Vom Ende der Zeit damals und heute

Islamwissenschaftler Dr. Jörn Thielman (rechts), Historiker Dr. Hans-Christian Lehner (links). (Bild: FAU/Sven Thielmann; FAU/Polina Nikolova)

Vorstellungen vom Ende der Zeit finden sich in den meisten Kulturen und sind eng mit religiösen Prophezeiungen verknüpft. Bekanntermaßen stellen da weder Christentum noch Islam eine Ausnahme dar. Aktuelle Beispiele wie der sogenannte Islamische Staat nutzen solche Prophezeiungen um ihre Handlungen zu rechtfertigen. Aber auch im christlichen Europa des Mittelalters erlebten Weltuntergangsprophezeiungen große Verbreitung.

Wir haben bei Dr. Hans Christian Lehner vom Lehrstuhl für Mittelalterliche Geschichte und Historische Hilfswissenschaften sowie dem Internationalen Kolleg für Geisteswissenschaftliche Forschung (IKGF) an der FAU und Dr. Jörn Thielmann vom Erlanger Zentrum für Islam und Recht in Europa (EZIRE) nachgefragt, wo sich Endzeitvorstellungen in Islam und Christentum ähneln und welche Wirkung diese im Mittelalter hatten und heute immer noch haben.

Endzeitentwürfe sind nach wie vor beliebt. Zumeist sind diese religiös motiviert. Woran liegt das und warum finden Menschen diese so anziehend, obwohl doch nachweislich die Apokalypse immer wieder auf sich warten lässt?

Dr. Lehner: Insbesondere in Krisenzeiten ist in der Geschichte des Christentums eine Tendenz zur historischen Konkretisierung und Vereindeutigung der Endzeit feststellbar: Schon beim Zerfall des weströmischen Reichs in der Spätantike, später in der Zeit des Investiturstreits oder im Zusammenhang mit der Expansion des Islam oder den Einfällen mächtiger Fremder wurden historisierende und  eschatologische Endzeitszenarien entworfen. Für den Aufschub des Jüngsten Tages wurden problemlos vielfältige Erklärungen angeboten, etwa das Wirken heiliger Mönche. In dieser Zeit ist eher von Endzeitfurcht als von konkreter Endzeiterwartung zu sprechen. In einer heute weitgehend säkularen Gesellschaft hat sich das Sprechen von „Endzeitstimmung“, „Endzeitszenario“ und ähnlichem in einem übertragenen Sinn erhalten.

Dr. Thielmann: Für den Islam gilt, dass die Vorstellung eines Endgerichts am Jüngsten Tag von Anfang an präsent war. Bald entwickelte sich daraus eine Lehre von den Letzen Dingen, eine Eschatologie. Die liefert bis heute Bausteine und Symbole, die Zeichen der jeweiligen Zeit zu deuten und entsprechend zu handeln. Empfundene Krisen, kollektiv wie individuell, sind da immer wieder Auslösemomente, zumal wir ja stets nicht wissen, ob es nicht diesmal tatsächlich das Ende ist.

Endzeitvorstellungen sind nicht neu. Gibt es Unterschiede beziehungsweise worin ähneln die religiösen Endzeitentwürfe des Mittelalters den aktuellen, wie zum Beispiel denen der christlichen Rechten in den USA oder dem IS?

Der Islamwissenschaftler Dr. Jörn Thielmann untersucht die endzeitvorstellungen des Islamischen Staates (Bild: FAU/Sven Thielmann)

Dr. Lehner: Solche Strömungen besitzen heute im Christentum Außenseiterstatus. Würde man dennoch einen Vergleich wagen, so ließe sich als Gemeinsamkeit festhalten, dass solchen Endzeitentwürfen der Gedanke zugrunde liegt, die eigene Geschichte auszudeuten und aus dieser Deutung Wissen über die Endzeit zu gewinnen. Im lateinisch-christlichen Mittelalter führte diese Form des Intellektualisierens von Geschichte dazu, Motive zu erkennen, Zusammenhänge zu ergründen und Kausalitäten festzustellen. Sie ebnete damit auch den Weg, unter der Oberfläche scheinbar chaotischer Ereignisabläufe,  verborgene Strömungen gesetzmäßiger Abläufe zu erkennen.

