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Wie eine neue Theorie unser Verständnis von Sprache revolutioniert

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Forschen im Linguistics Lab der FAU zusammen (v.l.): Prof. Dr. Thomas Herbst, Prof. Dr. Stefan Evert, Prof. Dr. Ewa Dabrowska. (Bild:FAU/Klotz/Dabrowska)

Im Linguistics Lab der FAU erforschen Sprachwissenschaftlerinnen und -wissenschaftler, wie Menschen Sprachen erlernen

Wie lernen wir Sprache? Lange galt die Theorie eines angeborenen Sprachvermögens. Eine neue Theorie stellt das nun in Frage. Im neugegründeten Linguistics Lab der FAU beschäftigen sich Prof. Ewa Dąbrowska und Prof. Thomas Herbst, Lehrstuhl für Anglistik, insbesondere Linguistik, mit der gebrauchsbasierten Konstruktionsgrammatik. Im Interview zusammen mit ihrem Kollegen Prof. Stefan Evert erklären sie, welche Auswirkungen die neue Theorie auf den Sprachunterricht haben könnte und wofür das Linguistics Labs gegründet wurde.

Sie arbeiten an einer neuen Sprachtheorie, der gebrauchsbasierten Konstruktionsgrammatik. Was beinhaltet diese Theorie?

Prof. Herbst: Die Konstruktionsgrammatik, die vor allem in den USA entwickelt wurde, geht davon aus, dass das sprachliche Wissen von Menschen im Gehirn in der Form eines multidimensionalen Netzwerks aus Form-Bedeutungs-Paaren, den Konstruktionen, gespeichert wird. Solche Konstruktionen können einzelne Wörter sein, aber auch abstrakte grammatische Strukturen.

Prof. Dąbrowska: Also zum Beispiel kann man im Deutschen die Konstruktion Subjekt-Verb-Objekt-Adjektiv verwenden, um zu sagen, dass eine Handlung zu einem bestimmten Ergebnis führt. Weil wir diese Konstruktion und ihre Bedeutung kennen, können wir Sätze wie Schmeck dich fit! oder Schmeck dich prickelnd!, wie sie in einer Bonbon-Werbung vorkamen, verstehen, auch wenn schmecken normalerweise nicht in dieser Konstruktion vorkommt.

Wovon ist die bisher dominante Theorie, die Universalgrammatik, ausgegangen?

Prof. Evert: Die Theorien von Noam Chomsky gehen von einer spezifischen genetischen Disposition aus, die Menschen in die Lage versetzt, Sprache bzw. Sprachen zu erwerben. Vereinfacht gesagt, stellt sich Chomsky vor, dass jedem Menschen Wissen darüber angeboren ist, welche Strukturoptionen in Sprachen vorkommen können. In seinem Modell werden Sätze aus einer zugrundeliegenden Tiefenstruktur über Regeln in eine sogenannte Oberflächenstruktur überführt.

Prof. Herbst: Dafür gibt es aber keine überzeugende Evidenz. Deshalb verfolgen wir in der Konstruktionsgrammatik einen what-you-see-is-what-you-get-Ansatz, das heißt, wir gehen davon aus, dass sich die Bedeutung eines Satzes direkt aus den Konstruktionen ergibt, aus denen er besteht.

Prof. Dąbrowska: Außerdem haben zahlreiche Experimente gezeigt, dass Kinder in der Lage sind, solche Form-Bedeutungs-Kombinationen zu lernen. Wenn man den konstruktionsgrammatischen Ansatz verfolgt, lernen Kinder Sprache, indem sie aus dem, was sie hören, eine große Zahl konstruktioneller Schemata abstrahieren und zu einem Netzwerk verbinden. Das ist über allgemeine kognitive Prozesse erklärbar, ohne dass dafür eine speziell sprachliche genetische Disposition postuliert werden müsste.

Die Konstruktionstheorie stellt den Stellenwert traditioneller Grammatikregeln in Frage. Inwiefern? Können Sie ein Beispiel geben?

Prof. Herbst:  Wenn Sie einen Satz wie Wir zwei waren ein halbes Jahr in England ins Englische mit We two were in England for half a year übersetzen, haben Sie keine einzige Grammatikregel verletzt. Trotzdem klingt der Satz hoffnungslos deutsch. Die Analyse von Korpora – das sind Sammlungen schriftlicher beziehungsweise mündlicher Äußerungen, die heutzutage mehrere hundert Millionen Wörter umfassen – versetzt uns in die Lage festzustellen, dass we two im Vergleich zu the two of us im Englischen extrem selten vorkommt. Gleiches gilt für half a year im Gegensatz zu six months. The two of us spent six months in Britain klingt also viel idiomatischer, und wir können auch sagen warum.

