Das Eis Afrikas verschwindet

Giant Groundsels with Mount Kenya in the clouds
Mount Kenia: Eine von drei Gletscherregionen Afrikas, die nicht weit vom Äquator entfernt mitten in den Tropen liegen .(Bild: AdobeStock/salparadis

Tropische Eisflächen zeigen Tempo des Klimawandels auf

Die wenigen Gletscher Afrikas sind längst zu einem wichtigen Indikator geworden, der zeigt, wie schnell und stark der Klimawandel die Erde verändert. Das Eis auf den hohen Gipfeln des Kontinents verschwindet rasch, bis Mitte des Jahrhunderts könnte Afrika seine weißen Kappen verloren haben. Wie schnell die Gletscher dort tatsächlich schrumpfen, haben jetzt die Master-Studentin Anne Hinzmann und ihre Betreuer Prof. Dr. Thomas Mölg und Prof. Dr. Matthias Braun am Institut für Geographie der FAU zusammen mit den Universitäten in Otago in Neuseeland, Massachusetts in den USA und Innsbruck in Österreich im Fachorgan Environmental Research festgestellt: Seit den ersten Jahren des 21. Jahrhunderts hat die Eisfläche Afrikas sich mehr als halbiert.

Mit dieser Studie schließt die Gruppe eine Lücke: „Genaue Daten aus den vergangenen Jahren gab es nämlich keine“, erklärt Anne Hinzmann. Vom 5199 Meter hohen Mount Kenia im gleichnamigen Staat wurde die Gletscherfläche immerhin 2016 zum letzten Mal genau bestimmt, am 5985 Meter hohen Kilimandscharo im Norden Tansanias stammen vergleichbare Daten dagegen aus dem Jahr 2011 und am 5109 Meter hohen Ruwenzori-Gebirge an der Grenze zwischen Uganda und der Demokratischen Republik Kongo war die letzte Messung der Gletscherfläche sogar schon 2005.

Besonders interessant sind diese drei einzigen Gletscherregionen Afrikas, weil sie nicht weit vom Äquator entfernt mitten in den Tropen liegen. Eis bildet sich auf natürlichem Weg dort nur deshalb, weil die Gipfel sehr hoch und damit in kalten Regionen liegen. Nimmt das Eis dort ab, sollte das also anders als zum Beispiel in den Alpen Europas nicht unmittelbar mit den in diesen Gebieten durch den Klimawandel steigenden Temperaturen in Verbindung gebracht werden.

Verändert haben sich in dieser Region dagegen die Niederschläge, wie unter anderem FAU-Forscher Prof. Thomas Mölg und seine Gruppe schon vor einigen Jahren festgestellt haben. Diese wiederum konzentrieren sich im Osten Afrikas auf zwei Regenzeiten von Oktober oder November bis in den Dezember, sowie von März bis Mai, während es in der restlichen Zeit meist trocken bleibt. Von den starken Niederschläger der Regenzeiten erreicht nur ein kleinerer Teil die Hochlagen. Und das in fester Form als Schnee.

Bleiben die durchschnittlichen Temperaturen wie in den hohen Gebieten des Kilimandscharos, des Mount Kenias und des Ruwenzori-Gebirges im Jahresmittel unter dem Gefrierpunkt, bleibt dieser Schnee liegen und wird spätestens in der nächsten Regenzeit unter einer neuen weißen Decke begraben. Mit der Zeit drückt daher immer mehr Schnee auf die tieferen Lagen, presst die untersten Schichten zu Eis zusammen und bildet so die Keimzelle für einen Gletscher. Nehmen die Niederschläge ab, fehlt dem Eis der Nachschub und der Gletscher beginnt, sich zurückzuziehen. Die Regenzeiten aber werden schon seit Ende des 19. Jahrhunderts trockener, seither begannen auch die Gletscher zu schrumpfen. Wie schnell dieser Prozess abläuft, das wollte FAU-Studentin Anne Hinzmann mit hochauflösenden Satelliten-Aufnahmen herausbekommen, die täglich von jedem Gebiet gemacht werden. „Allerdings können wir nicht jede dieser Aufnahmen nutzen“, sagt Anne Hinzmann. Zum Beispiel bilden sich an hohen Bergen in warmen Gefilden tagsüber oft Wolken, die dann den Blick auf die Eismassen verdecken. Aber auch bei Sonnenschein ist die Auswertung dieser Daten relativ aufwändig, weil zum Beispiel Schneefelder von Eisflächen unterschieden werden müssen und weil der Schatten vor allem bei tiefstehender Sonne die Bilder verändert.

Am Ende der Auswertungen aber liefern die Daten ein durchaus drastisches Bild. „Seit die Gletscherflächen um die Jahrhundertwende vom 19. zum 20 Jahrhundert zum ersten Mal kartiert wurden, sind mehr als 90 Prozent ihrer Flächen verschwunden“, erklärt Anne Hinzmann. Waren es 1899 am Mount Kenia noch 1,64, waren davon 2021/2022 nur noch 0,07 Quadratkilometer übrig. Im Ruwenzori-Gebirge schrumpfte das Eis von 6,51 im Jahr 1906 auf gerade einmal 0,38 Quadratkilometer und selbst die größte Eisfläche Afrikas am Kilimandscharo ging von 11,4 im Jahr 1900 auf 0,98 Quadratkilometer zwischen 2021 und 2022 zurück. Der Klima-Indikator der Gletscher in den Tropenregionen zeigt also nicht nur, dass der Klimawandel schon lange begonnen hat, sondern auch, dass er rasend schnell weitergeht. „So ein starker Rückgang ist erschreckend“, sagt FAU-Forscherin Anne Hinzmann. „An den Gletschern in Afrika sieht man die Auswirkungen des Klimawandels sehr deutlich.“

Dabei spielen die in dieser Region veränderten Niederschläge ebenfalls eine wichtige Rolle: Es bilden sich ja nicht nur weniger Regenwolken, sondern es gibt auch mehr wolkenlose Tage, und damit mehr Sonnenschein auf dem Gletscher. Dieser kann selbst bei Minusgraden das Eis direkt in Wasserdampf und Luftfeuchtigkeit verwandeln – und nagt so an den Gletschern. Und auch das passiert keineswegs gleichmäßig. So scheint in Mulden weniger Sonne, und das Eis hält sich in solchen geschützten Lagen länger. Ähnliches gilt für Gletscher an Westhängen, die am Nachmittag viel Sonnenschein abbekommen könnten, dann aber öfter als andere Lagen von Wolken verhangen sind. Dort kommt daher weniger Sonnenenergie an, und das Eis wird langsamer angegriffen. Abgesehen von solchen Fällen aber zeigen also ausgerechnet die wenigen Eisflächen der Tropen besonders deutlich, welch hohes Tempo der Klimawandel bereits heute erreicht hat.

Weitere Informationen:

DOI: https://doi.org/10.1088/2752-5295/ad1fd7

Anne Hinzmann
anne.hinzmann@fau.de

Prof. Dr. Thomas Mölg
Professur für Klimatologie
thomas.moelg@fau.de

Prof. Dr. Matthias Braun
Professur für Geographie (Fernerkundung und GIS)
matthias.h.braun@fau.de