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Die digitale Wunderkammer

Vier Objekte aus FAU-Sammlungen freigestellt in einer virtuellen Umgebung
Die digitale Wunderkammer der FAU stellt die Sammlungen der Universität in einer Datenbank zur Verfügung. (Bild: Uwe Niklas)

Modelle, Organismen, Mineralien: Schon immer werden an Universitäten Objekte für die Forschung gesammelt. Waren sie zeitweise vergessen, werden sie inzwischen wieder für Forschung und Lehre aufbereitet. An der FAU werden sie nun fürs digitale Zeitalter fit gemacht.

von Ilona Hörath

Die „digitale Wunderkammer“ der Universitätssammlungen an der FAU ist auf den Weg gebracht. In einer Zeit, in der sich die Digitalisierung Bahn bricht, um auf allen gesellschaftlichen Ebenen Umwälzungen herbeizuführen, hat Udo Andraschke ein Forschungsprojekt mit Sogwirkung initiiert. „Nach mehr als 275 Jahren FAU ist das Projekt ,Objekte im Netzʻ der erste umfassende Versuch, unsere Sammlungen systematisch zu erfassen“, sagt der FAU-Kustos. Mit der Erschließungs- und Digitalisierungsstrategie verfolgt die FAU ein großes Ziel: Wissen über ihre mehr als 25 Sammlungen bereitzustellen und die digitalen Objektbestände miteinander zu vernetzen.

Doch der Reihe nach. Die Sammlungen der Universität repräsentieren zahlreiche Forschungsgebiete, die das breite Fächerspektrum facettenreich widerspiegeln. Gegenüber klassischen Museen dienen Universitätssammlungen jedoch meist dem Einsatz in Forschung und Lehre. Der breiten Öffentlichkeit sind all die Schätze, die oft in Depots und Magazinen schlummern, also weitestgehend unbekannt. Der erste Schritt, die Sammlungen sichtbarer zu machen, wurde bereits 2007 getan: „Ausgepackt“ lautete der Titel einer erfolgreichen Ausstellung im Erlanger Stadtmuseum – Publikum und Medien waren begeistert von den ausgewählten Exponaten. „Das war ein Fanal für die hiesige Sammlungslandschaft und weit darüber hinaus“, sagt Andraschke. Zudem rief die FAU 2011 als eine der ersten Universitäten in Deutschland eine zentrale Kustodie ins Leben, um die Sammlungsbestände generell zu bewahren, zu sichern und ans Licht zu holen – seitdem wacht Udo Andraschke penibel über die hiesigen „Dingwelten“. Zu seinen Aufgaben gehört es auch, die Erfassung und Digitalisierung der Bestände voranzutreiben: Dies sei eine grundlegende Voraussetzung, um sie möglichst effektiv in Forschung und Lehre einsetzen zu können.

Detailaufnahme Hackbrett

Ein Hackbrett aus der Musikinstrumenten-Sammlung der FAU. (Bild: Uwe Niklas)

Nicht gesucht, aber gefunden

Eine antike Keramik abfotografieren und einige wenige Informationen über sie in eine Excel-Tabelle eintippen, das war gestern. „Nun werden die Objekte in einer virtuellen Forschungsumgebung erfasst, die so erhobenen Daten um weitere Informationen angereichert und alle Daten miteinander verknüpft“, erklärt Udo Andraschke. Ein Webportal führt die digitalen Objektbestände schließlich sammlungsübergreifend zusammen, es entsteht ein virtuelles Schau-Depot mit Hunderttausenden digitaler Zwillinge. „Die Digitalisierung ist eine große Chance, die Zugänglichkeit und Sichtbarkeit unserer Sammlungen zu erhöhen“, sagt der Wissenschaftshistoriker, der in Erlangen und Regensburg studierte. Das Projekt „Objekte im Netz“ startete im März 2017, das BMBF fördert das Vorhaben bis Februar 2020 mit rund 550.000 Euro. Realisiert wird es mit tatkräftiger Unterstützung eines Projektteams aus zwei wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen sowie acht studentischen Hilfskräften.

„Unser System muss nicht nur eine gezielte fachgerichtete Suche gewährleisten, sondern auch Seitenblicke ermöglichen“, erläutert der Kustos. „Die Nutzerinnen und Nutzer sollen auch finden, wonach sie womöglich gar nicht gesucht haben. Unsere virtuelle Forschungsumgebung soll also – wie jede reale Sammlung auch – produktive und im besten Falle erkenntnisfördernde ‚Verfehlungen‘ ermöglichen“, sagt Andraschke. „Das gemeinsame Portal soll aber auch ganz schlicht zum digitalen Flanieren zwischen unseren wunderbaren Beständen einladen.“ Der Kustos plant also keine triviale Datenbank, sondern ein „digitales Depot“, das zugleich Denk- und Diskursraum ist und verschiedene Möglichkeiten der Sammlungsexploration anbietet. „In der universitären Sammlungslandschaft sind wir damit nahezu solitär. Daher rührt sicherlich auch das bundesweite Interesse an unserem Vorhaben.“

