Unser Gegenüber verstehen

Zwei Menschen sitzen auf einer Mauer.
Durch Zusammenleben und Kennenlernen fallen uns Unterschiede und Gemeinsamkeiten auf, die zu akzeptieren wir lernen müssen. Um die eigenen Vorurteile zu hinterfragen, ist Selbstreflexion auf allen Seiten notwendig. (Bild: cendhika/shutterstock)

Interview mit Prof. Dr. Mathias Rohe

Prof. Dr. Mathias Rohe, Lehrstuhl für Bürgerliches Recht, ist nicht nur Rechts-, sondern auch Islamwissenschaftler. Zuletzt wurde er in den Expertenkreis Muslimfeindlichkeit aufgenommen. Ein Gespräch über Extremismen, Unbekanntes und Verstehen lernen.

Lieber Herr Prof. Rohe, was erforschen Sie gerade?

Ich versuche die „Guten“ zu finden und zu stärken. Dahinter steckt ein Projekt, in dem wir kriminelle Strukturen in bestimmten Großfamilien untersuchen. Wir versuchen Menschen außerhalb dieser Strukturen in Großfamilien zu identifizieren, die Brückenbauerinnen und Brückenbauer sein können. Außerdem bereite ich einen ERC-Antrag vor. Dort möchte ich mich eingehender mit der Rechtsstaatsvermittlung beschäftigen, also wie können wir in der Gesamtgesellschaft die Grundlagen des Rechtsstaates so vermitteln, dass sich Menschen grundsätzlich damit identifizieren können. Hinzu kommt natürlich meine Arbeit in den beiden beratenden Expertenkreisen zur Muslimfeindlichkeit und Politischem Islam.

Sie sind in den Expertenkreis Muslimenfeindlichkeit berufen worden. Was ist dieser Expertenkreis?

Das Bundesinnenministerium hat mit der Einberufung des Expertenkreises auf evidente Probleme reagiert. Muslimfeindlichkeit ist ein verbreitetes Phänomen. Es gibt starke Vorurteile, was für die Betroffenen wiederum zu großen Nachteilen im Alltagsleben führt. Wir versuchen nun konkrete Vorschläge auf wissenschaftlicher Basis zu erarbeiten, wie man solchen Phänomenen und Vorurteilen entgegenwirken kann. Der Expertenkreis ist sehr heterogen zusammengesetzt.

Was ist ihr Beitrag als Rechtswissenschaftler?

Ich bin Rechts- und Islamwissenschaftler zugleich. Neben den juristischen, kann ich kulturwissenschaftliche Aspekte mit einbringen. Denn es ist wichtig, dass wir uns die Vielfalt muslimischer Standpunkte vor Augen halten. So lässt sich eine solide Faktenbasis schaffen, aufgrund derer sich Empfehlungen erarbeiten lassen.

Prof. Dr. Mathias Rohe sitzt in einem Büro.

Der Rechts- und Islamwissenschaftler Prof. Dr. Mathias Rohe lehrt und forscht am Fachbereich Rechtswissenschaften der FAU. (Foto: FAU/Boris Mijat)

Sie sind auch Teil der Dokumentationsstelle Politscher Islam. Was ist diese Dokumentationsstelle? Und wie sieht Ihr Beitrag hier aus?

Dort bin ich Mitglied im international aufgestellten wissenschaftlichen Beirat. Die Dokumentationsstelle wurde auf Initiative der österreichischen Regierung eingerichtet, aber als unabhängige Institution. Sie soll sich mit den Problemen befassen, die mit dem noch sehr unscharfen gefassten Begriff des Politischen Islam beschrieben werden.

Ist die Mitgliedschaft in diesen beiden Einrichtungen nicht ein Widerspruch in sich?

