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Suizid bei Jugendlichen verhindern

Collage Portraitfotos
Dr. Anja Hildebrand und Dr. Maren Weiss vom Lehrstuhl für Psychologische Diagnostik, Methodenlehre und Rechtspsychologie der FAU haben gemeinsam das Studiendesign entworfen. (Bilder: K. Nussbächer)

FAU-Forschungsteam evaluiert das Online-Suizidpräventionsprogramm [U25]

Die weltweit zweithäufigste Todesursache bei Jugendlichen zwischen 15 und 29 Jahren ist die Selbsttötung. Jährlich nehmen sich in Deutschland rund 500 junge Menschen das Leben, was neun Prozent aller Todesfälle entspricht. Und auf jeden Suizid kommen noch einmal zwischen zehn und 20 Suizidversuche. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der FAU haben jetzt das Online-Suizidpräventionsprogramm [U25] des Caritasverbands evaluiert und legen Zwischenergebnisse vor. Demnach hat sich aufgrund der besonderen Form der Beratung durch junge Menschen, die selbst maximal 25 Jahre alt sind, die allgemeine Situation bei 47 Prozent der Jugendlichen in Lebenskrisen verbessert; die Suizidgefährdung wurde signifikant reduziert.

Ein Gegenüber auf Augenhöhe

Sie kapseln sich von der Familie und vom Freundeskreis ab, verzichten auf Freizeitaktivitäten oder verschenken ihr Handy: Bei Jugendlichen können dies Alarmzeichen für eine Suizidgefährdung sein. „Klassische Beratungsangebote wie der Besuch beim Hausarzt oder der Hausärztin, die Kinder- und Jugendberatung oder eine Psychotherapie nehmen viele Jugendliche nicht in Anspruch. Sie möchten keinen 40-jährigen Psychologen, sondern ein Gegenüber auf Augenhöhe, einen Austausch mit Gleichaltrigen, um sich wirklich verstanden zu fühlen“, erklärt Dr. Anja Hildebrand vom Lehrstuhl für Psychologische Diagnostik, Methodenlehre und Rechtspsychologie, die gemeinsam mit Dr. Maren Weiss das Studiendesign entworfen hat.

Ehrenamtliche unter 25 Jahren

Daher setzt das bundesweit laufende und von der Caritas getragene Programm [U25] auf die Online-Begleitung von jungen Menschen unter 25 Jahren, die nicht mehr leben wollen. Speziell geschulte Schülerinnen und Schüler, Studierende, Azubis und Berufstätige im Alter zwischen 16 und 25 Jahren sind ehrenamtlich für verzweifelte Jugendliche in Krisensituation ansprechbar – per E-Mail, vollständig anonymisiert und ohne jegliche Terminvereinbarung. Die jugendlichen Beraterinnen und Berater arbeiten nach dem Leitmotto „begleiten, aber nicht behandeln“; Ziel ist es, Suizide zu verhindern und den Weg zu klassischen Beratungsangeboten zu ebnen.

Psychologische Diagnostik, Methodenlehre und Rechtspsychologie

Gefördert vom Bundesgesundheitsministerium evaluieren FAU-Wissenschaftler und – Wissenschaftlerinnen rund um Prof. Dr. Mark Stemmler, Inhaber des Lehrstuhls für Psychologische Diagnostik, Methodenlehre und Rechtspsychologie, aktuell das Projekt – jetzt gibt es erste Zwischenergebnisse. „Mehr als 90 Prozent der Menschen, die sich haben beraten lassen und an der Befragung teilgenommen haben, sind suizidgefährdet, gut die Hälfte hat bereits einen Suizidversuch hinter sich“, skizziert Hildebrand die Ausgangssituation. Den ersten Ergebnissen zufolge nutzen hauptsächlich Mädchen und junge Frauen das Online-Angebot, im Durchschnitt sind sie 18 Jahre alt. Vor allem Jugendliche, die von einer psychischen Erkrankung berichten und diese als sehr belastend empfinden, nehmen die Beratung in Anspruch. Mobbing oder Probleme in der Partnerschaft spielen eine untergeordnete Rolle und werden von den Jugendlichen als weniger belastend empfunden. „Das Problem ist nicht nur die Suizidgefährdung. Zusätzlich kommen im Durchschnitt fünf bis sechs weitere Probleme dazu, darunter zum Beispiel Selbstverletzung und Einsamkeit“, erläutert Stemmler.

Auch Situation der Beraterinnen und Berater untersucht

Untersucht hat das Team nicht nur das Verhalten der Nutzer des Online-Angebotes. Es analysierte auch die Situation der Beraterinnen und Berater selbst, die mit den hauptamtlichen Beschäftigten, meist pädagogische Fachkräfte, der Caritas an den Projektstandorten eng zusammenarbeiten. „Deutschlandweit werden pro Jahr mehr als 1000 suizidgefährdete Jugendliche von den jungen Peer-Beratern und -beraterinnen betreut“, sagt Hildebrand. „Manche haben Erfahrung mit einer eigenen Krise, wobei diese ein Jahr zurückliegen und abgeschlossen sein muss.“ Die Belastung der Beraterinnen und Berater, welche durch die Kommunikation mit suizidgefährdeten Menschen entstehen kann, werde eher niedrig eingeschätzt. „Die Peers empfinden das, was sie bei [U25] gelernt haben, als Belohnung und fühlen sich im Umgang mit Menschen viel sicherer.“

Fragebögen, Interviews, E-Mails

Für die Evaluierung nutzte das Team um Mark Stemmler unterschiedliche Erfassungsmethoden. Analysiert wurden bisher Dokumentationsbögen, Nutzungsfragebögen, Expertinnen- und Experteninterviews mit den Peers am [U25]-Standort Nürnberg sowie Mailverläufe, die den Weg von der ersten E-Mail verzweifelter Jugendlicher bis zur abgeschlossenen Beratung dokumentieren. Dokumentationsbögen, Mailverläufe und Fragebögen für Nutzerinnen und Nutzer sowie den Beraterstab stammen aus dem ganzen Bundesgebiet.

Noch bis Herbst 2020 wird das FAU-Projekt, das seit 2017 läuft, vom Bundesgesundheitsministerium gefördert. Projektpartner ist der Deutsche Caritasverband. Als nächstes plant das Forschungsteam die repräsentative Befragung aller [U25]-Beraterinnen und -Berater in Deutschland.

Weitere Informationen:

Dr. Anja Hildebrand
Tel.: 09131/85-64016
anja.hildebrand@fau.de

Dr. Maren Weiss
Tel.: 09131/85-64015
maren.weiss@fau.de

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