Römerboot voraus

An einem Strand liegt das Römerboot. Im Hintergrund geht die Sonne unter, es ist leicht bewölkt.
Abends am Donaustrand in Stephanposching: die Danuvina alacris. (Bild: Samuel de Silva)

Die Geschichte der abenteuerlichen Fahrt der Danuvina alacris und ihrer Besatzung die Donau hinab

‚Roma aeterna, Roma aeterna! Danuvina alacris!‘ Unter Jubelrufen legt das 18 Meter lange Holzboot von der Anlegestelle ab. Der schwarz, rot, gelb und grün bemalte Rumpf dreht sich in die Strömung und fährt hinaus auf den mächtigen Fluss an der Stelle, wo Inn und Ilz in die Donau fließen, das sogenannten Dreiflüsseeck. Mit an Bord sind Besucherinnen und Besucher des Festes hier in Passau; sie sitzen gemeinsam mit einigen aus der Stammbesatzung, die die letzten Tage das Boot die Donau hinab gerudert hat, an den Riemen, während Projektleiter Boris Dreyer am Steuer steht.

Der 23. Juli ist der letzte Tag, an dem die Männer und Frauen für längere Zeit auf den Ruderbänken der Danuvina alacris Platz nehmen, bevor sie an eine Besatzung aus Österreich übergeben wird. Das Römerboot fährt dann weiter die Donau hinab bis Galati in Rumänien. Bis Budapest übernimmt das Team aus Österreich, dann übernehmen Teams aus den jeweiligen Ländern, durch die die Danuvina alacris noch fährt. In den letzten sieben Tagen haben Boris Dreyer und seine Mannschaft den Nachbau eines römischen Patrouillenbootes auf deutscher Seite erfolgreich durch allerlei Untiefen gesteuert und gestern erst sind sie, nach einer Woche Fahrt, in Passau eingelaufen. Gestartet waren sie in Kelheim, obwohl dies so nicht geplant war.

Schwieriger Start

Mittwoch, der 13. Juli 2022. Die Vorbereitungen für den Connecting Cruise des EU-Interregprogramms „Living Danube Limes“ laufen auf Hochtouren. Es ist der Tag vor dem geplanten Aufbruch nach Ingolstadt. Von dort aus sollen die Danuvina alacris und die F.A.N. starten. Da trifft die Meldung ein, dass die Weltenburger Enge gesperrt ist. Das macht eine Durchfahrt von Ingolstadt, wo die Reise starten sollte, bis nach Kelheim unmöglich. „Wir beriefen für den Abend eilig eine Zoomkonferenz mit den Beteiligten ein“, erzählt Prof. Dr. Boris Dreyer, Projektleiter und Verantwortlicher für die deutsche Donauetappe. „Wir mussten alle bis Kelheim gemachten Planungen umwerfen. Eining, die erste Station nach Ingolstadt, sagte umgehend die umfangreich vorbereiteten Festlichkeiten ab.“ Am 14. Juli überführen Dreyer und sein Team dann Mithilfe einer speziellen Transportfirma das neue Römerboot nach Ingolstadt. Die F.A.N. wird von einem der Helfer mit dem für den Transport der F.A.N. gefertigten Spezialtrailer gebracht.

Bebilderung Artikel
Die Legionäre der Legio III (l.) und ihr Zenturio bringen ein Opfer an die Götter dar. (Bild: FAU/Mathias Orgeldinger)

Der Zenturio hält eine Papyrusrolle vor sich. Seinen Helm hat er abgelegt, den dunkelroten Mantel, das paludamentum, ein Stück über den Kopf gezogen. Die Männer der Legio III Italica und der Cohors IX Batavorum haben links und rechts von ihm Aufstellung genommen. Auf dem steinernen Altar verbrennt ein kleines Opfer aus Weihrauch. Feine Rauchwolken steigen sich kräuselnd in die Höhe. Wie einst die Römer, ruft der Zenturio die Götter an, den Schiffen und ihren Besatzungen auf ihrer Fahrt beizustehen und ihnen eine sichere Reise zu gewähren.

