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Dr. Mike Sinding

Dr. Mike Sinding. (Bild: Melissa Sinding)

Dr. Mike Sinding. (Bild: Melissa Sinding)

Der Kanadier Dr. Mike Sinding war von 2015 bis 2017 Fellow am ELINAS, dem Erlanger Zentrum für Literatur und Naturwissenschaft, wo er an seinem Forschungsprojekt „Genre Dynamics and Functions: Blending, Framing and Worldview“ arbeitete. In seiner Forschung beschäftigt sich Dr. Sinding mit der Beschreibung von Erkenntnismodellen der Tragödie und der Komödie, mit ihren Mischformen und mit ihrer Rolle bei der Gestaltung von politischen Diskursen.

Über ELINAS

Die Physik und Literatur repräsentieren zwei diametral entgegengesetzte Weisen der Weltanschauung. In Kombination könnten sie ein produktives Potential entfalten. Das interdisziplinäre Forschungszentrum ELINAS hat zum Ziel eine institutionalisierte Infrastruktur für eine Forschung zu schaffen, die sich dem gegenseitigen Wissensaustausch zwischen der Physik und der Literatur widmet. Das Zentrum beschäftigt sich unter anderem mit der Wichtigkeit von Sprache und Metaphern in der physikalischen Forschung wie auch mit der diskursiven und narrativen Modulation wissenschaftlicher Theorien in literarischen Texten.

Dr. Sinding, warum haben Sie sich für die FAU und ELINAS entschieden, um an Ihrem Projekt „Genre Dynamics and Functions: Blending, Framing and Worldview“ zu arbeiten?

ELINAS ist ein einmaliges Forschungszentrum an der FAU, eines, das sich der Förderung von Kooperationen zwischen Literaturwissenschaftlern und Naturwissenschaftlern widmet. Die Leiter Klaus Mecke und Aura Heydenreich haben eine Postdoktorandenstelle ausgeschrieben, um sich Unterstützung für ihre Arbeit zu holen. Auf der ELINAS-Internetseite sah ich, dass sie vor allem daran interessiert waren, Formen der Erkenntnis in den Geistes- und Naturwissenschaften zu vergleichen und zu verbinden. Zudem interessierten sie sich besonders für Gattungen, Erzählung, Metaphern und Weltmodelle als potentielle Brücken zwischen den Geistes- und Naturwissenschaften. Ich hatte für einige Jahre genau zu diesen Themen geforscht, aus diesem Grund erschien es mir als ideales Umfeld, um meine Arbeit weiter zu entwickeln.

Könnten Sie Ihr Forschungsprojekt kurz beschreiben?

Mich interessiert, wie sich Gattungen vermischen, manchmal auf sehr komplexe Art und Weise, um bemerkenswerte neue Texte oder manchmal sogar neue Gattungen hervorzubringen. Das ist der „Vermischungs“-Teil des Projekts. Literaturhistoriker sagen, dass Cervantes den Roman „erfunden“ hat, indem er die Gattung der Ritterdichtung – faszinierende Geschichten von Ritterabenteuern – mit der Gattung der Schelmenerzählung – draufgängerische Geschichten von Gaunern, die lernen im Moloch einer Stadt zu überleben – in Don Quixote verschmolzen hat. Das Thema der Gattungsverschmelzung gibt es innerhalb der Literaturwissenschaften schon lange. Aber es gibt nur wenige Versuche, Gattungsvermischungen im Detail und auf eine systematische Art zu untersuchen. Ich beabsichtige das zu tun, indem ich eine Auswahl an Texten, die eine Mischgattung aufweisen, analysiere. Dafür benutze ich einen analytischen Rahmen, der aus der Kognitionswissenschaft stammt, nämlich Cenceptual Blending (konzeptionelle Mischung). Nach einer näheren Betrachtung von Gattungsvermischungen in der Literatur fing ich an, die Tatsache, dass literarische Gattungen nicht durch ihre Funktion definiert werden – wie es bei extra-literarische Gattungen häufig der Fall ist – neu in Betracht zu ziehen.

Durch was werden literarische Gattungen dann definiert?

Der Zweck einer Geburtstagskarte ist es, jemandem Geburtstagsgrüße zu schicken. Aus diesem Grund ist die gesamte Gestaltung der „Gattung Geburtstagskarte“ auf diese Funktion ausgerichtet. Literatur ist nicht so instrumental wie eine Karte. Ein Sonett oder ein Theaterstück können viele Funktionen haben, die für verschiedene Menschen vielleicht unterschiedlich sein können. Außerdem ist ein literarischer Text nicht unbedingt „fertig“ wenn man ihn einmal gelesen hat. Aber eine zentrale Funktion, die Literatur hat, ist die Erschaffung von Fantasiewelten und Weltanschauungen und die Gattung ist eine der Hauptquellen für das literarische Weltenmachen. Breit angelegte literarische Gattungen wie die Komödie oder Tragödie werden oft durch bestimmte Gefühle und die Handlung definiert.  Ihre Geschichten sind darauf ausgerichtet, bestimmte Stimmungen zu erzeugen. Auch moralische Weltbilder oder Standpunkte kann man als komisch, tragisch, etc. beschreiben. Solche Geschichten und Stimmungen werden häufig in politischen Diskursen benutzt, um Menschen davon zu überzeugen politische Ansichten, Linien und Parteien zu unterstützen und zu akzeptieren.

