Auf der Jagd nach dem Unbekannten

Schatzkarte
(Illustration: Jörg Hartmann)

Die Herausforderungen von Forschungsexpeditionen

Die Verbindung von Wissenschaft und Reise weckt Neugier und Abenteuerlust: Berichte über die Entdeckungen mutiger Reisender, die weit entfernte Gebiete erkundeten und mit ihren Erkenntnissen die Welt veränderten, haben den Mythos der Forschungsreise geformt. Namen wie der Alexander von Humboldts sind weltweit geläufig, und Expeditionen wie die des deutschen Schiffes Polarstern in die Arktis stehen in langer Tradition.

Forschungsreisen mit dem ausdrücklichen Ziel, wissenschaftliches Wissen zu gewinnen, kamen im 18. Jahrhundert auf – und mussten ein Glaubwürdigkeitsproblem bewältigen. Denn die Forschungssituation unterwegs war der Arbeit im Labor diametral entgegengesetzt: Räumliche Trennung von wissenschaftlichen Partnern, die Einmaligkeit der Reise ohne Möglichkeit, sie zu wiederholen oder die Erkenntnisse durch eine (wissenschaftliche) Öffentlichkeit zu überprüfen, die Unzugänglichkeit vieler Gebiete, geringe Einflussmöglichkeiten vor Ort, mangelnde Aufenthaltsdauer, starke materielle und körperliche Einschränkungen kennzeichneten solche Unternehmungen.

Wer unter diesen Bedingungen forschen wollte, musste nicht nur gut vorbereitet sein, sondern auch glaubhaft machen können, dass auf die Forschungsergebnisse Verlass war. Um Ergebnisse von Forschungsreisen in den Bestand gesicherten Wissens überführen zu können, unterwarf die wissenschaftliche Gemeinschaft die unterwegs zentrale Methode des Erkenntnisgewinns, die wissenschaftliche Beobachtung, größtmöglicher Regulierung, Kontrolle und Habitualisierung. Forschungsreisende gingen also nach einem ganz bestimmten Muster vor, sodass auch für andere, die nicht mit dabei waren, nachvollziehbar war, wie sie unterwegs gearbeitet hatten.

Unvorhersehbares planen

In europaweit verbreiteten reisemethodischen Schriften wurden in der Frühen Neuzeit die Kunst des richtigen Reisens erörtert und Idealvorstellungen wissenschaftlicher Beobachtung formuliert. Anhand solcher Reiseanleitungen und -instruktionen sowie des dokumentarischen Materials von Expeditionen – Notizen, Skizzen, Sammlungen, Tagebücher und Publikationen – lässt sich für das 18. Jahrhundert ein Handlungsmuster der Beobachtung rekonstruieren.

Schatzkarte
(Illustration: Jörg Hartmann)

Forschungsinhalte wurden bereits vorab über die Vorbildung des Reisenden und seine Vorbereitung auf die Unternehmung festgelegt. Reiseanleitungen benannten die Fähigkeiten und Kenntnisse, über die eine Person verfügen sollte, um nutzbringend und sicher zu reisen. Leopold von Berchtolds Anweisung für Reisende (1791) etwa listet auf, in welchen „Wissenschaften“ Kenntnisse „unumgänglich notwendig“ seien: Gesetzgebung, Naturgeschichte, Mineralogie, Metallurgie, Chemie, Mathematik, Mechanik, Hydrostatik, Hydraulik und Architektur, perspektivisches Zeichnen, Erdbeschreibung, Navigation und Schiffsbaukunst, Ackerbau, Sprachen und Arithmetik. Dazu brauche es „eine lesbare und geschwinde Hand“, Zeichenfertigkeit, eine gute körperliche Verfassung, Schwimmfähigkeit, medizinische Kenntnisse, Musikgeschmack, Kunstempfinden und Menschenkenntnis, schließlich umfassende „vorläufige Bekanntschaft“ mit den Ländern, die man besuchen will. Zur Vorbereitung dienten den Reisenden die Lektüre von gedruckten oder das Abfassen eigener Kataloge mit Forschungsfragen – Fragen, die vorstrukturierten, was man unterwegs anzutreffen erwartete und zu erforschen gedachte.

Und heute?

Auch heutzutage gehen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler immer noch auf Reisen, um neues über unsere Welt herauszufinden. Wir haben drei von Ihnen, nach Ihren Erfahrungen gefragt.

Gletscherwanderungen: Geograph Prof. Matthias Braun in der Antarktis

Steppengrabungen: Archäologin Prof. Mischka in Rumänien

Walgesänge: Informatiker Prof. Elmar Nöth in den Gewässern der kanadischen Westküsten

Auch den Wissenschaftler selbst versuchten Reiseanleitungen klar zu greifen. Seiner prinzipiellen Unkontrollierbarkeit setzten sie ein moralisch hochgradig aufgeladenes Konzept einer gerichteten Aufmerksamkeit entgegen: Demnach sollte der Forschungsreisende ein integrer Beobachter mit geschulter Wahrnehmung sein, bei dem sich Leidenschaft, Begeisterung und Neugier vereinten mit einer starken Konzentration auf den Forschungsgegenstand, den er aufnahmebereit, durch Anleitung vorgeprägt, reflexionsbereit und kritisch untersuchen sollte. Der Arbeitsmodus Aufmerksamkeit trug wie die Arbeitsmaterialien, Gerätschaften und Hilfsmittel, die von zu Hause, das heißt, aus einem etablierten wissenschaftlichen Kontext, mitgeführt wurden, dazu bei, dass die Ergebnisse des Forschers nachvollziehbar und transferierbar wurden.