Am 15. Juli findet in Ingolstadt ein Fest zur Abfahrt statt, das extra auf Land verlegt wurde und auf großes Interesse bei der Einwohnerschaft Ingolstadts stößt. Mit vor Ort mehrere Reenactmentgruppen: Die Legio III Italica aus Ingolstadt und eine Kohorte Bataver aus Ruffenhofen. Die in leuchtenden Farben bemalte Danuvina alacris selbst ist an diesem Tag besonders geschmückt. An ihrer Seite hängen die großen ockergelb bemalten Rundschilde mit dem Abbild einer Victoria, der römischen Siegesgöttin. Freiwillige Helferinnen und Helfer und Studierende haben sie unter Anleitung der wissenschaftlichen Mitarbeiterin an der Professur für Alte Geschichte, Christina Sponsel-Schaffner, über die letzten zwei Jahre gefertigt.

Zum ersten Mal vereint

Samstag, der 16. Juli. Die Danuvina alacris und die F.A.N. werden mit Tieflader und Anhänger über Land nach Kelheim gebracht, wo eine Spezialfirma sie im Gewerbehafen per Kran zu Wasser lässt. Nun stoßen auch die Besatzungen, die zuvor schon in Ingolstadt dabei waren, wieder hinzu. Am Sonntag werden sie die beiden Boote an die Anlegestelle Altmühltal in Kelheim rudern.

Bebilderung Artikel
Blick auf die Regina und die Danuvina Alacris von der F.A.N. aus. (Bild: FAU/Mathias Orgeldinger)

Angetan in ihren roten Tuniken geben die Frauen und Männer ein prächtiges Bild ab, während sie auf den Ruderbänken arbeiten und mit abgestimmten Schlägen die bunt bemalten Boote durch die Flussströmung bewegen. Langsam nähern sich die Erlanger Schwesterschiffe der Anlegestelle, wo schon die Regina und ihre Besatzung warten. Das in hellem Blau gestrichene Römerboot aus Regensburg ist bereits von weitem zu erkennen, ebenso wie die blauen Tuniken ihrer Besatzung. Grußworte hallen über das Wasser und vermischen sich mit dem Geräusch von Riemen, die über die Bordwand eingeholt werden, während die Danuvina alacris und die F.A.N. längsseits gehen, um an der Regina festzumachen.

Am nächsten Morgen, es ist ein Montag, geben die Bootsführer Befehl zum Ablegen. Die Sonne steht schon am blau leuchtenden Himmel. Die drei miteinander vertäuten Boote lösen sich voneinander. Wieder das Geräusch von Holz auf Holz, als die Riemen ausgefahren werden, gefolgt vom leisen Klatschen, als sie ins Wasser tauchen; dann setzt sich der Verband römischer Boote langsam in Bewegung. Die Danuvina alacris übernimmt zunächst die Führung, gefolgt von der F.A.N. und der Regina.

Es ist ein historischer Moment:  Zum ersten Mal seit mehr als 1600 Jahren sind wieder drei römische Patrouillenboote vereint und schicken sich an, die Donau im Verband hinab zu fahren – zumindest ein Stück weit. Etwa 30 Kilometer beträgt die gemeinsame Strecke von Kelheim bis zu Naabspitz in Regensburg, die Heimat der Regina.

Unter sengender Sonne kämpfen sich die Boote voran. Die Luft flimmert in der Hitze und das Wasser der träge dahinfließenden Donau glitzert hin und wieder, wenn sich Sonnenstrahlen in den kleinen Bugwellen brechen, die die drei Boote vor sich herschieben. Schweiß steht auf der Stirn eines jeden Einzelnen an Bord. Die Männer und Frauen auf der Danuvina alacris und der F.A.N. müssen doppelt hart arbeiten, da die beiden Erlanger Boote nicht vollbesetzt sind. Schlag um Schlag tauchen die Riemen wie aufeinander abgestimmt in das blaue Wasser, treiben die Flussboote vorwärts. Unterwegs können die Besatzungen am Ufer immer wieder Männer in römischen Rüstungen auf Pferden und Frauen in Tuniken erkennen, die sie vom Ufer aus grüßen. Die Gruppe führt auch einen Pferdewagen mit sich. Ein römisches Geschütz, bewacht von Soldaten, ist zudem bedrohlich auf den Fluss und die Boote gerichtet.