Können Sie uns ein Beispiel für solche Erzählungen nennen?

Partisanen beispielsweise werden die idealen Gemeinschaften, die sie realisieren möchten, immer mit komischen Begriffen „einrahmen“, und die anti-idealen Gemeinschaften, die sie verhindern möchten, mit tragischen Begriffen beschreiben. Denken Sie an Obamas charakteristische, für eine Komödie typische Stimmung der Hoffnung und Aussöhnung und im Gegensatz dazu Trumps typisches tragisches Gefühl von Katastrophe und Kulturkampf und die darin implizierten politischen Richtlinien. Ich untersuche, wie dieses Phänomen in einigen frühen Texten der modernen westlichen Politik funktioniert.

Was hat Ihr Interesse an der Vermischung von Gattungen und an dem Einfluss dieser Vermischungen auf die Bildung von Weltanschauungen geweckt?

Mein Interesse an diesen Themen reicht weit zurück, bis zu meiner Dissertation über eine bestimmte Gattung, nämlich der Menippischen Satire, auch „Anatomie“ genannt. Sie ist eine Form der philosophischen Satire, die zu griechischen Schreibern zurückverfolgt werden kann, und die den frühen Roman stark beeinflusst hat. Die bekanntesten englischen Autoren, die diese Gattung benutzt haben, waren Jonathan Swift und Lawrence Sterne. Es gab bereits viele Untersuchungen zur Menippischen Satire, zum Roman, zu bestimmten Autoren und Texten und zur Gattungstheorie. Sie schienen sich irgendwie sicher zu sein, dass Gattungen sowohl existieren als auch nicht wirklich existieren beziehungsweise nicht zufriedenstellend definiert werden können – da die meisten Gattungen so unterschiedliche Texte beinhalten und sich im Laufe der Zeit verändern und in andere Gattungen übergehen. Und dennoch gibt es sie. Margaret Atwood sagte einmal, dass Gattungen aus der Ferne stabil wirken, aber, wenn man genauer hinschaut, dann ist es, als ob man versucht einen Pudding an die Wand zu nageln. Ich war also von der Menippischen Satire selbst fasziniert, die einige der brillantesten, anspruchsvollsten und witzigsten Bücher enthält die ich jemals gelesen habe – wie James Joyce Ulysses. Zudem faszinierten mich diese beängstigenden theoretischen Fragen darüber, was Gattungen sind und wie sie funktionieren. Diese Fragen brachten mich schließlich dazu zu Kategorien, Konzepten und Erkenntnis zu forschen und ich habe das benutzt, um einige ziemlich befriedigende Antworten auszuarbeiten.

Sie arbeiten mit Mark Turners und Gilles Fauconniers Theorie der konzeptionellen Mischung. Worum geht es in dieser Theorie?

Die Theorie der konzeptionellen Mischung ist eine Theorie darüber, wie kreatives Denken funktioniert, die in der Linguistik und den Kognitionswissenschaften beheimatet ist. Tatsächlich hat diese Theorie eine breite Betrachtungsweise zu Kreativität. Aus diesem Grund thematisiert sie viele Ebenen mentaler Komplexität in den unterschiedlichsten Bereichen wie der Alltagssprache, Literatur, Musik, den Bildenden Künsten, Mathematik und den Wissenschaften. Während Turner und Fauconnier Vermischung als einen „Mechanismus der Kreativität“ beschrieben haben, hat Vermischung grundsätzlich tiefgreifende Konsequenzen für die Art und Weise wie wir denken. Turner und Fauconnier analysieren wichtige Formen des Denkens wie die Metapher, kontrafaktisches Denken (e.g. „Wenn ich du wäre, würde ich…“), Ironie, Erzählungen und vieles mehr. Für Turner und Fauconnier sind sie alle auf der Basis von tiefergehenden Prinzipien miteinander verwandt statt grundlegend verschiedene Prozesse zu sein. Deswegen vergleichen sie diese vielen Beispiele miteinander um den Grundsatz, wie Konzepte im Detail gestaltet, miteinander verbunden und manipuliert werden, zu beschreiben. Viele andere haben die Vermischungstheorie aufgegriffen, mit ihr gearbeitet und sie erweitert. Ich benutze sie für meine Untersuchungen von Gattungsvermischungen und finde sie sehr hilfreich.