Widrige Bedingungen meistern

Unterwegs aber war der Reisende gezwungenermaßen Gelegenheitskünstler: Seine Arbeitsbedingungen waren von einer veränderlichen Spannung zwischen Fülle und Einschränkung der Ressourcen wie Raum, Zeit und Material geprägt. Was unterwegs erforscht wurde, entschied eine flexible Kategorie: das Bemerkenswerte. All diejenigen Phänomene, die die Aufmerksamkeit des umfassend vorgebildeten Reisenden weckten, deren er habhaft und die er mit Ertrag bearbeiten konnte – die ihm also einer Bemerkung wert erschienen –, wurden damit als wissenschaftlich sinnvolle Auswahl konzeptualisiert.

Forscher bei der Landung
(Illustration: Jörg Hartmann)

Die Ankunft in einer unbekannten Umgebung war ein mit Aufregung, Spannung, Erwartung und Tatendrang geladener Moment, dem die Forscher entgegenfieberten, auf den sie sich akribisch vorbereiteten. Humboldt etwa beschrieb seinen ersten Landgang auf Teneriffa mit seinem Gefährten Aimé Bonpland in seinem Tagebuch folgendermaßen: „Unsere Einbildungskraft war auf das angenehmste gespannt. Mit welcher Lust wir uns drei St[unden] vorher beschäftigten, unsere Pflanzenbüchsen, Thermometer, Salpetersäure und Fäustel zusammenzupacken! Der erste, zweite, der dritte Schritt, den wir ans Land thun würden, daß der eine rechts, der andere links gehen müsse, um mehr zu finden, alles war im voraus calculirt. Man muß sich in dieser Lage befunden haben, um sie ganz zu empfinden.“ (Faak(Hg.)/Humboldt 2000, 75). Bei Gelegenheit möglichst rasch und nicht zu wählerisch zu sammeln und später sorgfältig die Funde zu sichten, war auch die Strategie des französischen Botanikers Joseph Pitton de Tournefort in Kleinasien. Da die Karawane, mit der er unterwegs war, oft während der Nacht weiterzog, sammelte er Pflanzen im Dunkeln bei Mondschein auf allen vieren krabbelnd und untersuchte seine Ernte erst bei Tageslicht genauer.

Um die Beobachtungen festzuhalten, setzten die Reisenden ortsunabhängig verwendbare Techniken der Evidenzsicherung ein, unterschiedliche Kombinationen von drei Elementen: dem Beschreiben, dem Konservieren von Objekten und dem Anfertigen von Abbildungen. Diese Techniken lösten Wahrgenommenes vom Beobachter, entschieden über Art und Ordnung des produzierten Wissens und machten es transportabel sowie kommunikabel.

Forscher mit Kommunikationsproblemen
(Illustration: Jörg Hartmann)

Wesentlich geprägt waren Reiseverlauf, Beobachtungstätigkeit und Selbstverständnis des Forschers außerdem von Interaktion mit Dritten, Reisebegleitern und Einheimischen. Erst im Zusammenspiel mit anderen konnte er seine Rolle als Wissenschaftler performativ entfalten. Tourneforts Pflanzenfunde wurden vom Zeichner Claude Aubriet ins Bild gesetzt, bei Humboldts astronomischen Beobachtungen zählte Bonpland mit Blick auf die Uhr laut die Zeit mit, Samuel Gottlieb Gmelin trat im russischen Nikitzkoi als Aufklärer in Fragen der sparsamen Nutzung von Torf auf, und Johann Reinhold Forster und Georg Forster versuchten auf der Pazifikinsel Tanna, allen kommunikativen Hürden zum Trotz, den Namen einer Nuss zu erfragen, die sie im Magen einer Taube gefunden hatten.

Praktiken und Pragmatismus

Der Erkenntnisgewinn auf historischen Forschungsreisen verband Praktiken und Pragmatismus: Etablierte Praktiken der Vorbereitung, der Datensammlung und -verarbeitung sowie der Zusammenarbeit generierten glaubwürdige Beobachtungsergebnisse. Die Unkalkulierbarkeit der Reisesituation und ihre Bewältigung repräsentierte der Forscher selbst, erwartbar und augenfällig: Mit hoher Beweglichkeit, dem Drang, schwer zugängliche Orte erreichen zu wollen, Interesse an Objekten, denen niemand sonst etwas abgewinnen konnte, vielerlei Gepäck und körperlich gezeichnet.

Über die Autorin

Julia Carina Böttcher ist Wissenschaftshistorikerin am Zentralinstitut für Wissenschaftsreflexion und Schlüsselqualifikationen (ZiWiS) der FAU. Schwerpunkte ihrer Forschung sind Geschichte der Beobachtung, Forschungsreisen, Naturforschung und Politik sowie Körpergeschichte.


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