Blick in die Vergangenheit

Symbolbild zum Artikel. Der Link öffnet das Bild in einer großen Anzeige.
An der D.V.C. gibt es noch viel zu tun. Der Kiel, die Spannten und Wrangen sind errichtet. Nun folgt die Beplankung. (Bild: FAU/Giulia Iannicelli)

Workshop zum Bootsbau im antiken Rom

Ich werde beobachtet. Etwas lauert hinter dem Zaun und starrt mich an. Ich laufe weiter die Uferpromenade des Altmühlsees entlang, auf der Suche nach dem Eingang auf das Baugelände der FAU-Römerboote. Dann sehen wir uns direkt in die Augen. Ausgeblichen, aber irgendwie immer noch funkelnd, blicken mich die aufgemalten Augen der Fridericiana Alexandrina Navis (F.A.N.) an. Die Bemalung musste im Zuge von Restaurationsarbeiten entfernt werden. „Für antike Menschen waren Boote lebende Wesen, ähnlich wie Fische“, erklärt Prof. Dr. Boris Dreyer. Vielleicht hatten die Boote in der Antike deshalb Augen, vielleicht aber auch, um die Feinde beim frontalen Angriff einzuschüchtern, geklärt ist dies aber noch nicht.

Neben ihr steht die Danuvina Alacris (D.V.C.), das neue Projekt von Boris Dreyer und seinem Team. Die Danuvina ist die Rekonstruktion eines Bootes aus dem vierten Jahrhundert und entsteht im Rahmen des EU Interreg DTP Projekt „Living Danube Limes“. Das Projekt erforscht das Leben der alten Römer am Donau-Limes. Wie schon damals bei der F.A.N. arbeiten Freiwillige unter der Woche gemeinsam mit Studierenden und professionellen Bootsbauern an der DUC, diesmal sogar mit authentischem Werkzeug und Material. „Wir haben durch Überlieferungen das Baurezept, kennen die Materialien aus Analysen von Fundstücken und den Rest probieren wir aus“, erklärt Boris Dreyer.

Ein Boot aus 18 Eichen

Doch heute ist kein normaler Arbeitstag. In einem zweitägigen Workshop mit den Bootsbauern und einem Schmied zeigt das Team seine Arbeit der Öffentlichkeit. Noch rund zwanzig weitere Gäste haben sich neben mir in der Freiluftwerkstatt versammelt. Wir treffen uns an der Werkbank zwischen den beiden Booten, in einem Meer aus Hobelspänen.

Menschen in einer Werkstatt.

Bootsbauer Frank Jäcklein zeigt die unterschiedlichen Formen der Beplankung. (Bild: FAU/Giulia Iannicelli)

Sieht man die beiden Boote nebeneinander, ist klar, dass an der D.V.C. noch einiges zu tun ist. Bisher ist es nur ein Skelett. „Im Prinzip ist jedes Boot wie ein Mensch, der auf dem Rücken liegt. Der Kiel ist das Rückgrat und die Spanten und Bodenwrangen sind die Rippen“, erklärt der Bootsbauer Frank Jäcklein und deutet auf das Gerüst der Danuvina im Hintergrund, an dem bald die Planken angebracht werden sollen. Momentan trocknen die Planken, die aus 18 Eichen mit ungefähr 21 Meter Länge für die D.V.C. zugeschnitten wurden. Wir alle stehen um eine 1,5 Meter großes Modell eines Bootsrumpfes und Frank Jäcklein zeigt uns, wie man Planken auf unterschiedliche Weise anbringen kann. Bei den Wikingerbooten wurde geklinkert, dabei überlappen sich die Planken wie Ziegel. Im mediterranen Raum, also auch bei den Römern, wurde ausschließlich kraweel beplankt. Das bedeutet, dass die Planken Kante an Kante befestigt werden und so eine glatte Außenhaut entsteht, erklärt der Bootsbauer. Im Kraweelbau gibt es wiederum unterschiedliche Arten, die Planken zu befestigen. Man kann die Planken wie bei der F.A.N. ineinanderstecken, ähnlich wie bei Parkett, oder sie am Korpus festnageln, wie es bei der D.V.C. der Fall sein wird.

4000 Eisennägel sind nötig, um der D.V.C seine Außenhaut anzulegen. Sind die Planken angebracht, müssen die Spalten dazwischen noch mit Hanfseilen oder Moos gestopft werden. Das nennt sich kalfatern. Die Nägel und das robuste Eichenholz machen das Boot im fertigen Zustand fünf Tonnen schwer. Es sei dabei so stromlinienförmig wie moderne Boote und werde einen Tiefgang von maximal 30 Zentimetern haben, erklärt Prof. Dreyer. 

4000 Nägel für ein Boot

Schmied und Lehrling zeigen, wie Nägel geschmiedet werden.

