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Le dernier cri

Illustration: shutterstock.com/jakkapan; 3d brained; Valentin Valkov; DK Arts; volkova natalia; mylisa

Gibt es immer neue Innovationen?

Ohne Innovationen kein wirtschaftlicher Erfolg. Doch woher stammen die Ideen für Produkte und Anwendungen? Und bedeutet es das Ende für etablierte Technologien, wenn neue nachrücken?

von Matthias Münch

Des Deutschen liebstes Kind ist das Auto – und die Automobilindustrie einer der wichtigsten Wirtschaftszweige in unserem Land: Rund zwei Millionen Menschen arbeiten in den Werken von Mercedes-Benz, Volkswagen oder BMW, in Zuliefererbetrieben, Autohäusern und Werkstätten. Über ein Jahrhundert lang galten deutsche Autobauer als Treiber technischer Innovationen – sie entwickelten den ersten Verbrennungsmotor, das erste Antiblockiersystem, den ersten Airbag. Geht es jedoch um neue Antriebs- und Mobilitätskonzepte, sieht die Sache anders aus. Innovationen im Bereich der Elektromobilität beispielsweise kommen heute überwiegend aus Japan und den USA.

Dem Anwender ist die Technologie oft egal

Warum tut sich eine Branche so schwer damit, neue Wege zu gehen? „Die Trägheit der Größe spielt sicher eine wichtige Rolle“, sagt Kai-Ingo Voigt. „Die deutschen Autobauer haben viele Milliarden Euro in konventionelle Technologien investiert. Sie waren damit lange Zeit sehr erfolgreich, laufen nun aber Gefahr, den Anschluss zu verlieren.“ Voigt ist Professor für Betriebswirtschaftslehre und Industrielles Management an der FAU. Er untersucht, wie aus Erfindungen Technologien werden, wie daraus marktfähige Produkte entstehen, die ältere Produkte verdrängen, bevor sie ihrerseits von den nächsten Innovationen abgelöst werden. Dabei müsse man, so Voigt, grundsätzlich zwischen Technologien und Anwendungen unterscheiden: „Ein gutes Beispiel dafür ist die Musikbranche. Grammophon, Plattenspieler, Kassettenrekorder, CD- und MP3-Player oder aktuell das Streaming spiegeln die technische Entwicklung eines ganzen Jahrhunderts. Letztlich aber geht es dem Konsumenten nicht um das Gerät, sondern darum, Musik zu hören.“

Alles auf eine Technologie auszurichten, kann den Ruin bedeuten. Das ist zum Beispiel dem amerikanischen Konzern Kodak passiert. Die Erfinder des Fotofilms hatten zu lange auf die analoge Fotografie vertraut und wurden von der Digitalisierung überrollt. 130 Jahre nach Firmengründung musste Kodak 2012 Insolvenz anmelden. Nicht nur dieser Fall hat Unternehmen sensibler werden lassen, was das Technologiemanagement angeht: Wer Produkte erfolgreich vermarkten will, braucht Zugang zu Innovationen. „Diesen Zugang können Entwicklungsabteilungen im eigenen Hause schaffen, aber innovative Ideen entstehen häufig auch außerhalb der Unternehmen“, sagt Kai-Ingo Voigt. Er befürwortet deshalb die Beteiligung an Innovationsfonds, Inkubatoren oder Start-ups. Der ZOLLHOF in Nürnberg ist ein gutes Beispiel dafür. Hier treffen Firmen wie adidas, Schaeffler oder Siemens auf Firmengründer aus dem universitären Umfeld. Voigt: „Das Potenzial einer Idee ist nicht immer sofort zu erkennen. Aber Unternehmen müssen bereit sein, Neues auszuprobieren und Wagniskapital bereitzustellen, auch wenn sie damit sich und ihre Produkte infrage stellen.“

