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„Wir müssen Angebote schaffen“

Prof. Dr. Magdalena Michalak setzt sich für einen sprachbewussten Unterricht ein. (Bild: Georg Pöhlein)

Sprachdidaktikerin Prof. Magdalena Michalak darüber, wie Migranten Deutsch lernen

Deutschland wird heterogener: Rund 450.000 Zuwanderer kamen 2014 nach hier. Sie alle sprechen Deutsch unterschiedlich gut: Von Migranten, die die Sprache bereits in ihrem Heimatland gelernt haben, bis hin zu Flüchtlingen, die noch nie ein Wort Deutsch gesprochen haben. Für das Bildungssystem ist diese sprachliche Heterogenität eine Herausforderung. Am Lehrstuhl für Didaktik des Deutschen als Zweitsprache erforscht Prof. Dr. Magdalena Michalak Methoden, wie Schulen mit den unterschiedlichen Sprachkenntnissen umgehen können.

Frau Professor Michalak, woran forschen Sie?

Das Feld ist relativ breit. Ich komme eigentlich aus dem Bereich Deutsch als Fremdsprache und bin dann in den Bereich Deutsch als Zweitsprache eingestiegen. Deutsch als Zweitsprache bedeutet, dass man die Sprache ungesteuert, ohne Unterricht, sozusagen auf der Straße, durch Fernsehen oder durch Kontakte lernt. Es betrifft den Erwerb und die Vermittlung des Deutschen an Lernende im Vorschulalter bis hin ins Erwachsenenalter, die einen Migrationshintergrund haben und die deutsche Sprache als ihre zweite Sprache lernen. Ihre sprachlichen Erfahrungen in der Erst- und Zweitsprache sind unterschiedlich. Diese sprachliche Vielfalt stellt unser Bildungssystem vor große Herausforderungen, weil der Umgang mit Sprache im Unterricht sich dadurch stark verändert. Bei meinen Forsch-
ungen liegt der Fokus auf Sprache in den verschiedenen Schulfächern. Alle Fächer stellen sprachliche Anforderungen an die Lernenden und deswegen müssen wir den Unterricht dementsprechend vorbereiten und auf die Lernenden und ihre Ressourcen eingehen. Wir brauchen in den Schulen einen sprachbewussten Unterricht.

Prof. Dr. Magdalena Michalak vom Lehrstuhl für Didaktik des Deutschen als Zweitsprache. (Bild: Georg Pöhlein)

Prof. Dr. Magdalena Michalak vom Lehrstuhl für Didaktik des Deutschen als Zweitsprache. (Bild: Georg Pöhlein)

Können Sie ein Beispiel dafür geben, wie Sprache auf die Fächer abgestimmt werden muss?

Man denkt immer, Mathematik sei so ein spracharmes Fach. Aber es geht nicht nur um die Formeln, die man aufschreibt. Man muss die Formeln und die Funktionen erklären. Das muss präzise formuliert werden. Normalerweise tendieren Lehrer dazu, Fachbegriffe als problematisch zu sehen. Das stimmt überhaupt nicht. Denn Fachbegriffe sind klar definiert, sie werden im Unterricht besprochen und die Definition können die Schüler notfalls nachschlagen. Problematisch ist es, aus diesen einzelnen Wörtern, einen Satz zu bauen oder gar einen ganzen Text zu schreiben, der nachvollziehbar ist. Oder überhaupt Texte zu lesen. Und gerade in Mathematik ist das wichtig, denn dort gibt es Textaufgaben. Genauso im Sportunterricht: Wissenschaftliche Studien haben nachgewiesen, dass, wenn Schüler die Aufgaben vorher schriftlich beschreiben, sie diese hinterher besser nachmachen können. In einem aktuellen Forschungsprojekt beschäftigen wir uns gerade mit Darstellungsformen wie Grafiken, Tabellen oder Diagrammen. Die sind sehr problematisch zu verbalisieren. Wir wollen erste didaktische Anleitungen entwickeln, wie Lehrer sprachliche Kompetenzen zum Umgang mit den Darstellungsformen vermitteln können.