Wie Eisennägel von Hand geschmiedet werden, zeigten Schmiedemeister Thomas Hürner und sein Lehrling den Teilnehmenden des Workshops. (Bild: FAU/Giulia Iannicelli)

Die Eisennägel mussten die Römer selbst herstellen, genau wie das Werkzeug, um sie zu schmieden. Wie, sieht man ein paar Meter weiter unter dem Sonnensegel auf dem Baugelände am Schlungenhof. Dort steht Schmied Thomas Hürner mit seinem Lehrling vor einem Tisch mit Steinplatten voller Glut und erklärt die Werkzeuge, die um ihn herum auf Bänken verteilt liegen: Hämmer, Zangen, Hobel, Feilen und ein würfelförmiger Amboss, der ebenfalls nach Römerfunden rekonstruiert wurde, auf einem Holzklotz. „Immer schön weiter anfeuern“, weist der Schmied seinen Lehrling an, der die Blasebälge ruhig und regelmäßig nach unten drückt. „Jetzt machen wir das Eisen warm.“ Mit warm meint der Schmied ungefähr 900 Grad. „Dann glüht das Eisen gelb und lässt sich bearbeiten“. Bei der fingerdicken Luppe, wie man das heiße Ausgangsmaterial beim Schmieden nennt, dauert das nicht so lange. Routiniert schlägt der Schmied auf die ersten paar Zentimeter der Luppe, die er mit der Zange in der linken Hand auf den Amboss hält. Dann heizt der die Luppe wieder in der Glut auf. Nach drei Durchgängen steckt er den vorderen Teil in ein Zylinderförmiges Loch in einem Eisenwürfel, das so groß ist, wie der Nagel später dick sein soll. Der restliche Eisenstab wird abgetrennt und mit einem gezielten Schlag auf das herausragende Ende entsteht der Nagelkopf. Zischend und dampfend landet der fertige Nagel zum Abkühlen im hölzernen Wassereimer.

Baumstamm wird entrindet.

Mit einer Dechsel entrinden die Bootsbauer das Holz. Jeder Bauschritt wird mit historischen Werkzeugen ausgeführt, bevor zu modernem Gerät gegriffen wird. (Bild: FAU/Giulia Iannicelli)

Jetzt dürfen die Teilnehmer an den Amboss, aber nicht, um die restlichen 3999 Nägel für die DUC zu schmieden. Ihren selbst geschmiedeten Nagel dürfen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer als Andenken mit nach Hause nehmen. „Wir können natürlich nicht alle Materialien komplett so herstellen, wie es die Römer getan haben. Die Nägel alle vom Schmied anfertigen zu lassen, wäre viel zu teuer und würde zu lange dauern“, erklärt Prof. Dreyer. Ähnlich sei es beim Fällen und Sägen der 18 Eichen für die D.V.C. gewesen. Mit einer Axt haben die Bootsbauer den ersten Baum gefällt, mit einer Dechsel entrindet und mit einer Kastensäge Planken herausgesägt. Jeder Schritt wird exemplarisch in traditioneller Arbeitsweise ausprobiert, für die restliche Arbeit benutzt das Team moderne Werkzeuge.  Diese halfen auch, die durch Corona verlorene Arbeitszeit, wieder aufzuholen. Schließlich hat Dreyer mit der D.V.C. im nächsten Jahr noch einiges vor. Bis dahin müssen die Planken abgeschliffen und Makel im Holz ausgebessert werden, bevor es an die Bemalung geht.

Die Donau entlang ans Schwarze Meer

Prof. Dr. Boris Dreyer zeigt etwas am Römerboot.

Prof. Dr. Boris Dreyer ist der Projektleiter. Die D.V.C. ist nicht das erste Römerboot, das er baut. Auch sie wird, wie schon die F.A.N. vor ihr, die Donau hinab bis an das Schwarze Meer fahren. (Bild: FAU/Giulia Iannicelli)

Nächstes Jahr, Ende Juni, soll die D.V.C. ins Wasser gelassen werden. Im Altmühlsee liegt sie eine Weile, damit das Holz quellen kann und sich kleine Lücken schließen. Dann geht es auf große Reise Richtung Meer. Gemeinsam mit der F.A.N. und der Lusoria Regina aus Regensburg fährt die D.V.C. von Ingolstadt nach Passau. Dort wird sie in die Hände der EU-Projektpartner übergeben und steuert die Donau entlang bis zum Schwarzen Meer. In dreieinhalb Monaten legt sie 2400 Kilometer zurück und durchquert zehn Länder. „Seit dem Untergang des Römischen Reichs ist keiner mehr diese Strecke gefahren. Unsere Römerboote sind die ersten seit mehr als 1600 Jahren“, betont Prof. Dreyer. Wenn die D.V.C. einen genauso festen Blick wie die F.A.N. bekommt, sollte es kein Problem sein, dieses Ziel im Auge zu behalten.

Weitere Informationen:

Prof. Dr. Boris Dreyer
Professur für Alte Geschichte
Tel: 09131/85-25768
boris.dreyer@fau.de