In beiden Gremien mitzuwirken halte ich für komplementär. Denn wir müssen uns gegen Extremismen im Ganzen wenden, weshalb wir sie auch zusammen denken müssen. Jede Ausrichtung hat ihre Eigenarten, aber sie haben ebenso viele Gemeinsamkeiten: verschworenes Gruppendenken, Ausgrenzungen Andersdenkender und ein Alleingültigkeitsanspruch. Deshalb müssen wir gesellschaftliche Probleme, wo es sie gibt, klar benennen. Aber im Gegenzug müssen wir auch klarmachen, was in einem demokratischen Rechtsstaat nicht problematisch ist; auch wenn manches der Mehrheit vielleicht suspekt erscheinen mag.

Was ist der politische Islam?

Bisher wurde diese Ideologie im weitesten Sinne als Islamismus bezeichnet. Es handelt sich dabei um eine religiöse Ideologie, die einen politischen Herrschaftsanspruch für sich reklamiert und sich insofern also auch gegen unsere freiheitlich demokratische Grundordnung stellt. Der Begriff des Politischen Islams ist aber noch nicht ganz klar definiert und wird deshalb auch kontrovers diskutiert.

Traditionalistische Muslime und politischer Islam. Wo ist da der Unterschied?

Es gibt Menschen, die im Traditionalismus verhaftet sind. So etwas gibt es in allen Religionen, beispielsweise Amische. Das mag skurril erscheinen, aber das darf man tun. Genauso gibt es Haltungen, die man kritisieren darf, wie zum Beispiel ein patriarchalisches Geschlechterbild. Solange es anderen, einschließlich der eigenen Familie, nicht aufgezwungen wird, ist es dennoch zulässig, so zu leben.

Im Gegensatz dazu wird mit dem sogenannten Politischem Islam durch politischen oder sozialen Druck versucht, in bestimmten Milieus die eigenen fundamentalistischen Ansichten durchzusetzen. Beispielsweise vor einiger Zeit die sogenannte Scharia-Polizei. Wenn da Typen herumlaufen und Zettelchen verteilen, dann schütteln viele nur den Kopf. In bestimmten Milieus kann das aber bedrohlich sein, zum Beispiel für einen aus einem repressiven System wie dem Iran geflohenen Menschen. Man spricht hier vom „legalistischen Islamismus“, da sich vieles hier noch unter der Schwelle des Rechtsverstoßes bewegt, aber schon problematisch ist, da dadurch manche ihre Lebenskonzepte nicht mehr frei leben können. Da sind Staat und Gesellschaft herausgefordert, das nötige Maß an Freiheit durchzusetzen.

Wie groß ist der Einfluss dieser Ideologie auf die muslimischen Communities?

Insgesamt gesehen recht gering. Allerdings scheint ihr Einfluss in den letzten Jahren insbesondere bei jungen Menschen gestiegen zu sein, was auf das Internet und auf Social Media zurückzuführen ist. Dort stoßen junge Menschen, die sich zu religiösen Fragen informieren wollen, dann schnell auf islamistische Webseiten und Foren. Wie groß dieser Einfluss genau ist, können wir aber nicht genau sagen, da hier noch weitere Untersuchungen notwendig sind.

Um den Einfluss der Extremisten jedoch möglichst gering zu halten, müssen wir Gegenangebote machen, in denen sich die jungen Menschen wohl fühlen. Je weniger Menschen Diskriminierungserfahrungen gemacht haben, desto weniger anfällig werden sie für Radikalisierungsversuche. Schlagwort Scharia: Der Begriff sorgt bei vielen Nichtmuslimen für Unbehagen.

Was ist die Scharia?

Scharia wird in der Vielfalt und der Weite des Begriffs häufig missverstanden. Eigentlich umfasst die Scharia die gesamte islamische Normenlehre, also rechtliche, aber auch religiöse, ethische und moralische Aspekte. Dabei geht nicht nur um die Normenlehre als solche, sondern auch um die Zugänge dazu: Wie werden Normen gefunden und interpretiert, wie ist der Koran zu lesen und wie zu interpretieren? Es gibt aber auch einen engen Begriff von Scharia, der bei Extremisten und vor allem in den Köpfen von Nichtmuslimen und -musliminen vorhanden ist. Das sind auch die Problemzonen: Geschlechterungleichheit, die Kalifatsherrschaft oder archaische Körperstrafen. Dies ist ein Teil der Vergangenheit islamischer Normenlehre, in manchen Staaten aber auch noch Teil der Gegenwart.