Bronzestier

Der Bronzestier gehört zur Ur- und Frühzeitgeschichtlichen Sammlung der FAU. (Bild: Uwe Niklas)

Das Projekt „Objekte im Netz“

Die FAU verfügt insgesamt über mehr als 20 Sammlungen. Im Projekt „Objekte im Netz“ konzentrieren sich Udo Andraschke und sein Team zunächst auf sechs ausgewählte: Die Musikinstrumenten-Sammlung umfasst rund 90 Instrumente, die inzwischen in Räumen der Würzburger Residenz untergebracht ist. In der Schulgeschichtlichen Sammlung finden sich circa 180.000 Spickzettel, Schulhefte, Zeugnisse, Schreibgeräte, Schulmöbel, Lernmaterialien etc. – eine der bundesweit größten ihrer Art. Im Magazin der Ur- und Frühgeschichtlichen Sammlung befinden sich neben bedeutenden Einzelfunden von der Steinzeit bis ins Mittelalter die kompletten Fundinventare wichtiger Grabungen zur Altsteinzeit in Bayern. Die jüngste Sammlung der FAU, die Medizinische Sammlung, gegründet im Jahr 2000, dient der dreidimensionalen Dokumentation der Erlanger Universitätsmedizin. Die Graphische Sammlung beherbergt unter anderem Zeichnungen von Albrecht Dürer, Hans Holbein d. Ä., Albrecht Altdorfer und ist in ihrem künstlerischen Wert vergleichbar mit Sammlungen in Paris, Wien, Berlin oder New York. Die Paläontologische Sammlung gehört zu den geowissenschaftlichen Sammlungen der FAU. Ihr Schwerpunkt liegt auf Fossilmaterial aus süddeutschen Lokalitäten. Auf unserer Webseite finden Sie Informationen zu einzelnen FAU-Sammlungen.

„Die Sammlungen haben ein enormes kreatives Potenzial“, weiß Andraschke. „Uns treibt dabei vor allem die Relevanz der Sammlungen für Forschung und Lehre an.“ Auch das im Projekt entstehende Wissen selbst – etwa Informatikkenntnisse über die Datenmodellierung – werde, so der umtriebige 44-Jährige, für die Forschung verfügbar gemacht und fließt bereits seit einigen Semestern in die Lehre der Studiengänge Digital Humanities und Museologie an der FAU ein. Zum Beispiel auch in Form eines kritischen Dialogs über die Herausforderungen, Hindernisse und Folgen der Digitalisierung für die Sammlungspraxis und die sammlungsbezogene Forschung. Ein ideales Forum dafür ist unter anderem das 2014 gegründete Interdisziplinäre Zentrum für digitale Geistes- und Sozialwissenschaften (IZdigital), das zu den Projektpartnern gehört. Nicht ganz uneigennützig soll gleichzeitig aber auch Nachwuchs für Kustodien mit Digitalisierungs-Know-how herangezogen werden. Mithilfe der virtuellen Forschungsumgebung werden außerdem neue Nutzergruppen erschlossen – Laien genauso wie Expertinnen und Experten.

Besser vernetzt

Alleine stemmt die FAU das Projekt nicht. Als engen Kooperationspartner hat Udo Andraschke das Germanische Nationalmuseum Nürnberg (GNM) als größtes kulturhistorisches Museum des deutschen Sprachraums gewinnen können. „Die Abteilung Kulturinformatik des GNM ist exzellent und steuert ganz maßgeblich den technischen Input sowie das Fachwissen im Bereich internationaler Dokumentationsstandards und -formate bei.“

Detailaufnahme Höhlenbärschädel

In der Paläontologischen Sammlung befinden sich auch mehrere Schädel von Höhlenbären (Bild: Uwe Niklas)

Dass die Innovation in der Arbeit mit vernetzten Daten liegt, weiß Andraschke zu begründen. „Wer aus Daten neue Erkenntnisse ziehen will, muss sie verknüpfen. Aus der damit möglichen Recherche und Analyse ergeben sich nicht selten neue Forschungsfragen und erhebliche Erkenntnispotenziale.“ Darüber hinaus ist die Vernetzung mit anderen Portalen wie der „Europeana“, einer virtuellen Bibliothek, und weiteren wichtigen Fachportalen geplant. „Damit werden die Bestände der FAU weltweit verfügbar sein.“

Bis jetzt hat das Team um Udo Andraschke einige zehntausend Objekte digitalisiert. Er ist sich längst im Klaren drüber, was auf die FAU zukommt: „Wir werden noch eine ganze Weile damit beschäftigt sein.“ Schließlich geht es um mehr als eine Million Objekte von teils „unikaler und exzeptioneller Bedeutung“, die ihren Weg ins Netz finden sollen.

Über die Autorin

Ilona Hörath studierte Theaterwissenschaften, Germanistik und Philosophie und lebt als Autorin und Journalistin in Erlangen. Seit mehr als 20 Jahren arbeitet sie für regionale und überregionale Publikums- und Fachmedien, darunter Bayerischer Rundfunk, Nürnberger Nachrichten, VDI Nachrichten und Technology Review.


FAU-Forschungsmagazin friedrich

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