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Substitution oder Abstinenz?

Spritze
Bild: Colourbox

Forschungsprojekt an der FAU untersucht, welche Therapieform für Inhaftierte besser geeignet ist

Mindestens sechs Prozent aller Inhaftierten in Deutschland sind von Heroin oder anderen Opioiden abhängig. Welche Behandlungsform ist für sie langfristig am besten: Substitution oder Abstinenz? Und wie wirkt sich die Behandlungsform auf das spätere Leben in Freiheit aus? Mit diesen Fragen befasst sich das Forschungsprojekt „Haft bei Opioidabhängigkeit – eine Evaluationsstudie (HOPE)“ an der FAU, das vom Bayerischen Justizministerium in Auftrag gegeben wurde.

Zahlreiche Studien belegen, dass sich der Ersatz von illegalen Opioiden mit Methadon oder Buprenorphin positiv auf Abhängige auswirkt: Die so behandelten Personen konsumieren im Durchschnitt weniger illegale Opioide, werden seltener straffällig, zeigen weniger gesundheitsschädliches Verhalten – wie zum Beispiel gemeinsame Spritzenbenutzung – und weisen bessere Überlebensraten auf. Deshalb wird die Substitutionstherapie nach den Richtlinien der Bundesärztekammer 2017 vor abstinenzbasierten Therapien als Behandlungsmethode für opioidabhängige Menschen empfohlen. Bisher ist jedoch unklar, ob dies auch für inhaftierte Abhängige gilt: Wegen der Besonderheiten der Haftbedingungen, wie eine bessere Gesundheitsversorgung und ständige Aufsicht, haben sie andere Voraussetzungen als Abhängige in Freiheit.

Welche Therapie ist für Inhaftierte besser: Abstinenz oder Substitution?

Ziel des Forschungsprojekts ist es nun, unterschiedliche Behandlungsarten von Opioidabhängigen während der Inhaftierung im bayerischen Strafvollzug zu evaluieren. Die Forscherinnen und Forscher um Prof. Dr. Mark Stemmler vom Lehrstuhl für Psychologische Diagnostik, Methodenlehre und Rechtspsychologie der FAU untersuchen einerseits, inwieweit die bisherigen Erkenntnisse zur Behandlung von Opioidabhängigen auf die spezifischen Bedingungen während der Haft übertragbar sind, welche Gefangenen von einer Substitutionsbehandlung profitieren sowie welche Dosierung und welcher Zeitraum für eine Substitutionsbehandlung sinnvoll erscheinen. Andererseits soll konkretisiert und empirisch geprüft werden, in welchen Fällen eine primär abstinenzorientierte Therapie aussichtsreich erscheint.

Befragung zu Befinden und Lebenssituation nach Haftentlassung

Dafür werden die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler opioidabhängige Inhaftierte im bayerischen Strafvollzug vor der Haftentlassung und mehrfach im ersten Jahr nach Haftentlassung ausführlich zu ihrem Befinden und ihrer Lebenssituation befragen. Start der Erhebungen ist für Anfang 2020 geplant, das Projekt läuft bis Ende 2022. Die Ergebnisse der Untersuchung sollen dazu beitragen, die Diskussion um die Substitutionsbehandlung von opioidabhängigen Gefangenen im bayerischen Justizvollzug zu versachlichen und die Entscheidungsfindung der Anstaltsärzte zu erleichtern.

Das Bayerische Justizministerium fördert die Evaluationsstudie mit über einer halben Million Euro. Koordiniert wird das Projekt von Dr. Maren Weiss vom Lehrstuhl für Psychologische Diagnostik, Methodenlehre und Rechtspsychologie der FAU, die das Projekt zusammen mit Dr. Johann Endres vom Kriminologischen Dienst des bayerischen Justizvollzugs umsetzen wird. Weitere Kooperationspartner sind die Abteilung Suchtforschung im Bezirksklinikum der Universität Regensburg sowie die AG Drogen- und Suchtpolitik im bayerischen Justizvollzug.

Weitere Informationen zu dem Projekt gibt es auf der Webseite des Lehrstuhls.

Weitere Informationen

Prof. Dr. Mark Stemmler
Tel.: 09131/85-64020
mark.stemmler@fau.de

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