Bebilderung Artikel
Fast wie vor 2000 Jahren – Ein römisches Geschütz überwacht die vorbeifahrenden Boote. (Bild: FAU/Alexander Hilverda)

Was an eine Begegnung erinnert, wie sie sich vor 2000 Jahren hätte abspielen können, ist der Versorgungstrupp, der die Römerboote begleitet, verstärkt durch berittene Reenactoren mit einem pferdegezogenen Wagen. Diese grüßen den Verband in Kostümen immer wieder an geeigneten Stellen von Land aus. Das Geschütz ist eines der beiden antiken Feldgeschütze, die Studierende der FAU rekonstruiert und gebaut haben. Projektleiter Dreyer führt unterwegs aber auch Messungen an den Erlanger Booten durch: „So sollen unterschiedliche Strömungsverhalten und Schlagtaktungen erschlossen werden. Die Ergebnisse werten die Kollegen und Kolleginnen aus den Strömungswissenschaften und der Sportmedizin der FAU und der Hochschule Weihenstephan aus.“

In Naabspitz angekommen, steht an diesem Abend aber noch eine schwere Entscheidung aus.

Das Horn der Fortuna

Da zu erwarten ist, dass es heiß und die Strömung weiterhin gering bleibt, entschließt sich Projektleiter Boris Dreyer schweren Herzens, die F.A.N. bei den Freunden in Regensburg zurückzulassen, die Crews zusammenzuwerfen und die Danuvina alacris alleine an ihr Ziel zu bringen. Diese Entscheidung schont die Kräfte der Männer und Frauen.

Am Dienstag, den 19. Juli, geht es auf die nächste Etappe, etwa 30 Kilometer stromabwärts nach Pfatter. Während das Patrouillenboot sich auf der Donau weiter Richtung Passau vorkämpft, sind die Herausforderungen an Land aber nicht kleiner. „Der Versorgungs- und Begleittrupp fuhr immer voraus, um geeignete Stellen zu suchen, wo die Boote haltmachen konnten oder um passende Motive für Aufnahmen suchen. Dann machte plötzlich eines unserer Fahrzeuge schlapp“, erinnert sich Boris Dreyer. „Nun mussten meine beiden wissenschaftlichen Mitarbeiter Christina Sponsel-Schaffner und Alexander Hilverda zusammen mit dem freiwilligen Helfer Peter Schedel auch noch als Automechaniker tätig werden. Am Ende gelang es ihnen jedoch, den Wagen wieder flott zu kriegen.“

Bebilderung
Die Danuvina Alacris vor der Walhalla hinter Regensburg. (Bild:FAU/Mathias Orgeldinger)

Es kommt Wind auf. Er bringt aber nur wenig Abkühlung, denn er weht aus Osten, der Besatzung der Danuvina alacris direkt ins Gesicht. Plötzlich ist es fraglich, ob sie heute Abend pünktlich ans Ziel kommen. Die Besatzung muss sich noch mehr ins Zeug legen. Arme und Schultern schmerzen, die Sonne brennt auf der Haut. Auf der linken zieht die Walhalla vorbei. Wuchtig thront der Nachbau eines griechischen Tempels auf seinem Sockel und blickt hinab auf den Nachbau eines römischen Bootes. Mit vereinten Kräften gelingt es der Crew gerade noch rechtzeitig, das Römerboot nach Pfatter zu bringen. Dort warten Einwohner sowie der Bürgermeister und begrüßen die Besatzung herzlich. Für die Weiterfahrt am nächsten Tag verspricht er Unterstützung und stellt unter anderem Begleitboote zur Verfügung.

Am nächsten Tag brennt die Sonne erneut vom Himmel herab und die Temperaturen sinken nicht. Es kommt immer noch keine Strömung auf, die das Vorankommen leichter machen würde; hinzu kommt der kräfteraubende Gegenwind aus Osten. Die Stimmung ist gedrückt und die nächste Etappe 58 Kilometer lang. Ein riesiger Brocken, an dem sich die Besatzung der Danuvina alacris auch verschlucken könnte.

