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Der Brexit – im Gespräch mit Professor Daniel Gossel

Bild: Colourbox.de

Am 24. Juni war es soweit: Mit 51,9 Prozent stimmten die Briten für einen Austritt aus der Europäischen Union. Das Ergebnis steht fest: Die einen jubeln, die anderen weinen. Wir haben uns am Morgen nach dem Referendum mit Prof. Dr. Daniel Gossel, dem Direktor des Instituts für Fremdsprachen und Auslandskunde, getroffen. Es ist sicher, dass es eine Form des Austritts geben wird, die Folgen davon sind jedoch noch nicht abzusehen.

Hallo Herr Professor Gossel. Haben Sie mit diesem Ausgang des Referendums gerechnet?

Nein, das ist sicherlich für die meisten Beobachter überraschend gewesen. Es war bis zum Schluss sehr knapp, es gab Gründe die für ein solches Ergebnis sprachen und Gründe die für ein anderes Ergebnis gesprochen hätten.

Was wird nun die nächsten Monate passieren?

Man muss in unterschiedlichen Zeiträumen denken. In den nächsten Tagen wird nicht viel passieren, da muss erstmal der Schock verkraftet werden und der Staub sich legen. Innerhalb Großbritanniens wird es sicherlich eine neue Regierung geben. Ich gehe davon aus, dass Premierminister Cameron zurücktritt* und davon, dass die konservative Partei sich einen neuen Parteiführer suchen muss, der dann Premierminister wird.

Welche Beweggründe haben denn die Menschen, die für den Austritt gestimmt haben?

Ich denke, das muss man gründlich untersuchen. Was sicherlich dominierend Thema war, was insbesondere von den sogenannten Brexiteers, die für den Austritt Kampagne betrieben haben, dass Angstthema Immigration und Überfremdung. Ich denke das hat sehr viele Menschen bewegt und Emotionen haben eine sehr große Rolle im Vorfeld des Referendums gespielt.

Was bedeutet dieser Austritt denn nun für die EU?

Prof. Dr. Daniel Gossel

„Ein Verbleib wäre in meinen Augen die intelligentere Antwort gewesen.“ Prof. Dr. Daniel Gossel zum Brexit. (Foto: FAU)

Das ist noch nicht abzuschätzen. Es kann kurz- und mittelfristige Auswirkungen geben. Grundsätzlich bedeutet das Referendum, dass eine Empfehlung an die Regierung besteht, es umzusetzen. Sie würde damit beginnen, wenn sie offiziell einen Brief an die Kommission schreibt und damit das Austrittsverfahren Artikel 50 der Europäischen Verträge in Kraft setzen würde. Es ist die Frage, ob das jetzt sofort in den nächsten Wochen passiert. Ich denke, man wird versuchen, sich erstmal zu sortieren. Wie weit es dann noch zu anderen Austrittsbewegungen kommt, sei es, dass die Schweden, oder die Dänen, oder die Niederländer oder die Iren das überlegen, das ist noch ganz offen. Es ist sicherlich etwas, was sich über die nächsten Jahre hinziehen wird. Wenn der Brief aus London nach Brüssel kommt, setzt sich ein zweijähriger Austrittsprozess, ein Verhandlungsprozess in Gange, der sich darüber hinaus noch hinziehen kann.

Halten Sie es für wahrscheinlich, dass weitere Länder folgen werden?

Das kann man zum jetzigen Zeitpunkt eigentlich nicht seriös beantworten. Wahrscheinlich zum jetzigen Zeitpunkt nicht. Aber es gibt in all diesen Ländern auch Bewegungen, politische Bewegungen und Parteien, die sich dafür engagieren könnten. Insbesondere in den Niederlanden, Schweden und Dänemark. Sicherlich werden diese Länder auch schauen, wie die Verhandlungen der EU mit Großbritannien verlaufen.

Kapselt sich die britische Gesellschaft nun vom Rest der EU ab?

Nein, das sicherlich nicht. Die britische Gesellschaft ist, wenn man sich das Ergebnis von 51,9 Prozent ansieht, ziemlich gespalten. Insofern ist es sowieso schwierig, von „den Briten“ zu sprechen. Die Schotten und die katholischen Nordiren haben zum Beispiel für den Verbleib gestimmt. Da muss man differenzieren. London wird immer eine offene Weltmetropole bleiben, daran wird sich nichts ändern. Es hat natürlich immer Menschen in Großbritannien gegeben, die Angst vor so vielen Fremden hatten, die werden das sicher auch weiter haben. Aber Großbritannien wird weiterhin ein offenes Land bleiben, da bin ich mir sicher.

Die AfD in Deutschland, Trump in den USA und nun der Brexit in Großbritannien. Sind das alles Anzeichen einer aktuellen Politikverdrossenheit?

Die Situation ist noch komplexer. Die wachsende Verflechtung in der Globalisierung führt nicht nur dazu, dass es Gewinner gibt, sondern auch Verlierer. Das löst Sorgen aus, Sorgen über Arbeitsplätze, Mietpreise und so weiter. Dazu gehören nicht nur wirtschaftliche Aspekte, sondern auch die Themen Kommunikation und Migration. Die Menschen können sich informieren, wo es Menschen bessergeht. Die westlichen Demokratien haben Probleme diese komplexen Prozesse der Bevölkerung in der Masse verständlich zu machen. Insofern ist es in den vergangenen Jahren zu einer wachsenden Entfremdung gekommen, zwischen denen dort oben und denen dort unten. Dadurch ergibt sich eine Art „Anti-Establishment“-Bewegung.

Wie bewerten Sie persönlich den Austritt?

Ich finde es grundsätzlich bedauerlich. Ich war insofern auch überrascht über das Ergebnis, nicht nur, weil die letzten Umfragen als auch die Buchmacher, auf ein Verbleiben hingedeutet hatten, sondern weil es in meinen Augen auch die intelligentere Antwort gewesen wäre. Großbritannien tut damit einen Schritt, der mehr Nachteile als Vorteile bereitet. Ich hätte vermutet, dass sich die Briten im Abwägen des Nutzens im Common Sense für das Bleiben entschieden hätten. Aber offenbar waren doch zu viele Emotionen involviert.

* Premierminister Cameron hat seinen Rücktritt für den Herbst mittlerweile angekündigt.

Ein Interview von Milena Kühnlein, zuerst erschienen im Studierendenblog meineFAU.

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