten, Psychologen, Gesundheits- und Krankenpflegern sowie Spezialtherapeuten stimmt die Therapie auf Grundlage neuester Forschungsergebnisse auf jeden einzelnen Patienten ab. Das Erlanger Behandlungskonzept bei Essstörungen fußt auf sechs Pfeilern: Erstens kochen und essen die Therapeuten zusammen mit ihren Patienten, um das Essverhalten zu normalisieren und ihnen gleichzeitig durch eine Mahlzeitenstruktur Halt zu geben. Zweitens verbessern Konfrontationstherapien das gestörte Verhältnis zum eigenen Körper. Um den Patienten die Vielfalt der eigenen Möglichkeiten aufzuzeigen sind zudem, als dritter und vierter Punkt, Bewegungs- und Kreativtherapien wichtig, um sich mit dem Körper wieder anzufreunden.

In der Therapie von Essstörungen sind Gespräche wichtig. Ob in der Gruppe oder allein mit dem Psychotherapeuten – die Patienten sollen sich aufgehoben, angehört und verstanden fühlen. (Bild: Uni-Klinikum Erlangen)

In der Therapie von Essstörungen sind Gespräche wichtig. Ob in der Gruppe oder allein mit dem Psychotherapeuten – die Patienten sollen sich aufgehoben, angehört und verstanden fühlen. (Bild: Uni-Klinikum Erlangen)

Gleichzeitig lernen Patienten durch körperbetonte und expressive Aktivitäten ungewohnte Sicht- und Reaktionsweisen auf Probleme kennen. Die Psychosomatik bietet dafür Yoga, Walking und sogar Bouldern an. Als fünftes Puzzleteil der Behandlung fördern Gruppensitzungen die wichtige soziale Komponente. Die Teilnehmer sollen hier einander Unterstützung geben, soziale Fähigkeiten ausprobieren und diese anschließend in den Alltag übertragen. Sechstens schaffen zwei Einzelpsychotherapiegespräche pro Woche intimere Möglichkeiten um sich zu äußern. Hier wird die Behandlung ganz individuell vertieft, vertraulich über aktuelle Gedanken und Sorgen, aber auch über Erfolge gesprochen. „Ziel der komplexen Behandlung ist es nicht nur, das vorliegende Krankheitsbild zu therapieren, sondern den Patienten gleichzeitig mit sich und seinen Erwartungen in Einklang zu bringen und ihn für sein Leben außerhalb der Station zu stärken“ sagt Dr. Graap. „Patienten werden so zu ‚Fachleuten im Umgang mit sich selbst‘ ausgebildet.“

Keine Angst vor dem neuen Leben!

Besonders wichtig sei ebenfalls, erklärt der Psychologe, dass Angehörige und Freunde schon während des stationären Aufenthalts in die Therapie einbezogen werden, damit die Patienten später in ein aufgeklärtes soziales Umfeld entlassen werden können. Hierzu wurde ein gesondertes Konzept entwickelt. Gleichzeitig bietet die Psychosomatik ein nachstationäres Gruppenangebot an, um mögliche Ängste vor dem Schritt in die ambulante Weiterbehandlung abzubauen. Die Gruppentreffen geben die Möglichkeit, Unterstützung bei der Umsetzung des stationär Erlernten im Alltag zu erhalten und bieten den ehemaligen Patienten eine Halt gebende soziale Anlaufstelle.

Psychosomatik hilft auch bei weiteren Störungsbildern

Neben Essstörungen hat sich die Erlanger Psychosomatik auch auf die Behandlung von Angst- und Panikstörungen, Zwangsstörungen, Persönlichkeitsstörungen, somatoforme (Schmerz-)Störungen, posttraumatische Belastungsstörungen, Impulskontrollstörungen wie die Kauf- oder Spielsucht, sowie Depressionen spezialisiert. Weitere Informationen auf der Website: www.psychosomatik.uk-erlangen.de.

Weitere Informationen:

PD Dr. Georgios Paslakis
Telefon: 09131 85-34898
georgios.paslakis@uk-erlangen.de

 

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