Prof. Dąbrowska: Sätze werden eben nicht so gebildet, dass man über Grammatikregeln eine Struktur erzeugt, in die man dann Wörter einsetzt. Vielmehr machen wir beim Sprechen bis zu einem sehr hohen Grad von vorgefertigten, gespeicherten Wortverbindungen Gebrauch.

Prof. Evert: Das ist übrigens ein Forschungsansatz, der in der Erlanger Fremdsprachenlinguistik eine sehr lange Tradition hat.

Was hat das für Auswirkungen auf den Fremdsprachenunterricht?

Prof. Herbst: Es wäre schön, wenn dieser Forschungsansatz Auswirkungen auf den Fremdsprachenunterricht hätte. Dazu müssten die Lehrpläne endlich dem Stand der Forschung angepasst werden. Im Moment sollen Schülerinnen und Schüler dem bayerischen Englischlehrplan zufolge so einen Unsinn lernen wie den Unterschied zwischen einem Partizip singing und einem Gerund singing, obwohl die großen wissenschaftlichen Grammatiken des Englischen diese Unterscheidung schon seit Jahrzehnten nicht mehr für gerechtfertigt halten. In den Lehrbüchern wäre zum Beispiel denkbar, die Trennung von Grammatik- und Wortschatzteil aufzugeben und Wörter viel stärker zusammen mit den Konstruktionen, in denen sie vorkommen, einzuführen. Aus konstruktionsgrammatischer Sicht sind natürlich vor allem auch immer wiederkehrende Wortverbindungen sehr wichtig, wobei man sagen muss, dass manche Schulbücher in dieser Hinsicht schon hervorragend sind.

Sie haben das FAU Linguistics Lab gegründet. Was erforschen Sie dort? Was ist das Besondere?

Prof. Evert: An der FAU wird in vielen Fächern über Sprache geforscht. Das Linguistics Lab soll eine Koordinationsstelle für alle Forschungsprojekte zum Thema Sprache bieten und den Austausch von Expertise in den verschiedenen Bereichen, die von den Neurowissenschaften bis zur maschinellen Datenverarbeitung reichen, an der FAU verstärken. Einen Schwerpunkt unserer Arbeit sehen wir in der Erforschung der Assoziationen, die zwischen Wörtern und Konstruktionen bestehen. Dabei interessiert uns zum Beispiel, inwieweit Unterschiede im sprachlichen Wissen einzelner Sprecherinnen und Sprecher mit ihren kognitiven Fähigkeiten in anderen Bereichen zusammenhängen. Dazu werden wir sowohl psychologische Tests als auch Korpusauswertungen durchführen. In diesem Zusammenhang beschäftigen wir uns aber auch mit der Entwicklung computergestützter Methoden zur automatischen Erstellung von Umgebungsprofilen von Wörtern.

Prof. Herbst: Letzteres geschieht auch mit der Perspektive, ein völlig neuartiges Nachschlagewerk für das Englische zu entwickeln, ein Konstruktikon, das die gesamte Bandbreite sprachlicher Konstruktionen abdeckt, also Lexikon und Grammatik in einem ist.

Prof. Dąbrowska: Außerdem dient das Linguistics Lab natürlich auch dazu, die linguistische Forschung der FAU in den internationalen Diskurs einzubinden, wie das auf der anlässlich der Gründung des Linguistics Lab im Oktober 2019 veranstalteten Tagung The Constructionist Challenge geschehen ist, bei der führende Fachvertreterinnen und Fachvertreter aus dem In- und Ausland an die FAU gekommen sind. Unser Ziel ist es, die FAU mit dem Linguistics Lab zu einem Zentrum linguistischer Forschung zu machen, von dem auch international bekannt ist, dass da etwas passiert.

Weitere Informationen:

Prof. Dr. Ewa Dąbrowska
Lehrstuhl für Language and Cognition
Tel.: 09131/85-29263
ewa.dabrowska@fau.de

Prof. Dr. Thomas Herbst
Lehrstuhl für Anglistik, insbesondere Linguistik
Tel.: 09131/85-22936
thomas.herbst@fau.de

Prof. Dr. Stefan Evert
Lehrstuhl für Korpus- und Computerlinguistik
Tel.: 09131/85-22426
stefan.evert@fau.de

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