Dr. Thielmann: Dies gilt sicherlich gleichermaßen für den Islam, auch wenn die wenigsten Muslime den Deutungen Handlungen folgen ließen, um das Heilsgeschehen aktiv zu beeinflussen und das Ende beschleunigt heraufkommen zu lassen, wie es der sogenannte „Islamische Staat“ heute versucht.

Dem IS wird häufig nachgesagt, er sei ein Todeskult. Woran ließe sich so etwas festmachen, falls solch eine Aussage überhaupt korrekt ist? Und was versuchen dessen Anhänger zu erreichen?

Dr. Thielmann: Der sogenannte „Islamische Staat“ nimmt sicherlich eigene wie fremde Tode  ungehemmt in Kauf und schreckt, wie wir leider erleben mussten, vor nichts zurück. Dennoch steht er nicht für einen Todeskult. Vielmehr deutet er die Lage der Muslime im Nahen Osten und der Welt als den Kampf zwischen Gut – den Muslimen generell, dann präziser der IS-Mitglieder – und Böse – allen anderen – der am Ende der Zeiten stattfinden soll. Den will er führen als Armee des erwarteten messianischen Mahdi.

Wie verbreitet waren Endzeitentwürfe im Mittelalter innerhalb der Gesellschaft und worin unterschieden sich die Entwürfe innerhalb der Gruppe der Gelehrten von denen der restlichen Bevölkerung?

Der Historiker Dr. Hans-Christian Lehner untersucht christliche Endzeitvorstellungen im europäischen Mittelalter (Bild: FFAU/Polina Nikolova)

Dr. Lehner: Wir kennen mittelalterliche Endzeitentwürfe fast ausschließlich durch die Darstellung der Gelehrten. Eschatologisches Denken spielte dabei eine große Rolle, da das mittelalterliche christliche Weltbild vorsah, dass die von Gott erschaffene Welt von diesem ausgelöscht werden würde. Die Quellen legen zudem eine gewisse Faszination am Schauder der Endzeit nahe. Davon zeugen populäre Berichte von Jenseitsreisen, aber auch die Erzählungen zum Antichrist oder die „Fünfzehn Zeichen vor dem Jüngsten Gericht“, die vor allem im späten Mittelalter in Illustrationen, Blockbüchern oder Wand- und Glasmalereien einem breiten Publikum zugänglich gemacht wurden. Die wortgetreue Auslegung der Offenbarung und die Ineinssetzung von Geschichte und Heiliger Schrift blieb Sache der Experten.

Dr. Lehner forscht vor allem zu Zukunftsdeutung im europäischen Hochmittelalter, während Dr. Thielmann unter anderem zum Islam in Europa sowie dem politischen Islam arbeitet. Beide FAU-Forscher werden auf der öffentlich zugänglichen Konferenz „Ends of Times“, die das IKGF veranstaltet, zu ihren Forschungsgebieten sprechen. Dort diskutieren sie mit anderen Forscherinnen und Forscher unterschiedliche Vorstellungen von Jüngsten Gerichten und Errettung. Die öffentliche Veranstaltung findet vom 11. – 13. Dezember im Seminarraum, Gebäude D, Hartmannstraße 14, in Erlangen, statt. Beginn ist am Montag, dem 11. Dezember um 18.15 Uhr, an den beiden darauffolgenden Tagen jeweils um 9.30 Uhr. Der Eintritt ist frei. Eine Anmeldung bis 4. Dezember ist aus organisatorischen Gründen erwünscht, aber nicht zwingend erforderlich.

Weitere Informationen:

Webseite zum Thema und Anmeldung

Matthias Schumann
Tel.: 09131/85-64341
matthias.schumann@fau.de

Dr. Hans-Christian Lehner
Tel.: 09131/85-64343
hans.christian.lehner@fau.de

Dr. Jörn Thielmann
Tel.: 09131/85-22239
joern.thielmann@fau.de

 

 

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