Nutzer sind wichtige Innovatoren

Dass Unternehmen darauf bedacht sind, ihre Marktstellung zu erhalten und ihren wirtschaftlichen Erfolg zu sichern, macht sie zu einem wichtigen Innovationstreiber. Dennoch sind viele Dinge, die wir heute selbstverständlich nutzen, ursprünglich nicht von Unternehmen erfunden und entwickelt worden. Konservendosen samt Dosenöffner gehören dazu, Bubble Gum oder das Snowboard. Und auch das Automobil wurde einst nicht mit dem Ziel entwickelt, damit eine gigantische Industrie zu begründen. „Schon immer haben Menschen sich Dinge oder Dienstleistungen gewünscht und gebastelt, die sie so am Markt nicht finden konnten“, sagt Kathrin M. Möslein, Professorin für Wirtschaftsinformatik, Innovation und Wertschöpfung an der FAU. „Derartige Nutzerinnovationen sind ein extrem wichtiger und doch lange Zeit kaum beachteter Teil des Innovationsgeschehens.“

Die Motivationen, Neues zu erdenken und zu entwickeln, sind vielfältig. Oft steckt Neugier dahinter, manchmal Langeweile, zum Teil aber auch Not: Für Menschen mit seltenen Erkrankungen beispielsweise gibt es nur wenige Spezialisten, und für Unternehmen ist die Erforschung solcher Leiden kommerziell nicht attraktiv. Die Betroffenen beginnen dann selbst damit, Lösungen zu entwickeln. Wie Tal Golesworthy: Der 57-jährige Brite ist am Marfan-Syndrom erkrankt, einer unheilbaren Bindegewebserkrankung, die früher oder später auch die Hauptschlagader des Herzens zerstört. Da kein Arzt ihm helfen konnte, entwickelte der Ingenieur eine Manschette aus Kunststoff und ließ sie sich einsetzen – seit 15 Jahren führt er damit ein vergleichsweise normales Leben und hat mit seiner Idee viele andere Betroffene vor einem frühen Tod bewahrt.

Interessanterweise aber zählt Neues, das unabhängig von Unternehmen erfunden und entwickelt wird, nach den Maßstäben der OECD nicht als Innovation. „Wenn wir heute nationale Statistiken zur Innovationsstärke lesen, beziehen sich diese auf das in Forschungslaboren und Unternehmensorganisatoren entwickelte, zumeist patentierte und in der Folge kommerzialisierte Neue in unserer Welt“, sagt Kathrin Möslein. „Was Nutzer und Bürger, Erfinder und Entwickler hervorbringen, ist nach Definition und vorherrschender Meinung keine Innovation.“ Doch es ist Änderung in Sicht. Noch in diesem Jahr erweitert die OECD ihre Definition von Innovation auch auf Innovationen von Herstellern, Innovationen von Haushalten und Innovationen der öffentlichen Hand. Für Innovatoren, die Innovationsforschung und Innovationspraxis kommt das einer Revolution gleich. Möslein: „Damit ist die Kommerzialisierung nicht mehr das zentrale Kriterium für Innovation, zumal längst große Teile volkswirtschaftlicher Wertschöpfung auf Innovationen beruhen, die aus Haushalten oder der öffentlichen Hand stammen.“

MP3 – endet die Erfolgsgeschichte?

Über mangelnde Sichtbarkeit ihrer Entwicklungen können die Wissenschaftler am Fraunhofer-Institut für Integrierte Schaltungen (IIS) nicht klagen – jedenfalls wenn es um das MP3-Format geht, die größte Innovation, die das Institut hervorgebracht hat. Allerdings ist MP3 auch ein prominentes Beispiel dafür, dass bahnbrechende Innovationen auch von Begleitumständen abhängig sind: Als man 1987 im Rahmen des EU-Projekts EUREKA mit den Arbeiten am Fraunhofer-IIS und an der FAU begann, ging es vorrangig um die Entwicklung einer Technologie zur Codierung von Audiodaten für das digitale Radio. Schon früh hatte das Entwicklerteam aber auch den Musikvertrieb über das Internet als wichtige Anwendung für MP3 im Blick. „MP3 war die technisch beste Lösung für die Reduktion von Musikdaten, aber das hat nicht zum Durchbruch gereicht“, erzählt Jürgen Herre, Professor für Audiocodierung an der FAU, der maßgeblich an der MP3-Entwicklung am IIS beteiligt war. „Der breite Siegeszug begann erst durch das Zusammenwirken mit dem leistungsstärker gewordenen PC und dem neu entstandenen Internet.“