Die große Mehrheit der Muslime versteht darunter aber nicht diese – aus ihrer Sicht veralteten – Dinge, sondern vielmehr Gebet, Fasten, Rücksicht auf andere und generell: wie werde ich ein guter Mensch?

Welche Bedeutung hat die Scharia für die muslimischen Communities in Deutschland?

Ich denke, es wird gemeinhin überschätzt, welche Bedeutung die Scharia für viele Gläubige hat. Die meisten leben ihren Glauben nicht schriftorientiert. Es wird am ehesten noch zu Ramadan gefastet, aber das ist ja auch ein großes soziales Event. Aber ansonsten, wer betet denn fünfmal am Tag, selbst in der islamischen Welt? Der Glaube ist letztlich nur ein Teil der eigenen Identität.

Womit wir beim nächsten Problem sind: Muslime werden seit 9/11 nur noch unter dem Blickwinkel ihrer Religion betrachtet. Man versucht Leben und Verhalten nur noch von der Religion her zu erklären. Und dann sind wir zugespitzt plötzlich beim „muslimischen Schwarzfahren“. Es käme dagegen ja auch niemand auf die Idee von „christlichem Scheckbetrug“ zu sprechen. Wir geben der Religion damit mehr Macht, als sie eigentlich hat.

Gibt es innerhalb der muslimischen Communities unterschiedliche Auffassungen, wie stark Religion das Leben beeinflussen soll?

Wir sehen in den letzten 40 Jahren ein Revival bestimmter Formen religiösen Lebens in der muslimischen Welt, wie zum Beispiel das Tragen eines Kopftuchs. Das hat unterschiedliche Gründe: zum Teil ist es ein religiöses Revival, zum Teil aber eine Reaktion darauf, nur als Muslimin gesehen zu werden. Allerdings ist auch ein äußerst unheilvoller Einfluss Saudi-Arabiens und anderer zu beobachten, die mit viel Geld versuchen, den Islam auf ihre intolerante Auslegung zu trimmen. Ich höre Klagen in Sarajewo, Kuala Lumpur oder Ottawa gleichermaßen; überall wird moderaten oder liberalen Muslimen das Wasser abgegraben, und selbst traditionell-fromme Muslime stehen in manchen Ländern unter massivem Druck. Deswegen bin ich auch so vorsichtig mit dem Begriff „orthodox“, also wenn jemand behauptet, er sei im Besitz der wahren Lehre, wie es die Saudis gerne für sich reklamieren. Letztlich sind das nämlich nur Extremtraditionalisten.

Wie können wir für mehr Verständnis sorgen?

Wir haben schon viel gute Normalität, die viel zu häufig nicht gesehen wird. Aber aus breit angelegten Studien wissen wir, dass je mehr sich die Leute begegnen und kennenlernen, desto mehr nehmen Spannungen ab, man löst sich von dem oft vorurteilsbehafteten „wir und die anderen“-Denken. Ich will nicht behaupten, dass Zusammenleben und Kennenlernen alle Konflikte löst, manchmal entstehen sie dadurch erst. Aber dennoch fallen so Gemeinsamkeiten auf und auch Unterschiede, die zu akzeptieren wir lernen müssen. Es ist dabei aber für alle Seiten Selbstreflexion notwendig, um die eigenen Vorurteile zu hinterfragen. Und zu guter Letzt ist es wichtig, dass wir fair miteinander umgehen.


Cover alexanderDer aktuelle alexander hat unter anderem folgende Themen: Ausgrenzung und Extremismus überwinden, eine App um Geschichte nacherleben zu können, 5G-Technologie, unsere neue Humboldt-Professorin, Studi-Start-ups und Uni-Start-up-Programme, ein Senkrechtstarter und unseren neuen FAU-Ambassador.

FAU-Magazin alexander Nr. 115 (April 2021)

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