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Mit Geisteswissenschaften einen common ground schaffen

Prof. Dr. Elisabeth Bronfen wurde durch den Vizepräsidenten Research, Prof. Dr. Günther Leugering, auf dem Dies Academicus 2019 zur FAU-Botschafterin ernannt. (Bild: FAU/Kurt Fuchs)

Die Geisteswissenschaften werden immer wichtiger

Sie ist eine der renommiertesten Anglistinnen weltweit und eine leidenschaftliche Fürsprecherin der geisteswissenschaftlichen Forschung und für Frauen in der Wissenschaft: die neue FAU-Botschafterin Prof. Dr. Elisabeth Bronfen.

Nein, sie wollte nicht schon immer Wissenschaftlerin werden, sondern hat als Schauspielerin angefangen. „Dann hat mich die Liebe für Literatur und die philosophischen Fragen, welche diese aufwirft, gepackt und ich entdeckte den Reiz des analytischen Denkens und Schreibens“, erzählt Elisabeth Bronfen. Zum Glück hat sie diese Liebe nicht mehr losgelassen, denn sonst hätte Elisabeth Bronfen niemals ihre erstklassige Habilitationsschrift „Over Her Dead Body. Death, Femininity and the Aesthetic“ verfasst, die auch nach 25 Jahren zu den Standardwerken in den Gender Studies gehört und in der Elisabeth Bronfen die schöne, weibliche Leiche, die Verknüpfung von Tod und Weiblichkeit im kulturellen Imaginären unter die Lupe nimmt. Vor allem aber wäre sie vermutlich nicht zu der Kämpferin für die Geisteswissenschaften und für Frauen in der Forschung geworden, die sie heute immer noch ist.

 „Alteingesessene Strukturen lassen sich nur sehr langsam wirklich verändern“

Elisabeth Bronfen gehörte in den 1980er Jahren zur ersten Generation von Studentinnen und Doktorandinnen, die bei den vorwiegend männlichen Professoren dafür sorgten, dass auch Autorinnen auf die Lektürelisten gesetzt wurden. Denn Frauen in der Literatur, Kunst, im Theater oder Film – das gab es im damaligen Kanon nicht. „Als ich Anfang der 1990er Jahre meinen Ruf an die Universität Zürich bekam, war ich in der Philsophischen Fakultät die einzige Frau unter 40“, berichtet Elisabeth Bronfen. Seitdem habe sich zwar viel getan, dennoch bleibe die Frage, wie der anspruchsvolle Beruf der Wissenschaftlerin mit dem der Familienverpflichtungen zu vereinbaren sei. Zudem passiert es Elisabeth Bronfen heute noch, dass sie die einzige Frau bei einer Podiumsdiskussion ist. Wenn sie dann ihr Teilnahme absagen muss und sie gefragt wird, ob sie nicht eine andere Frau kenne, die teilnehmen könnte, dann ist sie verärgert: „Ich dachte, die wollten mich als mich, und nicht mich als Frau. Das finde ich schwierig.“ Genau wegen solcher Vorfälle setzt sich Elisabeth Bronfen weiterhin dafür ein, dass der Beitrag von Frauen für die Wissenschaft wahrgenommen und gewürdigt wird.

Prof. Dr. Elisabeth Bronfen ist Professorin für Anglistik an der Universität Zürich. Für sie sind Geisteswissenschaften wichtig, um Antworten auf die Fragen und Probleme unserer Zeit zu finden. (Bild:Linda Nicholas)

Analytisches Denken jenseits von ökonomischen Gewinndenken

Elisabeth Bronfen ist aber nicht nur eine Frau, sondern auch Geisteswissenschaftlerin und als solche verteidigt sie ihre Disziplin vehement gegenüber Kritik von außen. Diese Kritik hat in den letzten Jahren zugenommen, vor allem in populistischen und nationalkonservativen Kreisen. In einigen Ländern wie Ungarn müssen insbesondere die Gender Studies um ihren Fortbestand fürchten. Elisabeth Bronfen hält die Fokussierung auf eine rein datenbasierte, positivistische Forschung jedoch für eine Fehlkalkulation: „Geisteswissenschaft heißt für mich, sich mit unserer Kulturgeschichte auseinanderzusetzen, mit literarischen, philosophischen und künstlerischen Werken, die uns nicht nur verstehen lassen, wie wir zu dem geworden sind, was wir sind. In ihnen lassen sich auch Antworten finden für die Probleme die sich unserer Kultur stellen.“ Dieses analytische Denken jenseits vom ökonomischen Gewinndenken ist es, was für Elisabeth Bronfen die geisteswissenschaftliche Forschung so wertvoll und für die Gesellschaft relevant macht. Natürlich bräuchte man auch Forschung, die im klassischen Sinne Geld bringt, aber: „Vor allem in den sozialen Medien ziehen sich die Menschen zunehmend in ihre eigenen Wissensblasen zurück, künstliche Bots greifen in Diskussionen ein, manipulieren diese zum Teil. Fake News sind auf dem Vormarsch. Der öffentliche Raum geht verloren. Die Geisteswissenschaften können hier dazu beitragen, wieder einen common ground, eine gemeinsame Basis für Diskussionen und Austausch, zu schaffen.“

„Ein Kochbuch wollte ich schon sehr lange schreiben“

Eine Basis für Diskussionen bietet auch das Thema Kochen. Und bei Elisabeth Bronfen hat das auch nichts mit klassischen Rollenbildern oder dem „Heimchen am Herd“ zu tun. Im Gegenteil: Mit ihren Kochbuch „Besessen. Meine Kochmemoiren“ möchte sie sowohl Männer als auch Frauen davon überzeugen, das Kochen und die eigene Küche wieder für sich zu entdecken und Fast Food hinter sich zu lassen. Das Buch hat jedoch auch sehr viel mit Elisabeth Bronfens eigener Geschichte zu tun, wie sie erklärt: „Ich habe das Schreiben dieses Buches zum Anlass genommen, um mich in meine eigene Kochbuchsammlung zu vertiefen, auf der Suche nach Kochprinzipien aber auch der Geschichte des Kochens und des Festens. Zugleich aber war es auch eine Erforschung dessen, wie für mich Kochen ein Stück ganz persönlicher Familiengeschichte ist.“

Wie die Wiederaufnahme eines höfischen Rituals

Gekocht wurde auch am Hof der englischen Königin Elisabeth I. und an den englischen Hof erinnert Elisabeth Bronfen ihre Ernennung zur FAU-Botschafterin: „Es fühlt sich ein wenig so an, wie die Wiederaufnahme eines alten, höfischen Rituals: Gesandte aus nah und fern kommen an den Hof Elisabeths I., um an ihrem umfangreichen Wissen teilzuhaben.“ Elisabeth Bronfen möchte als FAU-Botschafterin ihr Wissen und ihr Netzwerk ebenfalls teilen, vor allem im Bereich Kultur- und Medienwissenschaften. Allerdings ohne kalkweiß geschminktes Gesicht und Krone, dafür aber mit viel Herzblut.


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FAU-Magazin alexander Nr. 113

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