MP3 war nur der Anfang: Neue Formate der Audiocodierung beschäftigen sich unter anderem mit 3D-Sound im Streaming. (Bild: Fraunhofer IIS/Kurt Fuchs)

MP3 ist nicht nur eine Technologie, sondern auch ein kulturelles Phänomen: Durch MP3 hat sich die Musik von physischen Datenträgern wie Kassetten oder CDs gelöst und befeuerte die Idee der Personal Music. „Via Download oder Streaming wurde Musik plötzlich weltweit verschickbar“, sagt Herre. „Diese Dinge sind für uns heute selbstverständlich – damals waren sie das keineswegs.“ Der große Erfolg von MP3 beflügelte die Forscher am IIS, die Technologie der Audiocodierung rasch weiterzuentwickeln: Fünf Jahre nach der Standardisierung des MP3-Formats folgte das Advanced Audio Coding, kurz: AAC, das bei geringerer Datenmenge eine höhere Klangqualität erreicht. Die dritte Generation, das HE-AAC-Format, revolutionierte durch noch niedrigere Bitraten das Live-Streaming von Musik. Der Welterfolg von MP3 konnte mit den beiden folgenden Generationen wiederholt werden, die heute ebenfalls in so gut wie allen Geräten der Unterhaltungselektronik, in Computern und Mobiltelefonen im Einsatz sind. Und die Entwicklung neuer Formate geht weiter: Heute beschäftigen sich die Erlanger Wissenschaftler beispielsweise mit der Qualität der Mobiltelefonie, der Übertragung von 3D-Sound im Streaming oder mit der individuellen Regelung von Hintergrundgeräuschen.

Doch auch wenn inzwischen an der vierten Generation der Audiocodierung gearbeitet wird, bedeutet das keineswegs das Ende des MP3-Formats: „Geschätzt gibt es weltweit rund zehn Milliarden Geräte, die MP3 oder AAC verarbeiten. Außerdem existieren mehrere Billionen MP3-Bitströme, eine enorme Menge an digitaler Musik, die von ihren Benutzern sicher nicht einfach weggeworfen wird“, sagt Jürgen Herre. „MP3 bleibt also auf längere Zeit die gemeinsame Sprache der Unterhaltungselektronik.“ Bleibt die Frage, ob der voranschreitende Breitbandausbau des Internets die Komprimierung von Audiodateien in absehbarer Zeit überflüssig machen könnte. Herre sieht das nicht so: „In der Realität tritt genau das Gegenteil ein: Je mehr Bandbreite verfügbar ist, desto mehr Dienste und Programme werden über diese Netze angeboten. Damit wird die Audio- und Video-Codierung genauso benötigt wie zuvor.“

 


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Dieser Artikel erschien zuerst in unserem Forschungsmagazin friedrich. Die aktuelle Ausgabe beschäftigt sich mit dem Thema Ende in all seinen Formen: Welche davon sind unausweichlich? Wie setzen sich Menschen damit auseinander? Und was bedeuten sie für den einzelnen? Und ist das, was Menschen als Ende definieren wirklich der Schlusspunkt? Manchmal verändern sich Dinge nur, entwickeln sich weiter, es entsteht etwas Neues. Mitunter ist das Ende aber auch gar kein Thema: Der Mensch strebt nach Unendlichkeit. Können wir diesen Begriff überhaupt verstehen? Ist Innovation unendlich? Und leben wir unendlich weiter – im Internet?

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