Sie analysieren Edmund Burkes Reflections on the Revolution in France und Thomas Paines Rights of Man. Warum haben Sie sich für diese Bücher entschieden?

Sie waren die Haupttexte in der sogenannten “French Revolution Debate” in den 1790ern in England. Diese Debatte war ein sehr langer und erbitterter „Flugblattkrieg“ darüber, was die Französische Revolution bedeutete und ob England sie wahrnehmen oder meiden sollte. Die Bücher gelten als Gründungstexte der modernen Ideologien des Konservatismus – Burke – und des Liberalismus – Paine. Ein Historiker sagte einmal, dass die Revolution Debate „die Ursprünge der modernen Politik“ darstelle. Es gibt viele Varianten dieser Ideologien und in mancher Hinsicht erinnern ihre gegenwärtigen Inkarnationen in keinster Weise an Burke oder Paine. Aber es gibt wichtige Kontinuitäten. Sehr kurz gesagt war Burke konservativ, weil er gegen die Revolution war, und Paine liberal, weil er die Revolution unterstütze. Für Burke war die Revolution das Schlimmste, das jemals passiert war auf dieser Welt, eine Art Absturz in eine Dystopie oder die Hölle. Paine hingegen sah in der Revolution das Beste, was jemals passiert war, ein Aufstieg in einen utopischen oder paradiesischen Zustand. In den vergangenen Jahren wurden Versuche unternommen die unterschiedlichen Psychologien von Konservatismus und Liberalismus zu beschreiben. Aber bislang haben sich diese Bemühungen auf jüngste amerikanische Wahlkampagnen konzentriert, statt sich diese bedeutenden Texte näher anzuschauen, die sich an der historischen Wurzel dieser psycho-politischen Trennung befinden. Sowohl Burke als auch Paine sind mächtige und faszinierende Autoren. Ich untersuche im Detail wie sie Metaphern und erzählerische Gattungen in ihren Texten benutzen, um ihre Weltanschauungen zu konstruieren.

Wie empfanden Sie die Zusammenarbeit der Forschenden an der FAU?

Ich finde die Zusammenarbeit an der FAU ist sehr angenehm und beeindruckend. Ich habe noch nie diese Art von Austausch und Kollaboration zwischen den Geistes- und Naturwissenschaften, wie sie im gesamten ELINAS-Netzwerk zu finden ist, gesehen. Hier unterhalten sich Physiker, Mathematiker und Neurobiologen mit Literaturwissenschaftlern über gemeinsame Anliegen. Jeder interessiert sich dafür, wie die anderen denken und was sie machen und es gibt einen regen Austausch. Sie schaffen etwas, das sie eine „interdiskursive Zone“ nennen, in der die Naturwissenschaften und die Literaturwissenschaften miteinander verbunden werden. Die interdisziplinäre Zusammenarbeit ist eine Herausforderung aber gleichzeitig auch sehr bereichernd.

Was würden Sie Studierenden oder jungen Wissenschaftlern sagen, die darüber nachdenken, ihren Auslandsaufenthalt an der FAU zu verbringen?

Für Wissenschaftler, die an Literatur und Naturwissenschaft interessiert sind, ist ELINAS wunderbar. Wo sonst kann man Kurse zu „Physik für Geisteswissenschaftler“ und „Geschichte für Physiker“ besuchen und ausgezeichnete Naturwissenschaftler, die auch Autoren sind, beziehungsweise Autoren mit tiefgehenden naturwissenschaftlichen Kenntnissen wie Lavinia Greenlaw oder Raoul Schrott treffen oder Vorlesungen und Konferenzen mit führenden Literatur- oder Naturwissenschaftsexperten aus der ganzen Welt besuchen? Für Studierende aus Nordamerika könnte es eine angenehme Überraschung sein, wie sehr Deutschland Forschung grundsätzlich unterstützt. Es gibt die DFG (Deutsche Forschungsgesellschaft), aber auch die Alexander von Humboldt-Stiftung, die Volkswagen-Stiftung, die Max-Planck-Institute und viele andere Organisationen. Lokale Zeitungen und Magazine berichten über aktuelle Forschung. Und die FAU ist ein guter Ort um anzufangen. Es gibt viele internationale Studierende und das FAU Welcome Center ist eine fantastische Anlaufstelle für Besucher aus der ganzen Welt. Die Leute dort sind sehr freundlich und sehr hilfsbereit bei der Organisation des Aufenthalts, bei der Eingewöhnung und bei jeder Frage, die sich auftut. So etwas habe ich an anderen Universitäten noch nicht gesehen.