Beim Zugang zur Sprache spielt der sozio-ökonomische Hintergrund eine große Rolle. Können Sie das erklären?

Es ist wichtig, Kindern Zugang zu Sprache zu verschaffen, ihnen viele Möglichkeiten zu geben, mit Sprache in Kontakt zu kommen. Dabei geht es sowohl um die Qualität als auch die Quantität der Angebote. Hierbei ist die Schule der wichtigste Faktor. Zusätzlich kann man den Familien Möglichkeiten aufzeigen: Bibliotheken oder verschiedene Freizeitmöglichkeiten – wie beispielsweise einen Sportverein, wo die Kinder wieder die Möglichkeit haben, verschiedenen sprachlichen Varianten zu begegnen.

Wie kann man Deutsch als Zweitsprache stärker in den Unterricht integrieren?

Deutsch als Zweitsprache ist ein Bereich, der auf die interkulturelle Pädagogik und die Fremdsprachendidaktik aufbaut. Dazu kommt noch Deutsch als Muttersprache. Wir sind also sehr interdisziplinär. Aber leider gibt es bisher wenig Zusammenarbeit mit den anderen Bereichen. Dabei wäre das wünschenswert, um die fächerübergreifende Bildungssprache aufzubauen. Denn mit dem muttersprachlichen und fremdsprachlichen Unterricht kann man beispielsweise sehr viel zum Erlernen der Zweitsprache beitragen. Die Schüler übertragen Strategien, die sie in einer Sprache gelernt haben, auf andere Sprachen.

An Ihrem Lehrstuhl betreuen Sie Projekte, in denen Studierende Migranten Deutsch beibringen. Worum geht es dabei?

Zum einen haben wir das Projekt WI.L.D., das steht für „WIr – Lernen – Deutsch“. Dabei geht es um die sprachliche Förderung von Schülern mit Migrationshintergrund über das Schuljahr hinweg. Die Studierenden arbeiten als Förderlehrer und gestalten den Unterricht selbst. Sie unterrichten die Kinder dabei nicht nur im Klassenraum, sondern machen mit ihnen auch Exkursionen, zum Beispiel ins Museum. Zum anderen betreuen wir das Projekt „Auftakt“, bei dem Studierende minderjährige Flüchtlinge, die ohne ihre Eltern nach Deutschland gekommen sind und jetzt zusammen in Wohngemeinschaften leben, unterrichten.

Einige deutschsprachige Eltern versuchen, ihre Kinder auf Englisch zu erziehen. Funktioniert das?

Nein. Das ist der falsche Weg. Wenn ich das tun will, muss ich mich fragen: Wie gut spreche ich als Elternteil wirklich Englisch? Alltagsbegriffe, Emotionen, Lieder, Reime, Gebete – all das zu können, das heißt Zweisprachigkeit. Auch die Charakteristika einer Sprache spielen eine Rolle: Das Gefühl dafür, welche Sprachkonventionen in der Sprache gelten, das fehlt. Spricht man mehrere Sprachen, überwiegt eine Sprache immer. Es wäre der Idealfall, dass man in allen Bereichen gleich entwickelt ist. Das passiert aber wohl nur bei Dolmetschern, die sich aber vielmehr spezialisieren.

Neugierig auf mehr?

alexander Nr. 99 InhaltsverzeichnisDieser Text erschien auch in unserem Magazin alexander. Weitere Themen der Ausgabe Nr. 99: ein Blick hinter die Kulissen der Langen Nacht der Wissenschaften, ein Gespräch mit Prof. Dr. Thomas Kühlein darüber, warum Hausärzte Krankheiten besser ausschließen sollten als sie zu diagnostizieren, ein Interview mit dem Kluftinger-Autor und FAU-Alumnus Michael Kobr sowie eine Umfrage unter Studierenden, die erzählen, warum sie sich ehrenamtlich engagieren.

 

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