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Blutverdünner und Hirnblutung – neue Therapieempfehlungen nach Studie

Prof. Dr. Hagen Huttner zeigt auf der neurologischen Intensivstation des Uni-Klinikums Erlangen auf das CT-Bild einer Hirnblutung. Bild: Uni-Klinikum Erlangen

Größte Erhebung zur Akut- und Langzeittherapie

Blutverdünnende Medikamente sollen Patienten unter anderem vor Herzinfarkt oder Schlaganfall schützen. Kam es aber durch die Blutverdünnung zur Hirnblutung, dann gab es bislang keine fundierte Empfehlung zur Akut- und zur Langzeittherapie. Unter der Federführung der Neurologischen Klinik des Universitätsklinikums Erlangen hat jetzt ein bundesweites Forscherteam die weltweit größte Gruppe an Patienten nach Hirnblutung analysiert.

Die Studienergebnisse weisen nach Ansicht von Prof. Schwab den Weg zur Therapieempfehlung: „Während der Akutphase einer Hirnblutung sollte die blutverdünnende Wirkung von Medikamenten möglichst vollständig neutralisiert werden. Im weiteren Verlauf bietet die Wiederaufnahme der Blutverdünnung in der Langzeittherapie einen Schutz vor Schlaganfällen, ohne das Risiko für eine wiederkehrende Hirnblutung zu erhöhen“, sagt Prof. Schwab.

Experten aus 19 Uni-Klinika und Krankenhäusern der Maximalversorgung haben über fünf Jahre hinweg bundesweit die Daten von über 1.000 Schlaganfallpatienten ausgewertet und diejenigen Patienten neurologisch nachbeobachtet, die mit Blutverdünnungsmittel (beispielsweise Marcumar) therapiert wurden. Die Ergebnisse dieser bislang größten Studie zum Thema „Blutverdünner und Hirnblutung“ wurden jetzt (24.02.2015) im „Journal of the American Medical Association“ (JAMA) veröffentlicht. Die Analyse untersuchte einerseits verschiedene Akuttherapien zur Normalisierung der gestörten Gerinnung und zum Blutdruckmanagement, anderseits wurde das Auftreten von erneuten Hirnblutungen oder Schlaganfällen während des einjährigen Nachbeobachtungszeitraums in Abhängigkeit von einer erneuten Blutverdünnung verglichen.

Dr. Joji Kuramatsu, Erstautor der Studie aus der Neurologischen Klinik des Uni-Klinikums Erlangen, fasst die Kernaussagen der Veröffentlichung zusammen: „Für die Akutbehandlung konnten wir feststellen, dass eine rigorose Normalisierung der Blutgerinnung durch Aufhebung der medikamentösen Blutverdünnungswirkung am wenigsten zu einer Nachblutung führte.“ Dieser Effekt konnte zusätzlich gesteigert werden, wenn die oberen Blutdruckwerte innerhalb der ersten Stunden unter 160 mmHg lagen.

Im zweiten Teil der Studie verglichen die Forscher all jene Patienten, die im Therapieverlauf erneut mit Blutverdünnern behandelt wurden, mit einer statistisch vergleichbaren Kontrollgruppe ohne Blutverdünner. Dabei wurde über ein Jahr hinweg die Häufigkeit von Schlaganfällen erfasst, sowohl solchen, die durch Minderdurchblutung entstanden, als auch erneute Hirnblutungen. „Die Wiederaufnahme der Blutverdünnung zeigte einen klaren Schutz vor Schlaganfällen, ohne gleichzeitig das erneute Auftreten der gefürchteten Hirnblutung zu begünstigen“, sagt Prof. Dr. Hagen Huttner, Oberarzt der Neurologischen Klinik. „Insofern ergab sich ein Netto-Nutzen zugunsten der Wiederaufnahme der Blutverdünnung.“

Da die Studienergebnisse ausschließlich auf einer rückwirkenden Datenauswertung basieren, wollen die Forscher nun die Ergebnisse anhand eines weiteren, unabhängigen Patientenkollektivs und mittels einer sogenannten prospektiv-randomisierten Studie überprüfen. „Derzeit kommen neue Medikamente zur Blutverdünnung auf den Markt, die vielleicht das Auftreten erneuter Hirnblutungen weiter reduzieren könnten“, so Prof. Huttner.

Schlaganfall gehört zu den großen Volkskrankheiten

Unter dem Begriff Schlaganfall werden verschiedene Krankheitsbilder zusammengefasst, die man auch als zerebrovaskuläre Erkrankungen bezeichnet. Die Symptome eines Schlaganfalls weisen auf eine Funktionsstörung bestimmter Hirnareale hin, die durch unterschiedliche Krankheitsmechanismen hervorgerufen werden können und schlagartig auftreten. In etwa 15 Prozent der Fälle wird der Schlaganfall durch eine Hirnblutung verursacht. Das heißt, ein Blutgefäß im Hirn reißt, beispielsweise durch anhaltend hohen Blutdruck. Rund 85 Prozent aller Schlaganfälle gehen auf eine Minderdurchblutung (Ischämie) einer Hirnregion mit nachfolgendem Hirninfarkt zurück.

Die wichtigsten Ursachen sind dabei Gefäßverengungen in den großen, zum Gehirn führenden Arterien, verschleppte Blutgerinnsel aus dem Herzen (kardiale Embolien) sowie Erkrankungen der kleinen Blutgefäße im Gehirn selbst (Mikroangiopathien). Blutverdünner sollen das Verklumpen und Gerinnen des Blutes verhindern, können aber ihrerseits zu einer Hirnblutung führen. Die Studie zeigt nun erstmals einen Weg auf, was Ärzte bei Patienten mit Hirnblutung bei Blutverdünnereinnahme in der Akutphase und in der weiteren Blutverdünnungstherapie beachten sollten.

Weitere Informationen für Patienten: www.neurologie.uk-erlangen.de und www.bayern-schlaganfall.de

Quelle: “Anticoagulant Reversal, Blood Pressure Levels, and Anticoagulant Resumption in Patients with Anticoagulation-related Intracerebral Hemorrhage” in: JAMA February 24, 2015, Volume 313, Number 8.

Weitere Informationen:

Prof. Dr. Hagen Huttner
Tel.: 09131 85-33001
hagen.huttner@uk-erlangen.de

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