Was waren Ihre ersten und nachfolgenden Eindrücke der Region um Erlangen und Nürnberg?

Wir stellen fest, dass Erlangen eine interessante Mischung aus dem französischen und dem bayerischen Stil ist. Wir kamen im April an, sodass die Bergkirchweih einer unserer ersten Eindrücke war. Das war wie eine Art bayerisches Boot Camp, ein intensives Eintauchen in die Festivalkultur, da unser Gästehaus genau gegenüber dem Festivalgelände lag. Während der ersten paar Tage war es noch lustig, aber die Feierlichkeiten waren laut und unermüdlich und nach 10 Tagen hofften wie nie wieder „Ein Prosit“ zu hören. Aber die gesamte Region hat eine bemerkenswerte Geschichte und Kultur. Erlangen ist eine schöne Stadt zum Leben, ohne die Ausgaben und die Menschenmassen einer großen Stadt. Und wir schätzen mittlerweile, wie gut sie gelegen ist. Wenn man das Bedürfnis nach etwas kosmopolitischem Eintauchen hat, dann sind Nürnberg, München und Regensburg nicht weit weg. Man kann mit dem Bus in vier Stunden in Prag sein. Meine Familie und Freunde in Kanada können das gar nicht glauben.

Gibt es ein Highlight oder eine Erfahrung während Ihres Aufenthalts, an die Sie sich immer wieder gerne erinnern werden?

Die Bergkirchweih war auf jeden Fall denkwürdig. Der erste Workshop, den wir mit der Gruppe hatten, war in jeglicher Hinsicht unvergesslich. Zwei Gastprofessoren – Bruce Clarke von der Texas Tech University, USA und Dirk Vanderbeke von der Universität Jena – verbrachten vier Tage damit, uns durch eine Untersuchung zu den narrativen Qualitäten eines sehr ambitionierten Science-Fiction-Romans zu führen, nämlich Stanislaw Lem´s Fiasco. Der Workshop fand an der Dr. Karl Remeis-Sternwarte in Bamberg statt – eine wunderbare Location – und ungefähr die Hälfte der insgesamt 15 Teilnehmer waren Astronomen, während die andere Hälfte Literaturwissenschaftler waren. Dadurch war es ein sehr interessantes Zusammentreffen von Hintergründen und Denkstilen. Das war der Zeitpunkt, an dem ich wirklich anfing die Gruppe kennenzulernen und ihr Potential zu sehen.

Was sind Ihre Lieblingsorte an der FAU und in Erlangen beziehungsweise in Nürnberg?

An der FAU gibt es einige hervorragende Orte um sich zu treffen. Ich denke da an die Orangerie, die sich direkt im Schlossgarten befindet, und den Schlossplatz sowie die Alte Bibliothek. Auch die Sternwarte in Bamberg ist sehr besonders. Sie befindet sich auf dem Gipfel eines Hügels in der Altstadt, mit einer Panoramaaussicht auf die Stadt. Nebenan befindet sich eine Art Villa, ein Astronomiemuseum, ein Biergarten und die Astronomen haben einen beeindruckenden Garten geschaffen. Und am Universitätsgästehaus haben wir den Entla´s Keller liebgewonnen, den wunderbaren Biergarten auf der anderen Straßenseite. Es ist ein schöner Platz, um bei einem Bier draußen zwischen den Bäumen und den Laternen zu sitzen und etwas zu essen.

Interview: Christina Dworak (März 2017)

Über Dr. Mike Sinding:

Von 1998 bis 2003 arbeitete Dr. Sinding an der McMaster University, Kanada, an seiner Dissertation mit dem Titel The Mind’s Kinds: Cognitive Rhetoric, Literary Genre, and Menippean Satire. 2003 wurde er ebendort promoviert. Seit dem führten diverse Forschungsaufenthalte Dr. Sinding hauptsächlich nach Deutschland. Von 2007 bis 2009 forschte er, gefördert durch ein Stipendium der Alexander von Humboldt-Stiftung, an der Universität Gießen, wo er von dem renommierten Anglisten und Literaturwissenschaftler Prof. Dr. Ansgar Nünning betreut wurde. Im Rahmen eines Marie Curie Intra-European Fellowship war Dr. Sinding von 2011 bis 2013 Fellow am Metaphor Lab der Vrije Universiteit Amsterdam. 2014 kehrte er für einen erneuten Forschungsaufenthalt mit Unterstützung der Humboldt-Stiftung nach Deutschland zurück, und zwar an die Universität von Osnabrück. Außerdem war er von 2010 bis 2011 Vorsitzender der Executive Committee of the Modern Language Association (MLA) Discussion Group “Cognitive Approaches to Literature” und moderierte im Juni 2015 unter anderem den ELINAS-Workshop “Science, Narrative, and Stanisław Lem’s Fiasco”.