Auf der Hälfte der Strecke macht das Erlanger Boot dann in der Schleuse Straubing halt. „Dank eines wirklich deliziösen Mahls, stieg die Stimmung an Bord sofort“, erinnert sich Boris Dreyer. „Als wir weiterfuhren, wurden wir dann ein Stück von den Begleitbooten geschleppt, die letzten Kilometer ruderten wir wieder selbst. So kamen wir pünktlich um 18.00 Uhr in Stephansposching an, wo wir von den Einwohnern und politischen Würdenträgerinnen und –trägern des Ortes begrüßt wurden.“

Doch da leert Fortuna, die Göttin des Schicksals, wie schon so häufig auf dieser Reise, ihr Füllhorn über dem Erlanger Boot aus. Und ihre Gaben müssen nicht immer gut sein: Während einer Besucherfahrt am selben Abend noch, rammt ein Boot der Wasserwacht unabsichtlich die Danuvina alacris und zertrümmerte dabei vier Riemen. Beim Umräumen geht außerdem noch das Gestänge des Lateinersegels zu Bruch, die sogenannte Lateinerrute. Die Crew muss es bis spät in die Nacht reparieren. Am Morgen des 21. Juli geht es dann weiter Richtung Vilshofen. Vor der Danuvina alacris liegt eine Strecke von 40 Kilometern.

Wind im Segel

Bebilderung Artikel
Bootsführer Boris Dreyer (m.) lässt den Mast aufstellen. (Bild: FAU/Margit Schedel)

Über Nacht hat das Wetter gewechselt. Der Wind steht günstig, kommt von hinten. Da auf den nächsten 20 Kilometern keine Brücken über die Donau führen, entschließt sich der Bootsführer, das in der letzten Nacht geschiente Lateinersegel zu hissen. Als das längs zur Fahrtrichtung verlaufende Segel den Wind fängt, bläht es sich auf und die Danuvina alacris nimmt langsam Fahrt auf. Die erfahrenen Segelleute in der Besatzung haben sie gut unter Kontrolle. Kurze Zeit später schießt der hölzerne Rumpf in seinen bunten Farben fröhlich über das Wasser und erreicht, angetrieben nur durch das Segel, eine Geschwindigkeit von 13 Stundenkilometer.

„Zum ersten Mal seit der Antike fuhr ein Boot unter diesen Bedingungen die Donau hinab. Dabei konnten wir ausreichend Messungen zum Segelverhalten mit einem Lateinersegel aus Leinen vornehmen, was die Forschung ein großes Stück voranbringen wird“, erklärt Boris Dreyer. So kommt das Römerboot mit einer eingespielten und hochmotivierten Crew vor der geplanten Zeit in Vilshofen an.

Noch ein weiteres Mal zeigt sich, wie wechselhaft die Launen Fortunas sein können: Der Projektleiter bemerkte hier, dass er sein Mobiltelefon verloren hatte, mit all den Mess- und GPS-Daten der Reise. „Allerdings hatte ich Glück im Unglück: Ein ehrlicher Finder hatte das Handy aufgeladen und so möglich gemacht, dass ich zwei Tage später seinem Signal in einem Parforce-Ritt folgen konnte und das Handy wiederbekam“, erzählt Boris Dreyer.

Vale!

Am 22. Juli, um 11 Uhr tritt die Danuvina alacris zu ihrer letzten Etappe an. Auch an diesem Morgen ist es heiß, die Strömung schwach und vor den Männern und Frauen der Besatzung liegen 35 Kilometer Ruderstrecke. Dennoch herrscht Hochstimmung unter ihnen. Die Truppe legt sich ein letztes Mal ins Zeug – und kommt schneller als erwartet vor laufender Fernsehkamera endlich in Passau an.

Am 24. Juli ist es soweit: Nach dem gestrigen Fest in Passau, wird die Danuvina alacris an eine andere Crew übergeben. Das Team aus Österreich ist gut auf ihre Aufgabe vorbereitet und so verabschiedet sich die Erlanger Besatzung von ihrem Boot, an dem sie die letzten eineinhalb Jahre gebaut hat und das sie sicher die Donau hinab getragen hat. Dann brechen sie auf, um die kleine Schwester, die in Regensburg wartet, abzuholen und zurück zu ihrem Liegeplatz in den Altmühlsee zu bringen.

Weitere Informationen

Prof. Dr. Boris Dreyer
Professur für Alte Geschichte
Tel: 09131/85-25768
boris.dreyer@fau.de