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„Da hilft nur Aufklärung“

Prof. Dr. Peter Bubmann hält den offenen Dialog für den einzigen Weg, mit dem Thema sexuelle Vielfalt umzugehen. (Bild: Wolfgang Schuhmacher)

Theologe Peter Bubmann erläutert, wie der Umgang mit sexueller Vielfalt an Schulen gelingen kann

Gehört das Thema Homosexualität auf den Lehrplan der Schulen? Wie kann das für viele Eltern und auch Lehrer so heikle Thema mit Heranwachsenden angemessen diskutiert werden? Damit beschäftigt sich die Tagung „Identität und Geschlecht“, die am 26. Februar an der FAU stattfindet. Prof. Dr. Peter Bubmann, Professor für Praktische Theologie an der FAU, meint, dass es nur einen Weg gibt mit dem Thema sexuelle Vielfalt umzugehen: den offenen Dialog.

In welchem Alter sollten Kinder mit dem Thema sexuelle Vielfalt konfrontiert werden?

Das Thema hat verschiedene Facetten: Manche Kinder leben mit zwei Mamas oder zwei Papas zusammen. Hier geht es um Lebensformen, in denen Menschen ihre sexuelle Orientierung und Identität gestalten. Diese Lebensformen sind heute öffentlich sichtbar und sollten daher ab dem Kindergartenalter thematisiert werden: in Kindertagesstätten, in Kinderbüchern und zwar eher beiläufig, ohne sie zu einem Problem aufzubauschen.

Zum anderen geht es um Fragen der Geschlechtsidentität und der sexuellen Orientierung. Beides gehört im Regelfall in die Phase der Pubertät und damit in die Mittelstufe der fortführenden Schulen. Genauso wie die dritte Thematisierungsebene: die sexuellen Praktiken. Diese machen sexualpädagogische Aufklärung und ethische Reflexion ab der Mittelstufe erforderlich.

Ist sexuelle Vielfalt nur ein Thema für den Biologieunterricht?

Keinesfalls. Zwar kann ein guter Biologieunterricht auch die rechtlichen und ethischen Fragestellungen thematisieren. Aber noch besser ist es, wenn die Pädagogik sexueller Identität als Querschnittsdimension schulischer Bildung verstanden wird. So geschieht es grundsätzlich auch in den Lehrplänen. Im Deutschunterricht können in literarischen Texten Beispiele der Vielfalt von Lebensformen und sexueller Orientierung angesprochen werden, im Religions- und Ethikunterricht geht es um die Fragen der Verantwortlichkeit in der Gestaltung der Sexualität, im Fach Geschichte auch um die Geschichte der Diskriminierung und Emanzipation von Minderheiten, im Sozialkundeunterricht um die wenig ruhmvolle Geschichte rechtlicher Unterdrückung sexueller Vielfalt und heutige Antidiskriminierungsvorschriften etc.

Lehrer fühlen sich beim Thema Homosexualität oft unsicher. Wie kann es dann gelingen, dass sie mit Kindern und Jugendlichen offen darüber sprechen?

Homosexualität ist auch deshalb immer noch ein Reizthema, weil die je eigene, unter Umständen  durch Stereotype geprägte Wahrnehmung von Sexualität und Geschlechtsidentität auf dem Prüfstand steht. Oft ist es auch eine falsch verstandene Abdrängung aller Fragen von Sexualität und Lebensformen in den Bereich des Privaten. Dann wird ganz liberal so getan, als sei das kein Problem und keine Herausforderung für die Gesellschaft mehr. Was aber bei der Thematisierung von Religion schon nicht stimmt, stimmt erst recht nicht beim Thema Sexualität: Unsere Gesellschaft ist in all ihren Bereichen durchdrungen von Auswirkungen sexueller Prägungen, Normalitätskonzepte und Identitätsvorstellungen.

Eine spätmoderne plurale Gesellschaft lebt davon, dass die Vielfalt an Lebensformen im öffentlichen Raum thematisiert und sichtbar wird. Wo die Verschiedenen in ihrer Verschiedenheit einander anerkennen und respektieren und nicht beziehungslos, vorgeblich tolerant oder gar feindlich aneinander vorbeileben, dort entsteht wirkliche Pluralität.

Die Lehrkräfte müssten also zunächst signalisieren, dass sie diese Pluralität bejahen und in ihrer pädagogischen Praxis Vielfalt bewusst fördern und unterstützen wollen. Ansonsten ist wie bei allen persönlichen Themen eine gute Vertrauensbasis nötig, damit ein offenes Gespräch gelingen kann. Nicht jede Lehrkraft ist da per se geeignet, weshalb es ja auch besondere Beratungslehrer gibt.

Die heftigen Proteste gegen den Bildungsplan in Baden-Württemberg haben gezeigt, dass sexuelle Vielfalt für viele Menschen – auch Eltern – ein Reizwort ist. Sie fürchten um das seelische Wohl des Nachwuchses. Wie kann man damit umgehen?

Da hilft nur Aufklärung. Zum Teil handelt es sich schlicht um Fehlinformationen und Unwissen über die Anliegen der sexualpädagogischen Initiativen. Gefährdungen der nachwachsenden Generation gehen gewiss nicht primär von Schulbüchern aus, in denen Regenbogenfamilien auftauchen, sondern eher von leicht zugänglichem pornographischen Material im Internet, obwohl neuere Studien auch hier eher Entwarnung geben. Zum anderen handelt es sich auch um ideologische Nachhutgefechte um die Moderne schlechthin. Da ist das Thema der sexuellen Vielfalt nur ein Stellvertreterthema für den Streit um die Vielfalt der modernen Gesellschaft überhaupt.

Anhänger vormoderner Religionskonzepte, wie evangelikale fundamentalistische Bibellesarten, und Anhänger eines mittelalterlichen Naturrechtsdenken, vor allem aus dem römisch-katholischen Lager, verbinden sich mit teils rechtsradikalen Vorstellungen von der „natürlichen“ Sexualität  zu einer Protestbewegung derjenigen, die mit einer pluralen und damit notwendigerweise auch unübersichtlich gewordenen Gesellschaft nicht klar kommen und am liebsten nur immer zwischen schwarz und weiß, gut und böse, natürlich und unnatürlich unterscheiden wollen.

Das Leben aber ist nicht so schlicht zu ordnen, sondern immer schon vielfältiger. Oft helfen reale Begegnungen, um zu einer positiven Sicht dieser Vielfalt zu gelangen. Die Schulen sind – wie auch Hochschulen – wichtige Orte dafür, dies einzuüben.

Ausführliche Informationen zur Tagung „Identität und Geschlecht“ gibt es unter www.zfl.fau.de. Die Anmeldung ist noch bis zum 12. Februar möglich.

Weitere Informationen:

Dr. Sabina Enzelberger
Leiterin des Büros für Gender und Diversity
Tel.: 09131/85-22951
sabina.enzelberger@fau.de

Prof. Dr. Peter Bubmann
Tel.: 09131/85-22222
peter.bubmann@fau.de

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