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„Dialekte fordern die Theoriebildung zum Sprachwandel heraus“

Prof. Dr. Sebastian Kürschner vom FAU-Lehrstuhl für Variationslinguistik und Sprachkontaktforschung. Bild: Bilderfürst Erlangen

FAU-Professor Dr. Sebastian Kürschner über die Bedeutung von Dialekten

Ob Baggers, Gwerch oder Broudwoschd: Fränkische Dialekte sind vom Hochdeutschen weit entfernt, Besucher verstehen meist nur Bahnhof. Auf der Bayerisch-österreichischen Dialektologentagung Ende September sind die verschiedenen Dialekte nun Objekt wissenschaftlicher Untersuchungen: Sprachwissenschaftlerinnen und Sprachwissenschaftler beschäftigen sich mit den Mundarten Bayerns und Österreichs sowie mit deutschen Dialekten in angrenzenden Regionen. Prof. Dr. Sebastian Kürschner von der Professur für Variationslinguistik und Sprachkontaktforschung an der FAU erklärt im Interview, warum diese Forschung wichtig ist und wie es um die Zukunft der Dialekte bestellt ist.

Dialekte werden bzw. wurden lange als weniger wert angesehen als die Hochsprache. Warum ist die Erforschung der Dialekte wichtig?

Viele Menschen nutzen im Alltag dialektal geprägte Sprache. Für uns Sprachforscherinnen und Sprachforscher ist die Untersuchung dieser alltäglichen Sprache genauso wichtig wie die der Standardsprache. Unter anderem wird untersucht, warum der Status von Dialekten häufig geringer ist als der der Standardsprache. Aber auch klassische Fragen der Sprachwissenschaft zu Grammatik und Lexik, also dem Wortschatz, der Dialekte sind interessant, da sich Dialekte schneller und freier entwickeln als die Standardsprache und so Einblicke in den „natürlichen“, von der Schriftlichkeit unabhängigen Sprachwandel geben.

Können Sie dafür Beispiele geben?

Immer wieder wird die Theorie aufgestellt, dass zwischen Singular und Plural am Substantiv unbedingt eine Differenz markiert werden muss. Das kann zum Beispiel durch Endungen geleistet werden wie in Ente – Enten, aber auch durch Änderung des Artikelworts, wie das Messer – die Messer. Bei Feminina ist der Artikel im Singular und Plural gleich – die Katze – die Katzen –, so dass die Differenz nur am Substantiv ausgedrückt werden kann, und das ist in der Standardsprache auch der Fall. Entgegen der Theorie hält sich aber in vielen bairischen und ostfränkischen Dialekten seit Jahrhunderten ein Zusammenfall von Singular- und Pluralform auch bei Feminina, wie in die Flaschen – die Flaschen. Dialekte fordern damit die Theoriebildung zum Sprachwandel heraus.

Über welche Themen werden Sie auf der Tagung diskutieren?

Neben solchen Fragen zum Sprachsystem werden auch Fragen zum Status von Dialekten und zu Sprachlagen, also dialektaler Sprache in standardnaher, regionaler oder für Einzelorte typischer Form besprochen. Der Schwerpunkt liegt bei methodischen Fragen, also wie dialektale Sprache erhoben, aufbereitet und ausgewertet werden kann. Thema sind die Dialekte Bayerns und Österreichs, die aber zum Beispiel auch bei Nachkommen von Auswanderern nach Brasilien untersucht werden.

Sie kommen selbst nicht aus Franken – wie ist es dazu gekommen, dass Sie den fränkischen Dialekt untersuchen?

In Erlangen wurde ein großes Projekt durchgeführt, aus dem der achtbändige Sprachatlas von Mittelfranken hervorgegangen ist, außerdem ist das Fränkische Wörterbuch an der FAU angesiedelt. Die große Menge an Daten aus beiden Projekten lässt sich unter neuen Fragestellungen bearbeiten, so dass mir Forschungsthemen zum Ostfränkischen mit der Professur in Erlangen quasi in den Schoß gefallen sind.

Besteht die Befürchtung, dass die Dialekte im deutschsprachigen Raum aussterben werden?

Diese Befürchtung besteht bei vielen Menschen. Die dialektologische Forschung der letzten Jahrzehnte hat gezeigt, dass ortstypische Merkmale immer mehr abgebaut werden, jedoch nicht unbedingt durch Merkmale einer überregionalen Standardsprache ausgetauscht werden, sondern durch regionale Merkmale, so dass dialektale Variation in Form von Regionalsprachen bestehen bleibt. Es kann jedoch auch passieren, dass die Anzahl an Sprecherinnen und Sprechern von Dialekt- oder Regionalsprachen rapide sinkt, wie es im norddeutschen Raum zu großen Teilen passiert ist – ohne Sprecherinnen und Sprechern geht ein Dialekt wirklich verloren. Regional geprägte Sprache wird aber wohl auch bei Abbau der Dialekte in Einzelorten immer bestehen bleiben.

Weitere Informationen:

Webseite zur Tagung

Prof. Dr. Sebastian Kürschner
Tel.: 09131/85-23093
sebastian.kuerschner@fau.de

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